Terror in Paris

Oberster Schweizer Jude: «Wir erwarten mehr Schutz-Massnahmen»

«Wir müssen den Dialog mit den Muslimen stärken»: Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes.

«Wir müssen den Dialog mit den Muslimen stärken»: Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes.

Auch der oberste Schweizer Jude Herbert Winter ist vom Terror betroffen. Der Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) fordert besseren Schutz für Synagogen und hofft auf die muslimischen Organisationen.

Vor einer Woche verbrachte Herbert Winter eine schlaflose Nacht. Und noch heute ist beim Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) die Betroffenheit spürbar, über das, was in Paris passiert ist. Extremismus lasse sich nur mit mehr Integration und Dialog bekämpfen, findet der 69-Jährige. Auch hoffe er, sagt er im Interview, dass die muslimischen Organisationen noch mehr tun, um ihre Jugendlichen bei der Stange zu halten.

Haben Sie die Attentate überrascht?

Herbert Winter: Ja und Nein. Ich sehe das wie Bundesrat Maurer: Es war nicht die Frage, ob, sondern wann etwas geschieht. Gerade von Frankreich wissen wir, dass es immer wieder Ziel terroristischer Attentate ist. Aber das Ausmass hat mich sehr überrascht. Diese hohe Zahl von Toten und Verletzten.

Wie ist die Stimmung bei den französischen Juden?

Sie sind verunsichert, da in der Vergangenheit nach einem Anschlag, der nichts mit dem Judentum zu tun hat, oft ein Anschlag auf ein jüdisches Ziel folgte. Doch Juden leben wie alle Franzosen möglichst normal weiter. Synagogen und jüdische Schulen waren offen. Man lässt sich nicht einschüchtern, ist aber besorgt und wachsam.

Fühlen Sie sich in der Schweiz sicher?

Wir sprechen regelmässig mit Behörden und auch dem Bundesrat. Die Gefährdung sei erhöht, heisst es seit längerem. Meist erfolgt dann der Zusatz, dass man keine konkreten Hinweise auf Anschläge habe. Wir erwarten aber mehr konkrete Massnahmen zum Schutz von Synagogen und jüdischen Schulen. Es muss jetzt etwas geschehen!

Grosse Flüchtlingsströme kommen nach Europa. Wie soll die Schweiz reagieren?

Die Schweiz als Teil Europas muss mit den Flüchtlingen menschlich und mit Würde umgehen. Sie darf keine Mauern bauen und sagen, wir wollen euch nicht. Das entspricht nicht unserer humanitären Tradition. Flüchtlinge, die mit Familien wochenlang auf der Flucht waren, tragen ein schweres Schicksal.

Verunsichert es die jüdische Gemeinschaft, wenn so viele Leute aus dem Nahen Osten ankommen?

Es kommen sicher nicht nur Freunde unserer Wertvorstellungen, und schon gar nicht nur Freunde der Juden. Es ist sicher ein Problem, dass gerade vielen Syrern zeitlebens antisemitische Propaganda eingeimpft wurde. Aber es sind Menschen, mit ihnen müssen wir würdevoll umgehen. Wichtig ist, dass der Staat alles unternimmt, um die Leute so rasch als möglich zu integrieren.

Was muss getan werden, um das gegenseitige Verständnis zu fördern?

Wir müssen den Dialog mit den Muslimen stärken. Vor allem für Jüngere müssen Begegnungsmöglichkeiten geschaffen werden. Sie sollen spüren, dass sie akzeptiert sind.

Wie arbeiten Juden und Muslime konkret zusammen?

Wir versuchen, gemeinsame Plattformen in den Städten aufzubauen. Jüngere sollen sich über Themen austauschen, die sie berühren und belasten. Gerade zwischen Juden und Muslimen gibt es relativ wenig Berührungspunkte, man wohnt nicht in denselben Gegenden, arbeitet nicht am selben Ort. Solche Begegnungsorte muss man bewusst schaffen.

Wie beurteilen Sie die Reaktion der muslimischen Dachverbände?

Ich habe mit Genugtuung festgestellt, dass die muslimischen Dachverbände Föderation Islamischer Dachorganisationen (FIDS) und Koordination Islamischer Organisationen (KIOS) sofort reagierten, und die Attentate klar verurteilt haben. Der Islamische Zentralrat hat sich nicht so klar geäussert. Auf seiner Facebookseite finden sich manchmal auch Sympathiebekundungen für den sogenannten Islamischen Staat. Nicht alle werden gelöscht. Man fragt sich, was in diesen Kreisen für ein Sammelsurium von Gedanken existiert.

Erreichen FIDS und KIOS ihre Mitglieder?

Die Dachverbände müssen sich bemühen, dass sie vor allem auch junge Menschen ansprechen. Zum Beispiel auf Facebook. Was der Islamische Zentralrat macht, zieht viele Jugendliche an.

Man hört, radikale Islamisten
hätten nichts mit dem Islam zu tun. Wie sehen Sie das?

Ich finde es schwierig, einfach zu sagen, das hat nichts mit dem Islam zu tun. Es verlangt eine Tiefenforschung: warum gibt es Islamisten? Was hat die Religion hier ausgelöst? Klar haben sich die Radikalen entfernt von Werten, die der Islam mit anderen Religionen teilt, wie Achtung der Menschenwürde und der Menschenrechte. Wichtiger aber ist, dass die Moschee- und Kulturvereine ihre Jungen bei der Stange halten können.

Besteht derzeit auch beim Judentum eine Tendenz zum Extremismus?

Bei uns gibt es alles, von agnostischen Juden bis zu Ultraorthodoxen. Und es finden Wanderungen in beide Richtungen statt: Orthodoxe, die eher säkular werden, und Säkulare, die angezogen werden von mehr Religiosität. Sie werden observanter, das heisst, sie halten mehr religiöse Gesetze ein. Aber auch die Ultraorthodoxen halten sich an unsere Gesetze.

Was sind die Herausforderungen im Dialog zwischen Juden und Muslimen?

Lange habe ich keinen Konflikt gesehen zwischen Juden und Muslimen – ausser dem Palästinakonflikt. Wir haben keine theologischen Differenzen, wir sind beide eine Minderheit in der Schweiz und wollen akzeptiert und respektiert werden. Doch der Palästinakonflikt hat dazu geführt, dass aus Katar und Saudi-Arabien krass antisemitisches Gedankengut über das Internet verbreitet wird. Auf Facebook lesen wir immer öfter: «Tötet die Juden!» und ähnliche Hetzparolen. Es geht nicht mehr alleine um Israel. Diese Entwicklung hin zu mehr Antisemitismus bereitet mir grosse Sorgen. Auch auf jüdischer Seite müssen wir das Misstrauen gegenüber den Muslimen abbauen.

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