Pädophile
Oberster Schulmeister: «Wir können nicht in die Köpfe der Lehrer hineinschauen»

Der Dachverband der Lehrer spricht sich gegen die Pädophilen- Initiative aus. Es gebe Gewissheit, dass Lehrer, die eine strafbare Handlung mit einem Kind begangen haben, nie mehr auf dem Beruf arbeiten, sagt Beat W. Zemp, Zentralpräsident.

Rinaldo Tibolla
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Beat W. Zemp, Zentralpräsident des Schweizer Lehrer-Dachverbandes.

Beat W. Zemp, Zentralpräsident des Schweizer Lehrer-Dachverbandes.

Keystone

Herr Zemp, wieso positioniert sich der Lehrerdachverband (LCH) gegen die Volksinitiative «Pädophile sollen nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfen»?

Beat W. Zemp: Wenn ein 18-jähriger Gymnasiast eine 15-jährige Schülerin einvernehmlich küsst, wird er im juristischen Sinn zu einer Person, welche die sexuelle Unversehrtheit eines Kindes beeinträchtigt. Der Kuss müsste als Sexualdelikt bestraft werden und der Betroffene würde ein lebenslängliches Berufsverbot im Umgang mit Kindern erhalten. Das wäre völlig unverhältnismässig. Zudem müssten Lehrpersonen ihre jugendlichen Schülerinnen und Schüler auf dem Schulareal vor solchen Gesetzesverstössen und Verurteilungen schützen und persönliche Situationen überwachen. Das geht zu weit.

Kritik der Gegner

Auch die Gegner der Pädophilen-Initiative wollen Kinder vor sexuellen Übergriffen schützen. Ihrer Ansicht nach ist die Initiative aber überflüssig, unvollständig und unverhältnismässig. Überflüssig darum, weil das Parlament das Anliegen bereits umgesetzt habe, und zwar besser. Die Initiative verlangt ein lebenslanges Berufs- und Tätigkeitsverbot mit Kindern und Abhängigen für vorbestrafte Pädosexuelle. Täter, die Kinder körperlich verletzten, wollten die Initianten aber weiterhin mit Kindern arbeiten lassen. (SDA)

Mit einem Ja zur Initiative hätten Sie aber die Gewissheit, dass kein Pädokrimineller mehr unterrichten kann . . .

Diese Gewissheit haben wir jetzt schon. Wenn ein pädophiler Lehrer eine strafbare Handlung begeht, wird ihm das Lehrdiplom entzogen und er landet auf der schwarzen Liste der Erziehungsdirektorenkonferenz. Das entspricht einem totalen Berufsverbot als Lehrer.

Wie ist die Stimmung bei den Lehrern?

Wir machen keine Umfragen vor Abstimmungen. Jede Lehrperson soll selber entscheiden, ob sie diese Initiative unterstützen will oder nicht. In der Stellungnahme des LCH, die wir zurzeit ausarbeiten, weisen wir aber auf die Vorteile der Gesetze hin, die das Parlament ausgearbeitet hat. Diese schützen Kinder nicht nur vor sexuellen Übergriffen, sondern auch vor körperlicher und psychischer Gewalt.

Es hat zu wenig Lehrer. Die Pädophilen-Debatte ist da nicht unbedingt hilfreich . . .

Der Lehrerberuf ist auf der Primarstufe zu einem Lehrerinnenberuf geworden. 1964 lag die Männerquote bei 50 Prozent und sank dann kontinuierlich auf vier Prozent in den heutigen Primarschulen. Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist dies insbesondere für die Knaben nicht optimal. Daher unterstützen wir Projekte, die wieder mehr Männer als Primarlehrer gewinnen wollen. Diese Männer dann alle unter den Generalverdacht Pädophilie zu stellen, wäre etwa so, wie wenn man alle Bankangestellten als mutmassliche Betrüger verdächtigen würde.

Der LCH will also mehr Männer in Lehrberufen?

Ja. Aber wer pädophile Neigungen verspürt, soll am besten einen anderen Beruf wählen, bei dem er nicht mit der «geliebten» Altersstufe in Kontakt kommt.

Wie merkt ein Schulleiter, dass ein Lehrer pädophile Neigungen hat?

Solange jemand nicht straffällig geworden ist, können wir es auch nicht wissen. Wir können nicht in die Köpfe hineinschauen. Es gibt sicherlich pädophile Lehrer, aber solange sie keine sexuellen Übergriffe machen, bleiben sie unbehelligt.

Wie fest ist der Gedanke bei den Lehrern im Hinterkopf, dass sie wegen einer möglicherweise gut gemeinten Geste plötzlich als Pädophile gelten könnten?

Die Sensibilisierung für dieses Thema ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Lehrpersonen sind viel vorsichtiger geworden. Sie vermeiden heute möglichst alle Situationen, die dazu führen könnten, dass man ihnen sexuelle Absichten vorwerfen könnte. Leider gibt es auch tragische Fälle, bei denen Lehrern zu Unrecht sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden und die dann erst Jahre später vor Gericht rehabilitiert wurden.