Heikle Äusserungen

Oberster Reformierter Gottfried Locher mit Sexismus-Vorwürfen konfrontiert

«Befriedigte Männer sind friedliche Männer»: Gottfried Locher, der oberste Reformierte der Schweiz. Keystone

«Befriedigte Männer sind friedliche Männer»: Gottfried Locher, der oberste Reformierte der Schweiz. Keystone

Heikle Äusserungen des Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes.

Unter dem Hashtag #metoo diskutieren Frauen (und teilweise auch Männer) über ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen. Angestossen wurde die Debatte auch innerhalb der Reformierten Kirche. Auf der Plattform «ref.ch» erschien kürzlich ein Beitrag zur weltweit geführten Kontroverse. Darin schildert Carla Maurer, Pfarrerin an der Swiss Church in London, ein für sie höchst irritierendes Erlebnis mit einem «hohen Schweizer reformierten Kirchenvertreter»: Dieser habe ihr bei einem kollegialen Gespräch in einem Café erklärt, «dass Männer nun mal eine aktiv-aggressive Sexualität in sich tragen würden und Frauen eine passive. Deshalb müssten Männer manchmal über Frauen herfallen, um sich sexuell ausleben zu können.»

Maurer empfand die Bemerkung nicht nur als unangebracht, sie fühlte sich nach eigenen Angaben auch unwohl, weil sie überhaupt in einen solchen Dialog verwickelt wurde. «Dabei kann man ja nur verlieren», sagt sie. Schweige man, stimme man dieser unsäglichen Aussage zu und bestätige, dass die Frau ein Objekt männlicher Begierde ist. «Hätte ich mich aber dazu geäussert, hätte ich mit dem Kirchenvertreter über meine Sexualität sprechen müssen. Das wäre absurd gewesen.»

Das, was in kirchlichen Kreisen längst vermutet wird, bestätigt sich nun: Maurer meinte keinen Geringeren als Gottfried Locher, den obersten Reformierten im Land. Auf Nachfrage der «Schweiz am Wochenende» bestätigt der 50-Jährige, dass vor zwei Jahren ein Treffen stattgefunden hat: «Ich habe mit Frau Pfarrerin Carla Maurer, einer meiner Nachfolgerinnen an der Schweizerkirche in London, vor gut zwei Jahren ein kollegiales Gespräch geführt», schreibt er in einer Stellungnahme. Unter anderem seien darin auch seine im Buch von Josef Hochstrasser «Der ‹reformierte Bischof› auf dem Prüfstand» gemachten Aussagen zur Sexualität zur Sprache gekommen.

Begegnung hinterlässt Spuren

Dieses Buch war kurz zuvor veröffentlicht worden und hatte in der Öffentlichkeit hohe Wellen geschlagen: «Befriedigte Männer sind friedliche Männer», sagt Locher darin und verurteilt dabei auch die Dienste von Prostituierten nicht. Denn: Sexuelle Männer seien unruhige Männer. Was sich in ihnen an unerfüllter Lust aufstaue, suche sich immer irgendwie ein Ventil. Zu diesen Aussagen stehe er nach wie vor, schreibt Locher. Und meint: «Von der Verharmlosung sexueller Übergriffe distanziere ich mich in aller Form.»

Pfarrerin Maurer pflichtet Lochers Darstellung zwar bei, wonach das Buch der Ausgangspunkt für dessen Aussagen zur Sexualität war. Schon diese hätten bei ihr grosses Unbehagen ausgelöst. Aber: «Das Gespräch ging auch im selben Ton über den Inhalt seines Buches hinaus.» Mehr wolle sie dazu nicht sagen. Die Begegnung habe sie aber sehr geprägt und sie habe einige Zeit gebraucht, um über diese hinwegzukommen.

Problematisches Männerbild

Dass Männer grundsätzlich triebgesteuerte Wesen sind, die ihre Triebe nicht zu kontrollieren wissen, sondern über Frauen herfallen müssen – ein solches Männerbild findet Sibylle Forrer, Pfarrerin der reformierten Kirche Kilchberg, für höchst problematisch: «Gerade als Mann würde ich mich stark dagegen wehren.» Und: «Wenn eine Führungsperson solche höchst problematischen Vorstellungen mit sich herumträgt, frage ich mich, wie sich das auf ihre Arbeit und im kirchlichen Kontext auch auf ihre Theologie auswirkt.»

Für Forrer ist das Setting aber ausschlaggebend, in dem solche Äusserungen gemacht werden: «Wenn man sich unter Freunden auf diese Weise auslasse, sei das eine Sache. «Aber als Chef mit einer Untergebenen in einem rein beruflichen Verhältnis, da nütze ich meine Machtposition aus.» Stefan Jütte von der Reformierten Kirche des Kantons Zürich, der sich als einer der wenigen Männer in der #metoo-Debatte zur Wort gemeldet hat, meint: «Die Kirche hat ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sie einerseits die Anliegen der #metoo-Kampagne mittragen will, zugleich aber von ganz oben ein solches Männerbild vertreten wird.» Die Kultur in der Kirche sei noch nicht da, wo sie sein sollte. Lochers Ansichten seien dafür bezeichnend.

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