Katholische Kirche

Oberste Schweizer Ordensschwester: «Höchste Zeit, dass Frauen Priesterinnen werden»

Simone Buchs ist Priorin des Klosters Heiligkreuz in Cham. Dort lebt sie mit knapp 60 weiteren Ordensfrauen.

Simone Buchs ist oberste Ordensschwester in der Deutschschweiz. Im Interview stellt sie eine klare Forderung. Und sie sagt, es sei ein Skandal, wie Männer in der katholischen Kirche mit Frauen umgehen.

Es war ein weiteres Eingeständnis: Noch vor der Missbrauchskonferenz letzte Woche gab Papst Franziskus zu, dass auch Ordensfrauen von Priestern missbraucht worden seien. Und dies geschehe wohl noch immer, sagte der Pontifex. Ist das auch in der Schweiz passiert? Das wollten wir von Schwester Simone wissen. Sie ist Präsidentin der Vereinigung der Ordensoberinnen der deutschsprachigen Schweiz und Liechtensteins. Männer – Bischöfe oder Psychologen – haben sich mehrfach zu übergriffigen Priestern geäussert. Doch was sagen die Frauen in der katholischen Kirche? Schwester Simone führt in ein Sitzungszimmer des Klosters Heiligkreuz in Cham. «Dann schiessen Sie mal los», sagt die Benediktinerin, beugt sich vor und faltete ihre Hände vor sich auf dem Tisch.

Schwester Simone, Sie sind Priorin des Klosters Heiligkreuz in Cham. Als Präsidentin der Ordensoberinnen der deutschsprachigen Schweiz stehen Sie etwa 1300 Frauen vor und sind somit eine der mächtigsten Frauen in der katholischen Kirche.

Nein, überhaupt nicht. In der Vereinigung geht es um gegenseitige Unterstützung und um einen Austausch. Zudem sind der Vorstand und die Präsidentin demokratisch gewählt.

Auch eine demokratisch gewählte Präsidentin bekommt Macht.

Das Amt ist nicht direktiv, ich könnte also kaum direkt eingreifen, wenn etwas nicht gut wäre. Jede Gemeinschaft ist autonom. Nein, nein, beginnen wir nicht mit Macht. (lacht)

Worauf ich herauswill: Höhere Ämter bleiben Ihnen als Frau in der katholischen Kirche verschlossen. Wie stehen Sie dazu?

Es ist ein Skandal, dass viele Männer in der katholischen Kirche die Frauen lediglich als kaum vorhanden behandeln – ausser, sie dienen ihnen. Diese männliche Hierarchie in der Kirche ist stossend. Als ich dreissig Jahre jünger war, fand ich es furchtbar. Heute sehe ich, dass in gewissen Ortskirchen Frauen gleichwohl etwas bewirken können.

Haben Sie sich gegen die patriarchalen Strukturen aufgelehnt?

In Diskussionen schon. Aber ich bin von Natur aus nicht militant. Ich bin gerne Ordensfrau und finde, wir Frauen besitzen viele gute Fähigkeiten, die wir auch so einbringen können. Persönlich möchte ich nicht Priesterin werden. Dass das Amt grundsätzlich den Frauen verwehrt bleibt, ist zwar kirchenrechtlich legitimiert. Aber Gesetze liessen sich ändern, dazu ist es höchste Zeit. Es sollte ein Nebeneinander von Priesterinnen und Priestern geben.

Wie lange dauert es noch bis zu dieser Gleichberechtigung?

Puh, lange, sehr lange. Es bräuchte einen Papst, der dieses Fenster endlich aufstösst. Aufgrund der Strukturen kann nur er das. Aber die Gegner sind mächtig. Ich sehe einzig eine Möglichkeit, wenn ein Papst diese Entscheidung an die Ortskirchen delegiert. Dann könnten fortschrittlichere Diözesen Frauen zum Priesteramt zulassen. Aber nicht einmal in der Schweiz haben wir diesbezüglich Einhelligkeit.

Papst Franziskus hat kürzlich eingestanden, dass wohl bis heute Ordensfrauen durch Priester missbraucht werden. Wie ist die Situation in der Schweiz?

Ich habe in der deutschen Schweiz noch nichts Derartiges gehört.

Gab es Nachforschungen?

Nein, meines Wissens nicht. Ich glaube aber nicht, dass es hier Vergewaltigungen von Ordensfrauen durch Priester gab.

Was macht Sie da so sicher?

Das hätte man irgendwie erfahren. Aber natürlich gibt es keine hundertprozentige Sicherheit.

Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, sprechen selten über ihre Erlebnisse. Können Sie dann darauf vertrauen, dass Sie davon hören?

Es gibt auch physische Zeichen oder psychische Verhaltensveränderungen, die darauf hinweisen, wenn etwas nicht stimmt. Wir hatten früher Seminaristinnen, die als Kinder von Familienangehörigen missbraucht worden sind. Wenn die jungen Frauen dazu bereit waren, suchten wir mit ihnen das Gespräch und boten ihnen Hilfe an. In allen grösseren Klostergemeinschaften finden sich zudem Ordensfrauen, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden. Sie wählten das Klosterleben – vielleicht weil sie sich dort sicherer fühlten. Es gibt durchaus Anzeichen, die einen hellhörig machen.

Am vergangenen Sonntag ist eine Konferenz zum Missbrauch innerhalb der Kirche zu Ende gegangen. Die Opfer sind enttäuscht, da konkrete Massnahmen ausblieben. Wie sehen Sie das?

Die Erwartungen an die Konferenz waren sehr gross. In diesem Rahmen konnten sie kaum erfüllt werden, dies muss in den Ortskirchen geschehen. Für mich steht es ausser Frage, dass diese Abscheulichkeiten aufgedeckt und untersucht werden. Die Opfer müssen die Gelegenheit bekommen, angehört zu werden. Die Missbräuche sind ein Skandal, das steht ausser Frage. Ich störe mich aber an der einseitigen Fokussierung in der Öffentlichkeit. Heutzutage denkt, wer Kirche sagt, nur noch an Missbrauch. Das bedauere ich ausserordentlich und empfinde es als ungerecht.

Die Kirche hat zu lange geschwiegen und es verpasst, dagegen vorzugehen.

An den Bischofs- und Ordenskonferenzen sind die Missbräuche das Thema Nummer eins. Es ist sehr viel Betroffenheit da. Viele sind überfordert mit diesem Flächenbrand. Es braucht seine Zeit, um einen Umgang damit zu finden und zu Lösungen zu kommen.

Inzwischen liegt das Thema seit Jahrzehnten auf dem Tisch.

Aber nicht in dieser Intensität. Jetzt werden ernsthaft Möglichkeiten gesucht, um Missbräuche zu verhindern. Aber ein Mensch ist ein Mensch. Trotz allen Gesetzen lässt es sich nicht verhindern, dass es Diebe oder Mörder gibt. Die Barriere, die Papst Franziskus bezüglich Missbräuchen nun setzt, ist aber hoch.

Was ist denn diese Barriere?

Dass darüber gesprochen wird.

Das reicht? Was ist mit Kontrollen, Nachforschungen oder dem Aufzeigen von Konsequenzen?

Es weiss inzwischen jeder, dass solche Übergriffe Konsequenzen haben. Wenn wir nicht einen Polizeistaat wollen, dann reicht es, wie zum Beispiel die Schweizer Bischofskonferenz und die Ordenskonferenzen die Problematik angehen. Lösungen müssen vor Ort gesucht werden. Weltweite Regeln funktionieren nicht, wie der Vatikan sie anstrebt. Das ist eine völlige Überforderung, weil die Verhältnisse zu unterschiedlich sind. Mir tut es nun auch leid, um all die Ernsthaftigkeit der Priester, die als Seelsorger wertvolle Arbeit leisten und inzwischen allesamt unter Generalverdacht stehen.

Haben Sie auch schon Misstrauen gespürt?

Nein, aber ich erfahre immer wieder herablassendes Mitleid, weil ich der katholischen Kirche treu bleibe. Das wird manchmal auch deutlich gesagt.

Verletzt Sie das?

Nein. Ich glaube an die Kirche.

Was lässt Sie so stark an die Kirche glauben?

Die Kirche lebt durch Christus. Das klingt rasch frömmlerisch, aber für mich ist es Lebensinhalt. Ich glaube an die Kirche, die in der Nachfolge Christi steht. Das ist nicht unbedingt in allen Teilen identisch mit der Amtskirche.

Was ist der Unterschied?

Im vierten Jahrhundert hat der damalige Kaiser Konstantin die katholische Kirche anerkannt und sie zur Staatskirche gemacht. Von diesem Moment an lief es schief mit ihr; sie hat sich mit der Macht korrumpiert. Die Kirche jedoch, die Christus gestiftet hat, war und ist die Verbindung von Menschen, die miteinander Gott suchen, sein Wort verkünden, Gott loben und in der Nachfolge Jesu Christi sozial tätig sind. Das ist die eigentliche, geistige Kirche, die Menschen erfüllt und sie zu Gott führt. An sie glaube ich unerschütterlich.

Macht es Sie wütend, dass andere Ihre Kirche in den Schmutz gezogen haben?

Ich sehe die Thematik der Missbräuche nicht nur in Bezug auf die Kirche. Ich will wirklich nichts entschuldigen, weiss aber, dass sie überall in der Gesellschaft passieren: in der Geschäftswelt, im Filmbusiness, im Sport, in Schulen und in Familien. Nur wird es unterschiedlich gewertet. Einzig die Kirche wird kollektiv verurteilt.

Weil sie eine moralische Institution ist, die sagt, was gut und schlecht ist. Sie wird an ihren eigenen Ansprüchen gemessen.

Ja, aber viele Leute, die das nun beurteilen, machen sich nicht die Mühe zu verstehen, was Kirche auch noch ist. Viele verstehen nicht, dass sie als Getaufte selber Kirche sind und Verantwortung dafür tragen, dass die Kirche lebt.

Meistgesehen

Artboard 1