Wochenkommentar
Obama bringt die Schweiz ins Schwärmen

Wochenkommentar über die Wiederwahl von US-Präsident Barack Obama und wie die Schweiz und ihre Einwohner darüber denken.

Christian Dorer
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Barack Obama gewinnt die Wahl zum US-Präsidenten.

Barack Obama gewinnt die Wahl zum US-Präsidenten.

Keystone

Könnten die Schweizerinnen und Schweizer den US-Präsidenten wählen, so hätte sich Barack Obama keine Sorgen um seine Wiederwahl machen müssen. Er hätte einen überwältigenden Sieg eingefahren. Eine nicht repräsentative Umfrage von «20 Minuten online» ergab, dass 88 Prozent der Schweizer Obama wählen würden. Eine repräsentative Umfrage von «Readers Digest» vor vier Jahren kam immerhin auf 68 Prozent - einen Wert, der noch nie ein US-Präsident erreicht hat.

Nach Obamas Sieg vom Dienstag kommentierten denn auch praktisch alle Schweizer Medien erfreut bis euphorisch - «Zum Glück für die Welt hat Obama gesiegt» (Tages-Anzeiger), «Obama blieb der Kandidat der Herzen» (St. Galler Tagblatt), «Mehr denn je ist im Weissen Haus ein Brückenbauer nötig, ein Politiker mit der Fähigkeit, Kompromisse mit dem ideologischen Gegner zu schmieden» (NZZ). Tatsächlich steht Obama den Schweizer Werten näher als sein Herausforderer Mitt Romney - wir sind ein Land, das auf Ausgleich und Föderalismus setzt, das tolerant ist gegenüber dem anderen, das einen Nachtwächterstaat ablehnt. Oder wie es unser Kolumnist Werner De Schepper gestern formulierte: «Obamas Amerika ist ein Amerika, das Verschiedenheit als Bereicherung sieht. Das ist der Urgrund liberaler Existenz.» Und das passt gut zur Schweiz.

Trotzdem irritieren die Schwärmereien, die Obama in unserem Land auslöst. Schliesslich hat Obama die US-Wirtschaft nicht auf Kurs gebracht (was auch für Europa schlecht ist), der Staatshaushalt ist aus dem Lot, das Gefangenenlager Guantanamo noch immer in Betrieb (was in den USA kaum jemanden kümmert, in der Schweiz aber schon). Und wenn sogar Schweizer Sozialdemokraten, die unsere Armee abschaffen wollen, den Oberbefehlshaber der grössten Armee der Welt anhimmeln, dann hat das etwas Bizarres.

Entscheidend für unser Land ist jedoch vor allem dies: Die Schweiz befindet sich in einem heftigen Steuerstreit mit den USA - oder gar in einem «Wirtschaftskrieg», wenn man das Vokabular des UBS-CEO Sergio Ermotti verwenden will. Bis jetzt hat Obamas Regierung nichts dafür getan, um eine Lösung zu finden. Im Gegenteil: Die USA fuhren wie die sprichwörtliche Weltmacht ein und zwangen die Schweiz zur Herausgabe von Daten. Und es war Obamas Wahlkampfteam, das Romneys Schweizer Bankkonto zu einem Skandal emporstilisierte - als ob es ein Verbrechen wäre, wenn jemand sein Geld in unserem Land anlegt. Nur schon um diese Geschichte am Kochen zu halten, hatte die Regierung null Interesse an einer Lösung.

Der Schweizer Botschafter in den USA und der Präsident der Bankiervereinigung gaben Durchhalteparolen durch. «Ich bezweifle, dass es vor den Wahlen eine Lösung geben wird. Es wird nächstes Jahr», sagte Patrick Odier kürzlich in der «Nordwestschweiz». Die Hoffnung stirbt zuletzt. Dumm nur, dass die USA auch jetzt kein Interesse an einer Lösung haben. Sie sind mit der Umsetzung von FATCA beschäftigt, einem weltweiten amerikanischen Steuergesetz. Da haben Schweizer Fälle aus der Vergangenheit keine Priorität. Der Präsident selber hat erst recht andere Prioritäten. Im 90-minütigen TV-Duell gegen Mitt Romney zur Aussenpolitik kam Europa kein einziges Mal vor. Obamas Blick ist nicht nach Europa gerichtet - und damit auch nicht auf Schweiz.

Interessant: Im letzten ganz grossen Streit mit den USA ging es um Nazigold. Das war unter dem vorletzten Präsidenten, Bill Clinton. Der war in der Schweiz ebenso beliebt wie heute Barack Obama. In den Jahren unter dem verhassten George W. Bush hingegen hatte die Schweiz mit den USA keine grösseren Probleme.