Gewichtiger kann man einen Leitartikel in der «Neuen Zürcher Zeitung» nicht platzieren: Auf der Frontseite zuoberst in der Samstagsausgabe sprang den Leserinnen und Lesern die Schlagzeile entgegen: «Die Schweiz braucht keine Staatsmedien». Geschrieben hatte ihn der Chef persönlich: NZZ-Chefredaktor Eric Gujer. Der Artikel löste umgehend eine Lawine von empörten Reaktionen von anderen Medienleuten und Medienexperten in den Sozialen Medien aus.

Gujers Artikel wird zwar heftig debattiert, aber vorwiegend im Zirkel von Experten auf Twitter und auf Branchen-Plattformen. Wir haben hier deshalb die wichtigsten Aussagen und Gegenreaktionen zusammengestellt und zu den entsprechenden Beiträgen verlinkt.

Das sind die zentralen Thesen in Gujers Artikel:

  • SRG als Kind der Zeit: «Gäbe es die SRG nicht längstens, käme heute niemand auf die Idee, sie zu erfinden. Sie ist das Kind einer Zeit, in der Hitler und Stalin die neue Radiotechnik nutzten, um ihre Propaganda zu verbreiten, und ein demokratischer Staat wie die Schweiz mit dem Konzept der geistigen Landesverteidigung antwortete.»
  • Dinosaurier: «Fast überall sterben die Dinosaurier aus.» Nur die SRG verändere sich nicht, kritisiert Gujer. «Sie ist der einzige Dinosaurier, der jeden Tag verkündet, die Evolution gebe es nicht. Sie will uns einreden, Dinosaurier lebten ewig und kleine, flinke Säugetiere hätten nie eine Chance.»
  • Kontrolle über Private: «Überdies streben die Linke und Medienministerin Doris Leuthard endlich Kontrolle über die privaten Medien an.» Es drohe «eine Staatsmedienlandschaft mit einer übermächtigen SRG und privaten Trabanten». Es brauche keinen Staatsfunk, um in jedem Haushalt die «richtige» Nachrichtenquelle sicherzustellen.
  • No-Billag-Initiative: «Wird die Initiative angenommen, tragen hierfür Doris Leuthard und die Ratsmehrheit mit ihrer Verweigerungshaltung die Verantwortung. Sie haben keinen Gegenvorschlag ausgearbeitet, stattdessen malen sie Horrorszenarien einer dem Untergang geweihten SRG an die Wand.»

Gegenreaktion: NZZ-Chef ist ein «Pistolero»

Die Reaktionen im Netz liessen nicht lange auf sich warten.

"Infosperber", eine medienkritische Plattform von altgedienten Journalisten, schreibt in einem eigenen Artikel: "Der NZZ-Chefredaktor entblösst sich selbst – Eric Gujer schiesst im Samstag-Frontseiten-Aufmacher gegen die SRG und empfiehlt verschlüsselt ein Ja zur No-Billag-Initiative.»

Viktor Giacobbo (ehemals «Viktors Spätprogramm» auf SRF) wirft dem NZZ-Chef auf Twitter vor, er sei feige, weil er nicht gleich eine "eindeutige Parole" für die "No Billag"-Initiative fasse.

Tweet Gujer-Artikel Giacobbo

Der Publizist und ehemalige «bz Basel»-Chefredaktor Matthias Zehnder hat ebenfalls in die Tasten gegriffen und stellt den Vorwürfen des NZZ-Chefs zehn Gegenthesen entgegen. Zu Gujers Aussage, die SRG sei ein aussterbender Dinosaurier etwa meint Zehnder: «Die Zeitungs-Dinosaurier sterben aus. Die grossen TV-Netzwerke sind weiterhin gross und sie werden eher noch grösser.» Die SRG habe in der Deutschschweiz insgesamt einen Marktanteil der Programmnutzung von 31% und in der Romandie von 28%.

Oder zum Vorwurf, Leuthard wolle die privaten Medien kontrollieren, meint Zehnder: «Das ist rechtsliberale Propaganda und schlicht Humbug.»

Politikberater Mark Balsiger wiederum bezeichnet NZZ-Chef Gujer als "Pistolero»: "Wir sollten uns nicht wundern, wenn eine Wild-West-Medienlandschaft entsteht.»

Tweet Gujer-Artikel Balsiger

In einem Artikel auf dem Branchenportal "persönlich" schreibt Balsiger: «Gujer übernimmt in seinem Text weitgehend Rhetorik und Logik der No-Billag-Initianten. Aus staatspolitischer und publizistischer Sicht ist das bedenklich. Er suggeriert, das Volk könne am 4. März nächsten Jahres Ja stimmen, das Parlament fände hernach einen kreativen Weg, die Initiative umzusetzen. Entweder hat Gujer den Initiativtext nicht gelesen oder er pokert

Niveaulose Dummköpfe?

Flammende "No Billag"-Unterstützer wie «Weltwoche"-Autor Florian Schwab dagegen frohlocken. Er bezeichnet den NZZ-Text schlich als "Kunstwerk".

Tweet Gujer-Artikel Schwab

Kurt W. Zimmermann, Verleger und Chefredaktor des Branchenmagazins "Schweizer Journalist", warnt davor, «jeden SRG-Kritiker als niveaulosen Dummkopf» zu diffamieren. Man werde sich dann noch wundern am 4. März. 

Tweet Gujer-Artikel Zimmermann

Gujer reagiert auf Kritik

Im Verlaufe des Montags hat der kritisierte NZZ-Chef auf persoenlich.ch zur Kritik Stellung genommen. Unter anderem verteidigt Gujer den Begriff "Staatsmedien", den die SRG und ihre Unterstützer stets kategorisch zurückweisen. "Staatsmedien", so Gujer, sei «ein politischer Begriff und kein vereinsrechtlicher». Die Grundfrage laute: «Wie viel Staat wollen wir in den Medien?» Weiter meint Gujer zum Vorwurf, er schreibe gegen die SRG, bekenne sich aber nicht offen für ein Ja zur «No Billag»-Initiative: «Im Leitartikel habe ich diese Frage bewusst offengelassen, weil ich beide Alternativen für wenig attraktiv halte: den Status quo wie die sehr weitgehende Initiative. Wir müssen raus aus der binären Logik des Schwarzweiss-Denkens.»

Am Sonntag, 4. März, entscheidet das Schweizer Stimmvolk über die «No Billag»-Initiative und damit über die Zukunft der SRG. (roc)

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