Ausländer, die sich nicht nur für Klischees wie Berge, Käse und Uhren interessieren, sondern auch etwas über Politik und Gesellschaft der Schweiz erfahren wollen, stellen die Frage unweigerlich: «Stimmt es, dass es in der Schweiz in praktisch jedem Haus eine Waffe gibt?» – «Ja, das ist so», antwortet man und erntet entweder Bewunderung oder aber Entsetzen.

In der Tat ist die Schweiz das einzige Land der Welt, in dem die Soldaten ihre Waffe mit nach Hause nehmen. Das wusste schon Lenin: «Die Schweiz ist das revolutionärste Land, weil der Staat den Soldaten die Gewehre und sogar die Munition nach Hause mitgibt», schrieb er.

Geburtsstunde des «Obligatorischen»

Doch wie weit zurück reicht diese Tradition? Um erste Belege zu finden, kann man in der Geschichte bis ins 16. Jahrhundert zurückblättern. Es war die Zeit, in der Handfeuerwaffen allmählich die Armbrust ablösten. Der Anteil der Schützenkontingente am Zürcher Heer zum Beispiel lag um 1575 bei 17 Prozent, während es 130 Jahre früher erst 2 Prozent waren.

Zugleich war es die Zeit, in der das zuvor gesellschaftlich geprägte Schützenwesen an militärischer Bedeutung gewann. Denn die Schützengesellschaften bildeten die Rekrutierungsbasis für die Schützenkontingente. Die militärischen Behörden übertrugen den Schützengesellschaften auch die Aufgabe, militärische Schiessübungen in ihr Programm aufzunehmen – es war quasi die Geburtsstunde des heutigen «Obligatorischen».

Gleichzeitig schrieb der Zürcher Rat (die Regierung) vor, «dass alle, die mit Büchsen schiessen und umgehen können, mit guten Büchsen gerüstet sind und auch ausziehen» – also in den Krieg ziehen. Die Anschaffung der persönlichen Bewaffnung war Sache des Wehrmannes – was selbstverständlich bedeutete, dass er seine Waffe zu Hause aufbewahrte.

In jüngster Vergangenheit wurde diese Tradition als Ausdruck, ja geradezu als Symbol der Vaterlandsliebe, Heimatverbundenheit und Wehrbereitschaft des schweizerischen Milizsoldaten verklärt. In einem grösseren historischen Zusammenhang ist das jedoch nur teilweise richtig.

Gewiss war es für den spätmittelalterlichen Mann von Bedeutung, sich jederzeit gegen feindliche Angriffe wehren zu können. Das Staats- und Nationalbewusstsein steckte jedoch noch in den Anfängen. Wichtiger dürfte ein viel profanerer Grund gewesen sein: Wer sein Kriegsgerät selber bezahlen musste, war nicht bereit, es dem Staat zu überlassen.

Waffen verpfändet oder verkauft

Die Sorge, dass die Untertanen ihre Waffen gegen die Obrigkeit erheben könnten, beunruhigte diese weniger als der schlechte Ausrüstungsstandard. Da waren einerseits langwierige und erbitterte Auseinandersetzungen zwischen Schützen und Militär über den technischen Standard.

Andererseits waren die Leute oft ganz einfach zu arm, um sich ein Gewehr kaufen zu können – oder sie verpfändeten oder verkauften die Waffe. Im 18.Jahrhundert erlaubten Bern, Solothurn, Schaffhausen und Glarus daher das Heiraten nur, wenn der Bräutigam eine Waffe besass.

Auch nach dem Untergang der Alten Eidgenossenschaft (1798) musste der Soldat seine Waffe selber kaufen. Zwar wurde in der Helvetik (1798– 1803) die erste gesamteidgenössische Armee begründet, doch fehlte schlicht das Geld, um diese auf Kosten des Staates zu bewaffnen. Nach 1803 lag die Militärhoheit wieder bei den Kantonen – und die hatten ebenfalls kein Geld, um ihre Truppen auszurüsten.

In der Militärverfassung des Kantons Bern von 1813 findet sich denn auch die Bestimmung, der «Gemeine» (der Soldat) müsse mit einem Gewehr und einem Bajonett bewaffnet sein. Und: «Diese Artikel ist er gehalten, sich selbst anzuschaffen.» Mit der Bundesverfassung von 1848 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, die Zentralisierung der Armee blieb aber Stückwerk. Und obwohl nun Bund und Kantone für die Ausrüstung des Wehrmannes sorgen sollten, blieb die Selbstausrüstung noch während Jahrzehnten die Regel.

Die Quittung kam mit der Grenzbesetzung im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71: General Hans Herzog übte in seinem Bericht an den Bundesrat vernichtende Kritik an der Kriegstauglichkeit der Armee und vor allem einzelner kantonaler Truppenkontingente.

Bei der Revision der Bundesverfassung 1874 zog der Bundesrat die Konsequenzen aus Herzogs Kritik: Die Vereinheitlichung der Armee wurde weiter vorangetrieben. Erstmals wird nun ausdrücklich festgehalten, dass die Wehrmänner «ihre erste Ausrüstung, Bekleidung und Bewaffnung unentgeltlich» erhalten sollen. Und: «Die Waffe bleibt in den Händen des Wehrmannes.»

Uralt sei die Tradition, dass der Schweizer Soldat seine Waffe zu Hause aufbewahre, können wir dem wissbegierigen Ausländer also erklären. Vielleicht aber werden wir bald ergänzen: Am 13. Februar 2011 hat das Schweizervolk entschieden, dass Armeewaffen in die Zeughäuser gehören.