Naturschutz

Nur 12,5 Prozent der Landfläche sind Schutzgebiete – Bund bei der Schaffung im Rückstand

Mehr als ein Drittel der hiesigen Tier- und Pflanzenarten (im Bild eine Magerwiese im bündnerischen St. Antönien-Partnun) sind bedroht.

Mehr als ein Drittel der hiesigen Tier- und Pflanzenarten (im Bild eine Magerwiese im bündnerischen St. Antönien-Partnun) sind bedroht.

Wenn es um die Umwelt geht und darum, dass die Menschheit sie allmählich zugrunde richtet, dann ist das Symbol dafür meist der Klimawandel. In den nächsten Wochen soll das für einmal anders sein. Am Samstag beginnt in Ägypten eine Konferenz, die sich mit dem zweiten grossen Umweltproblem befasst: dem Verlust der Biodiversität.

Experten bewerten diesen als ähnlich gefährlich wie den Klimawandel. Die UNO warnt sogar vor dem Aussterben der Menschheit, sofern der Biodiversitätsverlust nicht gestoppt werde.

In Ägypten werden 195 Staaten und die Europäische Union darüber beraten, was sie künftig für die Biodiversität machen wollen. Und sie werden auch anschauen, wie sie bei ihrem Schutz vorangekommen sind, seit sie vor acht Jahren die Aichi-Ziele formuliert haben. Ein zentraler Punkt ist die 17-Prozent-Marke. So gross soll bis 2020 der Anteil der weltweiten Landfläche sein, die unter besonderem Schutz steht, um die Biodiversität zu schützen. Auch die Schweiz wird an diesem Ziel gemessen. Doch wenn ihre Delegation diese Woche ans Rote Meer aufbricht, hat sie keine guten Neuigkeiten im Gepäck. Denn die Schweiz hinkt beim 17-Prozent-Ziel hinterher. Und das meilenweit.

Kritik von Umweltschützern

Laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) sind derzeit schweizweit 12,5 Prozent der Landesfläche als Schutzgebiete ausgewiesen. Und selbst diese Zahl ist grosszügig berechnet. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kommt in einem Prüfbericht aus dem letzten Jahr für die Schweiz nämlich nur auf einen Schutzgebietanteil von 6,3 Prozent. Das Bafu schreibt, dies liege an unterschiedlichen Berechnungsmethoden. Der Hintergrund: Die OECD berücksichtigt lediglich Schutzgebiete von nationaler Bedeutung. Der Bund dagegen rechnet solche von kantonaler oder lokaler Bedeutung mit ein. Bei Naturschützern – etwa Pro Natura – stösst das auf Kritik.

«Der Bund rechnet in unseren Augen Flächen mit ein, die zu wenig geschützt sind», sagt Simona Kobel, Leiterin Biodiversitätspolitik bei Pro Natura. Dass die Schweiz selbst mit dieser schöngefärbten Rechnung nicht auf die 17 Prozent Schutzflächen kommt, ist für Kobel «inakzeptabel». In ihren Augen ist vom einstigen Naturschutzmusterknaben Schweiz «kaum noch etwas übrig». Der Bafu-Bericht «Zustand der Biodiversität in der Schweiz» von 2017 bestätigt diesen Befund. Mehr als ein Drittel der hiesigen Tier- und Pflanzenarten sind laut ihm bedroht. Das Bafu räumt ein, dass der Zustand der Biodiversität «schlecht» sei. Und begründet das mit dem «enormen Druck» auf die Natur und den zur Verfügung stehenden Raum.

Aktionsplan liess auf sich warten

Die Schweizer Bilanz beim 17-Prozent-Ziel ist ein eindrücklicher Nachweis dafür, wie wenig Priorität dem Schutz der Biodiversität hierzulande eingeräumt wird. Sie ist aber bei weitem nicht der einzige. Das zeigt etwa der schlechte Zustand jener Gebiete, die bereits heute unter Schutz stehen. Eine Studie im Auftrag des Bafu kam letztes Jahr zum Schluss, dass allein für die nationalen Biotope – Moore etwa oder Trockenwiesen – einmalige Aufwertungsmassnahmen notwendig wären, für welche die Studienautoren Kosten von 1,6 Milliarden Franken veranschlagen. Und dann ist da noch die Geschichte des Aktionsplans Biodiversität, über den der Bundesrat bis 2023 jährlich bis zu 80 Millionen Franken bereitstellen will.

Der Aktionsplan ist das zentrale Instrument zum Schutz der Biodiversität. Doch bis der Bundesrat ihn vorlegte, verging viel mehr Zeit als geplant. Fünf statt zwei Jahre waren es schliesslich. In dieser Zeit schrumpfte das Projekt zusehends. Am Ende, im September 2017, blieb nur noch wenig übrig vom ersten Entwurf, den 650 Fachleute und 250 Organisationen in einem partizipativen Prozess erarbeitet hatten. Die abgespeckte Version umfasst statt 110 noch 26 Massnahmen – ein Ergebnis des breiten Widerstands insbesondere der Kantone, die sich gegen zu hohe Kosten wehrten. Simona Kobel von Pro Natura sagt, was der Bundesrat vorgelegt habe, sei «mickrig», aber letztlich «ein Abbild dessen, was politisch derzeit möglich ist».

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