Was genau wollte Ueli Steck am knapp 7900 Meter hohen Nuptse? Seine Begleiter und Freunde sprechen von einem Trainingsaufstieg, um sich in der Höhe zu akklimatisieren. Nicht so Reinhold Messner: Die Bergsteigerlegende aus dem Südtirol vermutet im Interview mit der „Nordwestschweiz“, Ueli Steck könnte mit ganz anderen Plänen im Kopf in die Westflanke eingestiegen sein, die ihm zum Verhängnis geworden ist. „Ich kann mir vorstellen, dass er den Nuptse, den Lhotse und den Everest durchsteigen wollte“, so Messner.

In Alpinkreisen nennt sich diese Variante „Hufeisen“, wegen der hufeisenartigen Form, in der Everest, Lhotse und Nuptse das sogenannte Tal des Schweigens umrahmen.

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11. April 2017

Die Variante im sogenannten Alpinstil – kleine Seilschaften tragen das benötigte Material selbst mit, auf Flaschensauerstoff verzichten sie – geistert schon lange in den Köpfen der Höhenbergsteiger herum. Auch bei Steck: In seinem Buch „Der nächste Schritt“ erinnert er sich an das Jahr 2012, als er zum ersten Mal auf dem Mount Everest stand und erleichtert feststellte, dass die dünne Höhenluft ihm wenig Schwierigkeiten bereitete.

Steck notierte: „Das machte mir Mut, für die darauffolgende Saison eine anspruchsvolle Route zu planen. Es musste ja nicht gleich das sogenannte Hufeisen sein.“ Stattdessen plante er für das Jahr 2013 die Überschreitung von Everest und Lhotse ohne Sauerstoff. Nach einem gefährlichen Streit mit Sherpas musste Steck das Projekt damals jedoch aufgeben. Heuer wollte er es zu Ende führen.

Wurde die Öffentlichkeit getäuscht?

Hatte Steck die Öffentlichkeit nur getäuscht und wollte er den Nuptse mit der Überschreitung von Everest und Lhotse kombinieren? Fragen kann man ihn nicht mehr. Sein Sprecher Andreas Bantl gibt an, von einem solchen Plan sei nie die Rede gewesen. Stecks Freund, der Alpinfotograf Röbi Bösch, schreibt per SMS aus Nepal: „Er war unterwegs zum Nuptse-Gipfel und sicher nicht, um weiterzusteigen (Hufeisen).“

Der von der „Nordwestschweiz“ angefragte Gebirgsmediziner Oswald Oelz schliesslich hält die Machbarkeit des Hufeisens im Alpinstil für „ausgeschlossen“. „Diese Variante ist nur im Expeditionsstil möglich mit einer grossen Materialschlacht wie Fixseilen, Sauerstoff und Biwakzelten zum Übernachten.“ Zu gefährlich sei der verwächtete Grat zwischen Nuptse und Lhotse. Das habe ihm einst Erhard Loretan gesagt, der schon selbst auf dem Gipfel stand, die Variante aber verwerfen musste.

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Er plante gerade seinen nächsten Coup, als es zum tödlichen Ausrutscher kam. Langjährige Weggefährten sind trotz des permanenten Risikos erschüttert.

Drei Gipfel ohne Sauerstoff? Unmöglich

Auch aus höhenmedizinischer Sicht hätte es Oswald Oelz dem verstorbenen Steck nicht zugetraut, die drei Gipfel ohne Sauerstoff zu kombinieren. „Die Aufenthaltsdauer auf dieser Höhe wäre zu lang gewesen, das wäre selbst für einen wie Ueli zu viel.“

Der einzige, der alle drei Gipfel am Stück und ohne Sauerstoff erklommen hat, waren im Jahr 2013 der Brite Kenton Cool und der Sherpa Dorje Gylgen. Allerdings stieg das Duo zwischen den Gipfeln immer wieder die Flanken ab und war so weniger extremer Höhe ausgesetzt.

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