Coronakrise

Nun muss der Bundesrat doch wieder ran: Taskforce und Kantone fordern schärfere, flächendeckende Massnahmen

Der Leiter der wissenschaftlichen Taskforce, Martin Ackermann, ruft zu raschem Handeln auf.

Der Leiter der wissenschaftlichen Taskforce, Martin Ackermann, ruft zu raschem Handeln auf.

Der Chef der Corona-Taskforce spricht angesichts der rapide steigenden Zahlen von einem «Schock». Es brauche rasch neue, flächendeckende Massnahmen.

Ein Ruck ist durch die Schweiz gegangen – oder zumindest durch Teile davon. Einen Tag nach dem Appell von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga haben mehrere Kantone ihre Massnahmen verschärft. Doch die wissenschaftliche Taskforce des Bundes fordert angesichts des steilen Anstiegs weitere und flächendeckende Massnahmen – und zwar so rasch wie möglich. Denn die Zahlen stiegen dramatisch. Der Bundesrat will sich deswegen noch dieses Wochenende treffen. Eine Übersicht:

So ist die Lage: Die Zahl der gemeldeten Fälle durchbrach erstmals die 3000er-Grenze: 3105 waren es am Freitag. Das sind gut doppelt so viele wie eine Woche zuvor. Die Positivitätsrate lag bei hohen 14,3 Prozent. Schweizweit mussten 68 Personen wegen Covid-19 ins Spital.

Das sagt der Taskforce-Chef: «Die rapide ansteigenden Zahlen sind ein Schock», erklärte Martin Ackermann vor den Medien. «Sie sind aber auch eine Chance, ein Weckruf, dass wir etwas ändern müssen.» Das müsse rasch gehen, forderte er. Aktuell verdoppelten sich die Fallzahlen etwa jede Woche. In einer Woche ist also bereits mit 6000 Fällen zu rechnen, in zwei Wochen mit 12000. Deshalb müsse man sehr schnell reagieren, sagte Ackermann. Bis die Massnahmen sich in den Fallzahlen niederschlagen, dauert es zudem eine Weile, da zwischen einer Ansteckung und einem positiven Testresultat Zeit verstreicht.

Das fordert die Taskforce: Sie empfiehlt eine Maskenpflicht in Innenräumen und Homeoffice, wenn immer möglich. «Diese Massnahmen sollten flächendeckend und rasch eingeführt werden. Jeder Tag zählt», sagte Ackermann. Je nach Entwicklung könnten auch weitere Massnahmen notwendig werden, schreibt die Taskforce in ihrer jüngsten Lagebeurteilung. Und sie hält fest: Mit den jetzigen Massnahmen sei «der aktuelle, schnelle und starke Anstieg von Fällen und Hospitalisierungen (...) nicht mehr kontrollierbar».

Weshalb die Fallzahlen so rasant steigen: Dass die Zahl der Ansteckung nun derart rasch nach oben schnellen, führt Ackermann auf zwei Gründe zurück: Erstens führt das kühle Wetter dazu, dass sich die Menschen vermehrt drinnen aufhalten. Das begünstigt die Übertragung des Virus. Zweitens führe die stark steigende Fallzahl möglicherweise auch dazu, dass die Kontaktverfolgung schlechter funktioniere. Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, räumte ein, dass nicht mehr alles rund läuft. «Das Contact Tracing funktioniert grundsätzlich schon noch, aber es hinkt», sagt er. Man sei darauf angewiesen, dass positiv getestete Personen von sich aus in Isolation gehen. Es sei nicht mehr garantiert, dass jeder genügend schnell kontaktiert werden könne.

Die Ansteckungsherde: Relativ viele Fälle verzeichne man derzeit im privaten Bereich, an Festen und Hochzeiten, auch im Amateursportbereich, sagte der Zuger Kantonsarzt Hauri. Offensichtlich seien solche Festivitäten in privaten Rahmen bedeutender als gedacht: «Kleinvieh macht auch Mist.»

So handeln die Kantone: Verantwortlich für die Massnahmen sind derzeit die Kantone. Mehrere von ihnen zogen am Freitag die Schraube an, führten eine Maskenpflicht in Läden ein oder weiteten diese noch weiter aus. Inzwischen muss in der Mehrheit der Kantone in Geschäften eine Maske getragen werden, aber längst nicht in allen. Andere Kantone verzichten darauf und setzen auf andere Massnahmen, in der Ostschweiz zum Beispiel auf eine Maskenpflicht bei Veranstaltungen mit über 30 Personen oder ein Tanzverbot in Clubs. Dieser föderale Flickenteppich geht nun selbst dem Vorstand der kantonalen Gesundheitsdirektorenkonferenz zu weit: Er appelliert an den Bund, Massnahmen zu ergreifen, darunter eine flächendeckende Maskenpflicht in Innenräumen.

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So geht es nun weiter: Der Bundesrat werde «demnächst»auf die Forderung der Gesundheitsdirektorenkonferenz reagieren, sagte Virginie Masserey vom Bundesamt für Gesundheit am Freitag. Die Tamedia-Zeitungen berichteten, der Bundesrat treffe sich schon am Sonntag zu einer ausserordentlichen Sitzung.

Das Positive: Anders als im Frühling seien die Spitäler diesmal besser vorbereitet, sagte Kantonsarzt Hauri. Und: Es gibt dank intensiver Forschung nach einer Impfung und wirksamen Medikamenten Hoffnung auf eine Normalisierung. «Wir werden wieder mehr Freiheiten haben», erklärte Taskforce-Chef Ackermann, «aber jetzt ist der Moment, in dem wir alle gemeinsam wieder verstärkt gegen das Virus antreten müssen.»

Autor

Maja Briner

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