Pendlerstress

Nun geht die Backofenuhr plötzlich vor

Wenn du das auf deiner Backofenuhr siehst, dann entspricht es momentan tatsächlich der Wahrheit.

Mangels Stabilität des europäischen Stromnetzes tickten manche Uhr um Minuten zu langsam. Nun hat sich die Situation stabilisiert. Wie kommt es aber dazu, dass wir plötzlich zu früh auf der Matte stehen?

Schweizer Uhren sind ungenau. Vor allem, wenn sie in Backöfen stecken und sich nach der Frequenz im Stromnetz richten. Eigentlich ist diese stabil, dafür sorgt ein ausgeklügeltes europäisches System, das die Balance zwischen Angebot und Nachfrage regelt. Doch gerät das Stromnetz ausser Takt, liefert auch die sonst so zuverlässige Backofenuhr Menschen plötzlich keine brauchbare Zeitangabe mehr, die ihre Wohnung für Zug, Bus oder Tram rechtzeitig verlassen müssen.

Doch genau dieses europäische Stromnetz, in das auch das schweizerische eingebettet ist, war zwischen Januar und März gehörig aus dem Takt geraten. Schuld ist der Konflikt zwischen Serbien und dem aus seiner Sicht abtrünnigen Kosovo. Weil Kosovo seinen Anteil Strom nicht lieferte, kam es zu Engpässen. Serbische Stromproduzenten hätten diesen Engpass beheben müssen. Hätten. Nur taten sie es nicht.

Und so fiel die Netzfrequenz nicht nur auf dem Balkan, sondern in ganz Kontinentaleuropa unter die 50 Hertz. Was zur Folge hatte, dass die sogenannte Netzzeit der Weltzeit hinter her hinkte. Gerade Pendlerinnen und Pendler hatten ein böses Erwachen, als sie zu spät auf dem Perron oder an der Haltestelle standen. Ihre Backofenuhr zuhause gaukelte ihnen vor, mehr Zeit zu haben, ging jedoch in Wirklichkeit volle sechs Minuten hinterher.

Nun ist das Problem gelöst: „Die europäischen Partner sind kollektiv eingesprungen und haben in den letzten Wochen die Strommenge erhöht“, sagt eine Sprecherin der Schweizerischen Netzgesellschaft Swissgrid. Das europäische Netz wurde so normalisiert, ohne dass die politischen Spannungen zwischen den Streithähnen Serbien und Kosovo damit gelöst worden wären. Auf der Website von Swissgrid kann die Netzfrequenz in Echtzeit nachverfolgt werden. Am Montag lag sie tagsüber deutlich über 50 Hertz, am Abend hinkte die Netzzeit der Weltzeit nur noch rund zehn Sekunden hinterher.

Mit Folgen für jene, die ihre ungenauen Backofenuhren neu justiert hatten. Ihre Uhren gehen nun plötzlich um sechs Minuten vor. Wer hingegen nichts tat und seiner Backofenuhr Zeit zum Aufholen liess, der muss auch weiterhin nichts tun. Zwar geht die Backofenuhr noch immer einen Tick hinterher, doch fallen a) zehn Sekunden kaum ins Gewicht und dürften sie b) in wenigen Tagen ebenfalls aufgeholt sein.

Trau keiner Backofenuhr

Betroffen sind übrigens neben Backofenuhren sämtliche Uhren, welche sich nach der Netzfrequenz richten. Also zum Beispiel Mikrowellenuhren oder gewisse Radiowecker, welche nicht mit einer genaueren Quartzuhr aufgestattet sind.

In Europa beträgt die Standardnetzfrequenz 50 Hertz. Das bedeutet, dass es innerhalb von einer Sekunde zu 50 Schwingungen kommt. Liegt die Frequenz darunter, dauert die daraus abgeleitete Netzsekunde länger. Liegt die Frequenz über den 50 Hertz, dauert die Sekunde kürzer.

Weil grössere Unterschiede der Frequenz Schäden bei grossen Industriemaschinen anrichten können, sind die elektrischen Generatoren der europäischen Stromlieferanten so eingestellt, dass sie „automatisch und unverzüglich“ auf eine Veränderung der Stromnachfrage reagieren, wie bei Swissgrid steht. Die Netzgesellschaft vergleicht diese automatische Anpassung der Frequenz mit einem Tempomat beim Auto.

Laut dem Industriedachverband Swissmem sind wegen der Frequenzschwankungen der letzten Wochen bei Schweizer Industriebetrieben übrigens keine Schäden entstanden. Dafür kam möglicherweise der eine oder andere Maschinenführer zu spät zur Arbeit.

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