Asylbewerber macht Matura mit Toparbeit

Note sechs: Asylbewerber macht in Aarau Matura

Olivier Cayo schrieb eine der besten Maturaarbeiten im Kanton - der Ivorer ist 22-jährig und lebt im Asylheim. Jetzt hat er sich an der Uni eingeschrieben. Morgen schon könnte er ausgewiesen werden.

Sabine Kuster

Es ist, als würde mitten in einem Hollywoodfilm das Licht angehen. Im Restaurant Krone in Aarau sitzt Olivier Cayo, 22 Jahre alt, Bürger der Elfenbeinküste, seit fünf Jahren Asylbewerber in der Schweiz. Er hat seine märchenhafte Geschichte erzählt, aber das Happy End fehlt. Zum Happy End würden gehören: Ein Stipendium der Uni Neuenburg und die Flüchtlingsanerkennung.

Im Jahr 2002 kam es an der Elfenbeinküste zu einem Aufstand gegen den Machthaber Laurent Gbagbo. Und noch immer herrscht zwischen den Regierungstruppen und der Opposition Krieg.

«Meine Mutter ist Mitglied der Oppositionspartei», sagt Olivier Cayo und beginnt seine Geschichte. «Meine Eltern hatten Angst. Sie schickten mich 2004 ins Nachbarland Guinea zur Freundin meiner Mutter. Das Land war extrem arm. Ich wollte nach Hause, die Matura machen und später in Paris Jura studieren. Doch die Lage besserte sich nicht. Als Europäer ist das vielleicht schwer vorstellbar, aber in Afrika ist Politik wie Krieg. Kinder der Oppositionspartei haben keine Ruhe, Studenten werden umgebracht. Meine Eltern beschlossen, mich in die Schweiz zu schicken.»

Die Schweiz ist ruhig

«Sie selbst hatten in Europa studiert und wählten die Schweiz wohl, weil das Land ruhig ist und wenig andere Ivorer hier leben. Sie wussten: Als 17-Jähriger war ich leicht manipulierbar. Ich flog nach Paris, nahm den Zug nach Genf und stellte in Vallorbe im Erstaufnahmezentrum den Asylantrag. Nach einer Woche kam ich nach Aarau, ins Asylzentrum Buchs.»

«Zwei Jahre wohnte ich dort. Es war eine sehr, sehr schwierige Zeit. Ich wusste nicht wie alleine leben und wo anfangen. Ich sah in Buchs Dealer, Kokser, Schlägereien. Ich ass wochenlang Spaghetti, weil ich nichts anderes kochen konnte. Die vielen Interviews stressten mich, Fragen kamen von überall. Ich versuchte mich abzulenken, begann stark zu rauchen und zu trinken. Wenn ich Deutsch büffelte, lachten die Dealer mich aus. Sie sagten: ‹Komm, arbeite für mich, du wirst schnell reich.› Die Versuchung war gross. Aber das war nicht mein Leben, so war ich nicht erzogen worden. Ich besuchte drei Stunden Deutsch pro Tag. Ich wollte lernen. Ich lieh von Asylbewerbern, die schon länger da waren, Deutschbücher aus, ich entzifferte Gratiszeitungen.»

«Nach acht Monaten waren die Kurse fertig. Das Leben war verdammt langweilig. Schliesslich konnte mir die Caritas freiwillige Arbeit im Jugendhaus Flösserplatz vermitteln. Ich putzte nach einer Disco, brachte Altglas weg, kaufte ein, hängte in der Stadt Plakate auf. Vier, fünf Monate lang. Dann fragte Caritas den Rektor der Alten Kantonsschule, ob ich eintreten könne.»

Zuhause war ich der Beste in der Schule

Olivier kriegte die Chance und grünes Licht vom Kantonalen Sozialdienst. Er musste eine Aufnahmeprüfung in Mathematik und Französisch schreiben. In seinem Aufsatz entdeckten die Lehrer Potenzial. Und so wurde er im November als Hospitant in eine 1. Klasse der Alten Kantonsschule aufgenommen.

«Es war schwierig», sagt er. «Ich musste lernen, mit den Klassenkollegen anders umzugehen, als ich es von der Elfenbeinküste gewohnt war. In der Klasse begrüssten sich am Morgen alle mit Küsschen - als ich es machte, wurden sie steif. Manche haben nach drei Monaten zum ersten Mal mit mir geredet. Mit anderen knüpfte ich schnell Kontakt - das ist mir noch nie schwer gefallen. Nur gab es Schüler, für die war ich bloss ein cooles und exotisches Accessoire. Also grenzte ich mich ab und wurde als arrogant wahrgenommen.»

«In meiner Heimat war ich der Beste in der Schule. Jetzt aber brauchte ich eine Stunde, um eine Seite zu verstehen. Ich lernte Tag und Nacht und musste noch selber kochen im Asylzentrum. Wenn um 22 Uhr mein Zimmergenosse heimkam, musste ich das Licht löschen. Also packte ich meine Sachen und lernte draussen, unter der Strassenlaterne. Auch im Winter.»

Für Maturaarbeit gab es die Note 6

«Ich wollte normal sein. Aber es gab nur noch einen Schwarzen an der Kanti, und der war Schweizer. Es fielen Sprüche über Afrikaner und Drogendealer - im Spass, aber es waren zu viele. Mit der Zeit begann ich, wenn im Unterricht vom Sklavenhandel oder vom Imperialismus die Rede war, die Rassismus-Karte auszuspielen. So hat sich das mit den Sprüchen ausgeglichen. Es gab viel Arbeit auf beiden Seiten und beide Seiten haben gelernt. Mit der Zeit wurde unsere Klasse eine grosse Familie, die glorreiche G4a. Es war eine Klasse, in der es Liebe gab.»

Olivier Cayo brauchte eine solche Klasse. Er brauchte «Familie». Kollegen luden ihn nach Hause ein und machten Geschenke. In den einen Fächern reichte sein Deutsch nicht aus, in den anderen die Vorkenntnisse. «Ende des ersten Schuljahres war er noch schwer ungenügend», sagt Prorektor Peter Hänsli, «aber er wurde besser und das Hospitium wurde immer wieder verlängert.» Olivier kriegte ein Stipendium. Lehrer setzten sich für ihn ein. Auch, als er in der 2.Klasse ins Asylzentrum Villmergen verlegt wurde und dort noch mehr Mühe hatte zu lernen. Er konnte zurück nach Aarau in ein Asylheim. Da wohnt er seither.

In der 3.Klasse zeichnete sich ab, dass er die Matur bestehen würde; er wurde als regulärer Schüler aufgenommen. Als er diesen Frühling die Kantonsschule abschloss, war der Notenschnitt mit 4,8 mehr als genügend. Und für seine Maturaarbeit über afrikanische Literatur kriegte er eine glatte 6. Als am 11.Juni in Wettingen die fünf besten Arbeiten des Kantons prämiert wurden, stand Olivier Cayo, der Asylbewerber, auf der Bühne und strahlte. Klassenlehrer Francesco Mugheddu sagt: «Olivier war eine Bereicherung für die Klasse, nicht weil er Ausländer war. Er war es wegen seiner Persönlichkeit.»

8000 Franken pro Jahr

«Früher musste ich für meine Mutter in der Schule immer der Beste sein. Als ich begriff, dass ich das in der Schweiz nicht sein konnte, war ich sehr niedergeschlagen. Ich investierte so viel, der Ertrag aber blieb gering. Jetzt habe ich akzeptiert, dass ich nicht überall perfekt sein kann. Ich weiss nicht, woher ich die Energie nahm. Ich kriege einfach nicht so schnell Angst und ich glaube daran, dass meine Zukunft schön sein wird. Als Asylbewerber muss ich immer Danke sagen. Aber ich habe manchmal das Gefühl, dass jeder meiner Gedanken zur Tat wird. Dazu brauche die positive Einstellung.»

Morgen schon könnte Olivier ausgewiesen werden. «Ich blende das aus», sagt er. Nach dem ersten Jahr in der Schweiz wurde sein Asylgesuch abgelehnt. Man bezweifelte, dass seine Mutter wirklich Mitglied der Oppositionspartei sei. Olivier googelte und fand eine Wahlliste mit ihrem Namen, doch die Behörden sagten: «Heute kann man mit dem Internet alles machen.» Er legte Rekurs ein. Seither hat er nichts mehr vom Migrationsamt gehört. Vielleicht, weil er in Ausbildung war.

Die Kanti ist zu Ende. Doch Olivier Cayo hat sich schon an der Uni Neuenburg für Jura eingeschrieben. Für Studiengebühren, GA, Essen und Bücher wird er rund 8000 Franken im Jahr benötigen. Als Asylbewerber kriegt er kein Stipendium. Im Herbst beginnt das Studium. Bis dann muss er die Aufenthaltsbewilligung kriegen. Er glaubt daran, er habe keine andere Wahl. Am Schluss sagt er: «Es waren fünf schöne, aber stressige Jahre bis jetzt. Ich glaube, es gibt nicht viele, die fünf Jahre in der Schweiz sind und noch nie Probleme mit der Polizei hatten. Aber ich, ich wäre vor Gericht weiss wie Schnee.»

Eine letzte Frage. Sechs Jahre hat er seine Eltern nicht gesehen, vermisst er sie? «Ich vermisse die Elfenbeinküste als Ganzes», weicht er aus, denn er nimmt es seiner Mutter übel, dass sie in die Politik eingestiegen ist. «Wer an der Elfenbeinküste Politik machen will, muss es mit privatem Geld machen. Wenn meine Mutter mehr Reserven gehabt hätte, wäre ich nicht mit nichts hierher gekommen.» Er hat Pläne in seinem Kopf. Es sind Pläne für die Schweiz, für Aarau, wo er nie mehr weg möchte.

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