Auch wenn sich in den vergangenen Jahren im Bereich der familien- und schulergänzenden Betreuung viel getan hat: In vielen Gemeinden müssen sich Eltern nach wie vor mit Wartelisten für einen Platz in einer Kindertagesstätte herumschlagen oder mangels Angebot privat einen Mittagstisch organisieren.

Mehr noch: Viele Gemeinden verfügen über keine einzige Einrichtung für die ausserfamiliäre Kinderbetreuung, wie zum Beispiel ein Blick auf den Kinderbetreuungsindex des Kantons Zürich zeigt.

Im Kanton Solothurn geht man aufgrund einer Erhebung aus dem Jahr 2008 davon aus, dass im Vorschulbereich etwa 1000 Plätze fehlen; im Bereich der schulergänzenden Betreuung sind es bis zu 4000 Plätze. Auch im Kanton Aargau sei der Bedarf an Tagesstrukturen «aktuell sicher nicht gedeckt», wie Balz Bruder, Kommunikationsverantwortlicher des Aargauer Sozialdepartements, sagt.

Stimmt die Bevölkerung am 3.März dem Bundesbeschluss über die Familienpolitik zu, muss sich das ändern. Dann nämlich werden die Kantone gemäss Verfassungstext dazu verpflichtet, für ein «bedarfsgerechtes Angebot an familien- und schulergänzenden Tagesstrukturen» zu sorgen. Was aber heisst das, und wer soll definieren, was «bedarfsgerecht» ist?

Es brauche gar keine Definition, sagt die St.Galler CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz, Geschäftsführerin von Pro Familia Schweiz und Mitglied des Komitees «Ja zur Familie». «Was es braucht, ist eine Feststellung, wie viele Kinder einen Betreuungsplatz brauchen. Die Wartelisten müssen möglichst kurz sein, und die Tarifgestaltung muss es allen Familien ermöglichen, sofern notwendig und gewünscht, die Kinder betreuen zu lassen.» Es soll also nicht in einem Bundesgesetz festgeschrieben werden, wie viele Betreuungsplätze die Schweiz braucht. Meier-Schatz hält fest: «Die Gemeinden und Kantone müssen den Bedarf individuell klären.»

Kantone haben schon Pflichten

Viele Kantone beschäftigen sich seit Längerem mit dem Thema der familien- und schulergänzenden Betreuung. Gemäss einer Erhebung aus dem Jahr 2010 erwähnen 19 Kantone die Förderung von familienergänzender Betreuung in der Verfassung, einem Gesetz oder als Legislaturziel. Kommt hinzu: Diejenigen 15 Kantone, die bereits das Harmos-Konkordat (Interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der Volksschule) unterzeichnet haben, sind verpflichtet, bedarfsgerechte Tagesstrukturen anzubieten.

Neuerungen nach einem Ja zum Verfassungsartikel betreffen damit an sich in vielen Kantonen nur den Frühbereich vor dem Eintritt in den Kindergarten. Dem Harmos-Konkordat gehören unter anderem die beiden Basel, Solothurn, Zürich und Bern an. Im Aargau ist noch kein Entscheid gefallen.

Basel: Recht auf Betreuungsplatz

Vorreiter in Sachen familien- und schulergänzender Betreuung ist der Kanton Basel-Stadt. Hier gibt es ein verfassungsmässiges Recht auf Tagesbetreuung. Entsprechend sei der Stadtkanton schon heute verpflichtet, den Bedarf zu erkennen und das Platzangebot beziehungsweise die Finanzierung der Nachfrage entsprechend zu regeln, sagt Thomas Mächler, Kommunikationsverantwortlicher im Erziehungsdepartement. Seit 2007 wurden im Kanton Basel-Stadt jährlich bis zu 400 Plätze in Kindertagesstätten geschaffen.

Im Kanton Zürich verpflichtet das Kinder- und Jugendhilfegesetz die Gemeinden, eine bedarfsgerechte familienergänzende Betreuung aufzubauen. Bis Ende 2014 haben die Gemeinden dazu Zeit. André Woodtli vom Amt für Jugend und Berufsberatung im Kanton Zürich sagt, der Bedarf variiere nicht nur von Gemeinde zu Gemeinde stark, sondern hänge auch davon ab, wie stark die öffentliche Hand die Angebote mitfinanziert. «Es gibt keinen kostenunabhängigen Bedarf. Denn die wenigsten Familien können sich die Vollkosten der familienergänzenden Betreuung leisten», sagt Woodtli. Konkret: Kostet ein Betreuungsplatz 1500 Franken im Monat, melden weniger Eltern Bedarf an, als wenn der Platz – dank Finanzspritze der öffentlichen Hand – nur 200 Franken im Monat kostet.

So hält auch der «Familienbericht Basel-Landschaft» (2010) fest, es sei «von einer erheblichen Nachfrage nach günstigeren Betreuungsangeboten auszugehen». Denn die Hälfte der Familien mit Kleinkindern und ein Drittel der Familien mit Kindergarten- und Primarschulkindern nannte in der Erhebung die Kosten als Grund dafür, dass sie keine familienergänzende Betreuung nutzen.

Nachdem im Kanton Basel-Landschaft 2012 ein Gesetz zur familienergänzenden Kinderbetreuung an der Urne abgelehnt worden ist, arbeitet man aktuell daran, ein neues Gesetz zu schreiben. «Mit den Aktivitäten, die wir jetzt haben, ist der Kanton sehr gut aufgestellt, um sich bedarfsgerecht weiterzuentwickeln», sagt Katrin Bartels, Leiterin der Fachstelle für Familienfragen.

Zuversichtlich äussert sich auch Balz Bruder vom Aargauer Sozialdepartement: «Heute ist das Angebot an familienexternen Betreuungseinrichtungen zu einem wichtigen Standortfaktor geworden, um das sich keine Gemeinde foutieren kann. Wir sind deshalb zuversichtlich, dass flächendeckend und bedarfsgerecht jene Betreuungsangebote entstehen, die es tatsächlich braucht.» Der Bedarf werde in den Gemeinden «mit ausgeklügelten Umfragetools» zu erheben sein.