Es ist eine bewusst gewählte Strategie, wie Personen aus seinem Umfeld bestätigen: Nachdem Kessler lange das einzige Aushängeschild der Volksinitiative war, soll nun der Eindruck erweckt werden, das Begehren sei breit abgestützt. Tatsächlich haben der Schweizerische Gewerbeverband und die Zürcher SVP kürzlich die Ja-Parole beschlossen.

«Die Initiative sollte kein Anlass dafür sein, einzelne Persönlichkeiten zu popularisieren und in den Vordergrund zu stellen, weil es um ein Anliegen geht, das von über 110  000 Personen unterschrieben und unterstützt wurde», teilt Kessler schriftlich mit. Mehr sagt er nicht.

Auf seiner Homepage fasst er seine politische Überzeugung mit einem Zitat des libertären deutschen Marktenthusiasten Roland Baader zusammen: «Das einzig wahre Menschenrecht ist das Recht, in Ruhe gelassen zu werden.»

«Schlüsselereignis» Schlägerei

Dennoch wird Kessler in der SRF-«Arena» heute Abend an der Seite von SVP-Nationalrat Gregor Rutz für ein Ja zur Volksinitiative kämpfen. Ihm gegenüber werden SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher und FDP-Nationalrat Kurt Fluri für ein Nein werben. Moderieren wird die Sendung wie immer Jonas Projer.

Wer ist Olivier Kessler? Der 1986 Geborene wächst im schwyzerischen Steuerparadies Wollerau in einer Mittelstandsfamilie auf. Die Eltern wählen Mitteparteien, den Sohn aber zieht es schon in der Jugend zur SVP. Als «politisches Schlüsselerlebnis» bezeichnet er vor gut zwei Jahren in der «Nordwestschweiz» eine Schlägerei: Im Alter von 14 Jahren seien er und mehrere Kollegen in einer Bahnhofunterführung von einer Gruppe Jugendlicher mit Baseballschlägern verprügelt worden.

«Die Angreifer fragten uns, ob wir Schweizer seien, dann schlugen sie zu», sagte Kessler damals. Die Polizei habe keine Anzeige zulassen wollen, nachdem die Verprügelten sie darauf hingewiesen hätten, dass die Täter gebrochenes Deutsch sprachen. «Mit der Begründung, das sei rassistisch.» Kesslers Darstellung lässt sich heute nicht mehr überprüfen.

Als Gymischüler agiert Kessler als Web-master eines Onlineforums, in dem rassistische und gewaltverherrlichende Äusserungen en masse geteilt werden. Das zeigen Recherchen von «20 Minuten» im Sommer 2015, kurz nach Kesslers erstem «Arena»-Auftritt noch während der Unterschriftensammlung.

Damit konfrontiert, sagte Kessler der Pendlerzeitung, er habe es unterlassen, «die Beiträge, die zum Teil auf unterirdischem Niveau sind, wenn ich die so lese, zu managen und zu löschen». 2008 wird Kessler Kantonalsekretär der SVP Schwyz. Ein paar Jahre später entdeckt ihn SVP-Politiker Ulrich Schlüer, der die nationalkonservative Zeitung «Schweizerzeit» herausgibt.

Er baut Kessler als Nachfolger auf, setzt den Chefredaktor aber nach nur einem Jahr wieder ab. Offiziell aus finanziellen Gründen. In der Branche munkelt man von unüberbrückbaren Differenzen. Kessler wechselt als Vizedirektor zum Liberalen Institut, einem staatskritischen Thinktank mit Sitz in Zürich. Vom libertären Blog «zuercherin.com» lässt sich der No-Billag-Initiant als «Staatsfeind Nummer 1» feiern.

Wittert Verschwörungen

Aus der SVP tritt Kessler aus, aus der Öffentlichkeit zieht er sich weitgehend zurück. Auch, weil er den Medien längst zutiefst misstraut. Als im Frühjahr 2017 sowohl die SRF-«Rundschau» als auch die «WOZ» wegen eines Auftritts Kesslers bei einer Konferenz des Sektenpredigers Ivo Sasek recherchieren, wittert Kessler eine Verschwörung.

Der Versuch, die «Diskussion auf Nebengleise zu verschieben», sei «einer Demokratie unwürdig», beschwert er sich in der «Nordwestschweiz». Ganz neu ist die Verbitterung nicht. Schon 2015 schreibt Kessler auf der Plattform «politnetz.ch», Journalisten verfolgten den Zweck, «Schweizer Stimmbürger zu manipulieren».

Weil er niemandem traut, nimmt Kessler die Sache nun wieder selbst in die Hand. In der «Arena» wird er seine Argumente lächelnd und voller Selbstvertrauen vortragen. Denn er weiss: Erste Umfragen attestieren seiner Initiative beim Stimmvolk gute Chancen.