Islam in der Schweiz
Niqab, Nacktwanderer und Nora Illi als Telefon-Joker – Zoff um Stoff in der Burka-«Arena»

Die Schweiz wird bald über ein Verhüllungsverbot abstimmen. Die «Arena» zum brisanten Thema blieb erstaunlich zivilisiert – und schweifte thematisch oft von der Burkaverbots-Initiative ab. Schliesslich lässt es auch über Spiderman-Masken, Sprengstoffgürtel und Punks am Zürcher HB trefflich streiten.

Christoph Bernet
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Mit einer vollverschleierten Schaufensterpuppe im Blickfeld wurde debattiert.

Mit einer vollverschleierten Schaufensterpuppe im Blickfeld wurde debattiert.

Schweiz am Wochenende

Nachdem die «Arena» letzte Woche ausnahmsweise an einem runden Tisch nach gemeinsamen Lösungen suchte, kehrte die Sendung diese Woche wieder zum klassischen Format zurück. Dompteur Jonas Projer lud in die Manege. Thema der Woche war die Gesichtsverhüllung. Den Anlass dazu lieferte die kürzlich eingereichte Initiative des «Egerkinger Komitees», welche bereits hinter der Initiative für ein Minarettverbot stand.


Unter dem Titel «Burka – da sehen wir schwarz!» war im Prinzip alles angerichtet für eine laute Debatte mit begrenztem Erkenntnisgewinn, wie man es aus mancher «Arena»-Sendung zu kontroversen Themen in der Vergangenheit kennt. Im Studio stand eine mit einer Niqab bekleidete Schaufensterpuppe, welche die Regie immer wieder ins Bild setzte. An den Stehpulten hatte sich auf der Befürworterseite eine unheilige Allianz aus SVP-Nationalrat Walter Wobmann und der Politologin Elham Manea von der Universität Zürich gefunden.

Die im Jemen geborene Manea engagiert sich auch im «Forum für einen fortschrittlichen Islam» mit seiner streitbaren Präsidentin Saïda Keller-Messahli – was von den Sendungsmachern der Transparenz zuliebe nicht hätte unterschlagen werden sollen. Als Gegner eines Burkaverbots waren die Aargauer SP-Nationalrätin und Feministin Yvonne Feri sowie FDP-Ständerat und Jurist Andrea Caroni aus Appenzell Ausserrhoden eingeladen.


Vorhang auf also zum grossen Verschleierungs-Fight? Die «Tageswoche» aus Basel empfahl, dem Seelenfrieden zuliebe dem eigenen Fernsehgerät vorgängig eine Burka überzustülpen. Der Ratschlag stellte sich als übertrieben heraus: Die brachial erwartete Burka-Battle blieb erstaunlich zivilisiert. Die Teilnehmer liessen sich weitgehend ausreden und hatten ihre Lautstärke unter Kontrolle. Zwischendurch schien es fast, als würden die Gäste gemeinsam live im Fernsehen einen Gesetzesvorschlag über das Verbot religiöser Zeichen bei Kindern im Schulalter ausarbeiten.

Plötzlich diese Einigkeit: Harmonie zwischen Gegnern und Befürwortern

Die Schwierigkeit für Moderator Projer: Wie strikt lässt sich die Debatte auf das Burka-Verbot beschränken, wenn doch selbst Initiant Wobmann eingestand, diese sei als ein Symbol für eine Werteordnung anzusehen? Spricht man auch über diese Werteordnung, über die religiöse Erziehung von Kindern, die Finanzierung von Moscheen aus dem Ausland und die Ausbildung von Imamen? Mal liess Projer die Diskussion laufen, dann versuchte er wieder zur Burka zurückzukehren – wie ein Fussball-Schiedsrichter, der beim Pfeifen nach einer einheitlichen Linie sucht.


In einem waren sich alle einig: Die Burka steht für ein diskriminierendes Frauenbild, an dem niemand Gefallen hat. Der Streit drehte sich um andere Fragen: Bringt ein Verbot etwas? Und ist es nötig? Für SVP-Mann Wobmann war klar: Die Burka als Symbol für eine Wertehaltung, «die wir hier nicht haben wollen», gehört verboten, solange ihre Verbreitung noch überschaubar ist. Laufen erst tausende verschleierte Frauen rum, sei es dafür zu spät.

Wobmann gelang es, mit seinen einfach gehaltenen, sich inhaltlich wiederholenden Statements, das Kernanliegen seiner Initiative verständlich rüberzubringen. Wenig souverän wirkte er dort, wo er das Anliegen als sicherheitspolitisch begründet verkaufen wollte: Wieso sich mit einer Burka besser Sprengstoff transportieren lässt als mit Hilfe eines weiten Mantel oder in eines Rucksacks, blieb rätselhaft.

«Verhüllung ist ein Zeichen gegen unsere Gesellschaftsordnung»

Und Wobmanns Klage, die Medien würden ignorieren, dass sich das Verhüllungsverbot auch gegen Hooligans und Chaoten richte, wischte Projer nach etwas mehr als 15 Minuten zur Seite, indem er auf den grossen Bildschirm im Studio verwies: Dort wurden die Burka-Plakate gezeigt, mit welchen die SVP in der Vergangenheit Abstimmungskämpfe zu Themen wie Minaretten oder Einbürgerungen bestritten hatte. Punkten konnte der Solothurner hingegen, als er auf das Argument der Gegner, eine Kleidervorschrift habe nichts in der Verfassung verloren, mit der Frage konterte, ob sie denn ein Verbot auf Gesetzesebene befürworten.

Einen starken Auftritt zeigte die Politologin Elham Manea. Ihre Voten begann sie jeweils mit den Worten «mit allem Respekt», bevor sie ihren Standpunkt engagiert und klar formulierte – und dadurch gehört wurde. Manea distanzierte sich zu Beginn der Sendung von der «polarisierenden Politik» ihres Nachbarn von der SVP. Sie bedauerte, dass man in Bezug auf die Initiative zu sehr über die Burka und zu wenig über die Gefahr durch islamistisches Gedankengut spreche. SP-Frau Yvonne Feri warf sie vor, die Linke verwechsle Toleranz und Gleichgültigkeit.

«Mit allem Respekt – es geht um die Ideologie hinter der Burka»

Feri zog einen schwachen Abend ein. Sie bemühte sich zwar redlich, auf die praktischen Mängel eines Burkaverbots hinzuweisen. Doch zur Frage, wie man aus feministischer Sicht Frauen helfen sollte, die zur Vollverschleierung gezwungen werden, blieb sie vage und nannte lediglich Allgemeinplätze wie Integration, Prävention und Aufklärung über Rechte und Pflichten. Einen Widerspruch gab es auch zwischen Feris Argument, wonach man einerseits bereits heute gesetzliche Mittel habe, um gegen den Zwang zur Burka vorzugehen, und andererseits ihrer Befürchtung, bei einem Burkaverbot würden Frauen gezwungen, zuhause zu bleiben.

Zu Hochform lief hingegen FDP-Ständerat Andrea Caroni auf. Zum Einstieg wies er darauf hin, dass es in der Schweiz wohl mehr Nacktwanderer als Burkaträgerinnen gebe. Smart kombinierte er liberales Pathos mit pragmatischen Einwänden: Was ist, wenn sich jemand für eine PR-Aktion als Spiderman verkleidet? Für seine Kritik an der ausufernden Symbolpolitik gab es nach rund 25 Minuten den ersten Szeneapplaus.

«Mit dem Burkaverbot geben wir zahlreiche unserer Werte auf»

Es stehe der Schweiz gut an, auf Provokationen durch Burkaträgerinnen und Andere mit Gelassenheit zu reagieren. Mit den Werten von Punks, welche sich neben dem Hauptbahnhof Zürich aufhalten, sei er auch nicht einverstanden – und die Punks wiederum betrachteten ihn als Krawattenträger wohl als «Symbol des überbordenden Kapitalismus». Das müsse eine freie Gesellschaft aushalten können, meinte Caroni.

Bizarres Highlight der Sendung war die Telefon-Liveschaltung von Nora Illi ins Studio. Sie ist die Frauenbeauftragte des «Islamischen Zentralrats der Schweiz» (IZRS) und die bekannteste Burka-Trägerin des Landes. Moderator Projer stellte ihr zwar kritische Fragen. Doch Illi nutze ihren rund sechs Minuten langen Auftritt – bei dem keine andern Gäste zwischendurch zu Worten kamen – für ungefilterte IZRS-Werbung: Sie interpretierte Projers Fragen ganz nach dem eigenen Gusto, beklagte die «wachsende Islamophobie» und begründete ihr Recht aufs Burkatragen mit dem Verweis auf die Existenz von Transgender-Menschen.

Der Schleier spricht: Telefonschaltung zu Nora Illi, die sich in frei bewegen will

Auf ihre Vergangenheit als Punkerin angesprochen, meinte Illi, sie trage die Burka nicht als Provokation. Stellvertretend für die laut eigenen Angaben «vollständig in die Gesellschaft integrierte» Konvertitin rückte die Regie die vollständig verhüllte Schaufensterpuppe ins Bild. Auf dieses Schauspiel folgte noch eine Diskussion über die Auswirkungen eines Burkaverbots auf den Tourismus. Dann fiel in der «Arena» der Vorhang – und wir sahen wieder schwarz.

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