Das letzte Jahr war ein Boom-Jahr für Bio. Noch nie haben so viele Kunden zu Bio-Produkten gegriffen. Für 320 Franken landeten beispielsweise biologisch produzierte Eier, Joghurt und Brot in den Einkaufskörben der Schweizer. Doch nicht nur die Konsumenten entdecken Bio. Auch die Zahl der Betriebe, welche biologisch produzieren, ist gestiegen: Momentan gibt es in der Schweiz 6638 Bio-Bauernhöfe.

Seit den 1990er-Jahren sind nie mehr in einem Jahr so viele Betriebe dazugekommen wie im letzten Jahr. Damals hatte Coop sein Biolabel Naturaplan lanciert und nach Biobetrieben gesucht, um die Produktpalette zu erweitern und die Nachfrage der Konsumenten im Inland abzudecken. Auch heute noch gibt es von gewissen Produkten zu wenig biologisch hergestellte.

Ein Betrieb, der momentan auf Bio umstellt, ist der Rütihof im aargauischen Elfingen. «Wir haben vorher eigentlich schon fast biologisch angebaut, von dem her ist der Schritt nicht sehr gross für uns», sagt Thomas Wüthrich. 2017 übernahm er den Betrieb in Elfingen von seinem Vater. Man habe vor allem gegen Unkraut gespritzt, das müssen Wüthrichs nun von Hand machen. «So gut es halt geht, der Aufwand ist dazu um einiges höher», sagt Wüthrich.

Man müsse das Unkraut mechanisch entfernen. Familie Wüthrich verkauft ihre Produkte vor allem direkt auf Wochenmärkten und einen Teil im Detailhandel. «Mit der Umstellung auf Bio erhalten wir auch neue Kunden», sagt Wüthrich. Zudem liess der ökologische Gedanke hinter dem Bioanbau die Familie Wüthrich wechseln. Nach einer zweijährigen Übergangszeit dürfen Wüthrichs 2019 offiziell ihr Produkte mit dem Knospen-Label kennzeichnen.

Das Beispiel zeigt, warum im letzten Jahr so viele Bauern auf Bio umgesattelt haben und in den nächsten Jahren weitere dazukommen werden: Auch wenn der Aufwand höher ist, lohnt sich der Bio-Anbau. Denn neben den höheren Preisen, die man für seine Produkte erhält, gibt es zusätzlich höhere Direktzahlungen: Bis zu 1600 Franken pro Hektare erhalten Bio-Bauern obendrauf.

Überzeugung statt Geld

Der Bio-Boom ist für den Dachverband Bio Suisse ein Segen. Der Verband hat einiges vor: Momentan liegt der Anteil der Bio-Betriebe bei 13,6 Prozent. Bis 2025 will Bio Suisse diesen Anteil auf 25 Prozent steigern, sagt Urs Brändli, Präsident des Verbands. Beim allgemeinen Rückgang an Bauernbetrieben und der Anzahl derjenigen, welche umstellen wollen, ein durchaus realistisches Ziel.

Am liebsten sähe es Bio Suisse jedoch, wenn eine Umstellung nicht aus den falschen Gründen passiert. «Höhere Direktzahlungen für Bio-Betriebe sind berechtigt, sollen aber nicht der einzige Anreiz sein, auf Bio-Landwirtschaft umzustellen», sagt Urs Brändli, Präsident von Bio Suisse. Das sei der falsche Ansatz. Vielmehr sollen von Bio überzeugte Bauern umstellen.

Mehr Bio-Bauern bedeuten auch eine Gefahr. So könnten plötzlich zu viele Landwirte dasselbe anbieten. Ohne dass eine genügend hohe Nachfrage besteht. «Bei der Bio-Milch treffen wir den Markt momentan gut», sagt Brändli. In den nächsten zwei Jahren werde das Angebot stark wachsen – wegen der Betriebe, die sich in Umstellung befinden. «Solange auch die Nachfrage wächst, brauchen wir keine Bedenken zu haben», sagt Brändli.

Brändli spricht von rund 15 Millionen Kilo Milch, die 2019 mehr produziert werden. Das entspricht rund 7 Prozent der heutigen Bio-Menge. Mitte der 2000er-Jahre sei noch rund ein Drittel zu viel Bio-Milch produziert worden, sagt Brändli. Der Verband und die Bio-Bauern selbst hätten daraufhin mehr ins Marketing investiert, worauf die Nachfrage gestiegen sei. Seit 2010 stimmen Angebot und Nachfrage.

Ob das auch in Zukunft so sein wird? «Wir sagen jeweils, es hat nicht zu viel Bio, sondern noch zu wenig Konsumenten», sagt Brändli. «Regulierend eingreifen kann Bio Suisse ohnehin nicht, das liegt nicht in der Kompetenz des Verbandes. Vermarktungsorganisationen nehmen Umsteller im Falle eines Überangebotes aber nicht direkt auf, sondern setzen sie auf eine Warteliste.»

Anders als bei der Milch ist bei einigen Bio-Kulturen der Inland-Anteil bereits so hoch, dass ein Risiko der Überversorgung besteht. So etwa bei Futter-Gerste. Doch nicht alle Getreidesorten sind so gut abgedeckt. Gerade bei Brotgetreide wie Weizen, Roggen oder Dinkel gäbe es noch viel Potenzial. Dort könne man durchaus mehr absetzen, als im Moment produziert werde, sagt Brändli.

2,7 Milliarden Franken Umsatz

Ungebrochen ist das Wachstum von Bio-Produkten im Detailhandel. Wurden 2012 noch 1,8 Milliarden Franken umgesetzt, waren es im vergangenen Jahr 2,7 Milliarden Franken. Also ein Drittel mehr. Bei aller Euphorie: Noch sind nur 9 Prozent Bio-Produkte, welche über die Ladentheke gehen.

Davon profitieren insbesondere Coop und Migros. Die beiden Detailhändler machen drei Viertel des gesamten Bio-Umsatzes der Schweiz aus. Auch im Fachhandel stiegen die Umsätze. Aber das grosse Wachstum findet ausserhalb des Biofachhandels statt, sagt Stefan Rot, Geschäftsführer der bekannten Bio-Ladenlinie Müller Reformhaus Vital Shop.

Derweil profitieren auch Bio-Landwirtschaftsschulen vom Boom, denn nicht nur Familie Wüthrich hat beschlossen, auf Bio zu setzen. Dies zeigen etwa die Ausbildungszahlen der Bio-Landwirtschaftsschule Inforama des Kantons Bern.

Bio ist so beliebt, dass die Schule eine neue Klasse lanciert. Der Kurs «Landwirtschaft begreifen», soll den Beruf des Bio-Landwirten näher bringen. Das Spezielle daran: Die Ausbildung ist direkt an Interessierte gerichtet, welche nicht aus der Landwirtschaft kommen. Weitere dürften also auf den Bio-Zug springen.

20 Rappen mehr für einen Liter Milch

20 Rappen mehr für einen Liter Milch (Video vom Februar 2018)

Neun Bauern fordern mit einer Initiative einen "fairen" Milchpreis und wollen ihn um 20 Rappen erhöhen. Dafür lancieren sie das Gütesiegel "Fair". Der aktuelle Milchpreis decke kaum die Produktionskosten, sagen sie. Besser sieht der Preis bei der Bio-Milch aus. Jedoch können nicht alle Bauern auf Bio umstellen, sagt die Initiantin und Bäuerin Priska Widmer.