Neuer Bundesrat
Nichts gelernt aus Pro Tell? Cassis ist jetzt Ehrenmitglied der Ärztelobby

Der neue FDP-Bundesrat Ignazio Cassis hat sich von der mächtigen Ärztegesellschaft FMH zum Ehrenmitglied ernennen lassen. Dies, nachdem sein Ein- und Austritt bei der Waffenlobby Pro Tell erst kürzlich Kritik hervorgerufen hatte.

Henry Habegger
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Neo-Bundesrat Ignazio Cassis bandelt erneut mit einer Lobbyorganisation an.

Neo-Bundesrat Ignazio Cassis bandelt erneut mit einer Lobbyorganisation an.

PETER KLAUNZER

Der neue Bundesrat und Aussenminister Ignazio Cassis (FDP) scheint ein richtiger Verbandsmeier zu sein. Kürzlich ist er in die umstrittene Waffenlobby Pro Tell ein- und nach Kritik schnurstracks wieder ausgetreten. Jetzt hat er erneut bei einer mächtigen Lobby angedockt: Der Tessiner Arzt liess sich am Donnerstag von der Ärztegesellschaft FMH zum Ehrenmitglied wählen.

"Die Ärztekammer ernannte Bundesrat Dr. med. Ignazio Cassis zum Ehrenmitglied der FMH. Ignazio Cassis war von 2008 bis 2012 Vizepräsident der FMH", hielt der Ärzteverband in einer Mitteilung fest.

Die Ehrenmitgliedschaft des amtierenden Bunderats ist gerade jetzt pikant, da der Gesamtbundesrat versucht, die Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen. Zu den grössten Treibern der ständigen Kosten- und damit Prämiensteigerungen gehören die Ärzte. Cassis dokumentiert damit mindestens implizit seine Solidarität mit der Ärzteschaft, die derzeit gegen die Pläne des Bundesrats auf die Barrikaden geht, die Gesundheitskosten zu deckeln. "Globalbudgets sind leichtfertige Experimente zu Lasten der Patientinnen und Patienten", kritisierte die FMH erst vor zwei Tagen die Pläne des Bundesrats.

Verbunden mit den Ärzten und den Krankenkassen

Zur Verbundenheit von Cassis zur FMH kommt noch die zu den Krankenkassen. Cassis war, nachdem er angeblich auf Protest sein FMH-Vizepräsidium aufgab, Präsident des Krankenkassenverbandes Curafutura. Ob er auch dort noch Ehrenmitglied wird?

Dass Cassis sich von einer Interessengruppe des Gesundheitswesens einspannen lässt, die derart aktiv gegen die Politik des Bundesrats und namentlich des zuständigen Gesundheitsministers Alain Berset (SP) vorgeht, sorgt im Bundesratsumfeld erneut für Kopfschütteln. "Unsensibel", kommentiert ein Beobachter. "Bei Gesundheitsthemen muss er im Bundesrat in den Ausstand treten", sagt ein anderer.

Allerdings: Cassis als Ehrenmitglied, das kam auch bei der Ärztekammer nicht überall gut an. Laut einem Insider haben angeblich nur etwa 80 der insgesamt 200 Delegierten dafür gestimmt.

Die Karriere von Ignazio Cassis in Bildern:

Ignazio Cassis' Karriere in Bildern Ignazio Cassis ist Facharzt in Innerer Medizin sowie in Prävention und Gesundheitswesen. Ab 2001 hat er einen Lehrauftrag an der Universität Lugano. Später kommen weitere in Zürich, Lausanne und Bern hinzu.
13 Bilder
Von 1996 bis 2008 amtet er als Tessiner Kantonsarzt. Hier posiert er 2002 mit Robert Hämmig (Gesellschaft für Suchtmedizin, links) und Jacques de Haller (Gesellschaft für Allgemeinmedizin).
Auch präsidiert er die Schweizerische Gesellschaft für Prävention und Gesundheitswesen.
Am 4. Juni 2007 rückt Cassis für die in die Tessiner Kantonsregierung gewählte Laura Sadis in den Nationalrat nach. Er wird mit Josiane Aubert (SP, VD), Andy Tschümperlin (SP, SZ) und Marina Carobbio-Guscetti (CVP, TI) vereidigt.
Cassis, hier mit Doris Fiala, Christian Wasserfallen und markanter Krawatte, sitzt in der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit SGK.
2008 überreicht er Bundesrat Pascal Couchepin eine Petition für eine wirksame Präventionspolitik in der Gesundheitsförderung.
Zwischen 2008 und 2012 ist er Vizepräsident des Ärzteverbandes FMH.
2010 kandidiert Cassis ein erstes Mal für den Bundesrat. Er wird jedoch nicht nominiert. Die Nachfolge von Hans-Rudolf Merz tritt schliesslich Johann Schneider-Ammann an.
Seit 2012 ist Cassis Präsident des Vereins Curaviva, dem Verband der Schweizer Heime und Institutionen.
Pieks! Hier erhält der Präsident des Krankenkassenverbandes Curafutura (ab 2013) eine Spritze am Parlamentarier-Grippeimpftag.
2015 gewinnt er die Kampfwahl um das Fraktionspräsidium der FDP gegen Christian Wasserfallen.
Im Rennen um die Nachfolge von Bundesrat Didier Burkhalter ist Cassis der Favorit. Seine Gegner heissen Isabelle Moret und Pierre Maudet.
Strahlender Sieger: Ignazio Cassis wird am 20. September 2017 im zweiten Wahlgang zum Bundesrat gewählt. Hier posiert der Tessiner mit Hannes Germann (SVP, SH) und Fabio Regazzi (CVP, TI).

Ignazio Cassis' Karriere in Bildern Ignazio Cassis ist Facharzt in Innerer Medizin sowie in Prävention und Gesundheitswesen. Ab 2001 hat er einen Lehrauftrag an der Universität Lugano. Später kommen weitere in Zürich, Lausanne und Bern hinzu.

Keystone