1993, wenige Wochen, nachdem Christoph Blocher seinen erbitterten Kampf gegen den EWR-Beitritt mit 50,3% gewonnen hatte, schreib ich im «Badener Tagblatt» einen Blocher-kritischen Kommentar. Ich trat damit eine Lawine ungeahnten Ausmasses los. Unauslöschlich eingebrannt hat sich mir ein Fax - gemailt wurde damals noch nicht - folgenden Inhalts: «Hören Sie auf, Herrn Blocher zu kritisieren, Sie sind nicht einmal würdig, Herrn Blocher die Schuhe zu putzen.»

Ein Schlüsselerlebnis. Obwohl ich damals bereits 15 Jahre journalistisch tätig war - so etwas hatte ich noch nie erlebt. Da offenbarte sich eine neue Dimension, ein Führer-Gefolgschafts-Verhältnis, eine Verherrlichung des Herrn vom Herrliberg, die mich ängstigte, die ich als zutiefst unschweizerisch empfand. Dass wir am Beginn einer fast 20 Jahre dauernden Blocher-Dominanz standen, ahnte ich damals nicht.

Vor Blocher war die SVP eine ganz normale Partei

Vor dem Aufstieg Blochers vom Pfarrerssohn zum Herrn der Schweiz war die SVP eine ganz normale Partei, verwurzelt in der Bauernsame und im Gewerbe, repräsentiert von Magistraten wie Rudolf Gnägi, Leon Schlumpf oder Adolf Ogi, hemdsärmlig, leutselig, hochanständig. Blochers Siegeszug wurde möglich durch seinen Ehrgeiz, sein Geld, durch Verunsicherung der anderen Parteien, vorab der FDP - und durch die Weltlage. Mit dem Fall der Berliner Mauer begann sich das Karussell der Veränderungen zu drehen, es machte manchen schwindlig und empfänglich für die Botschaft, für SVP-Wähler könne alles beim Alten und wir die Auserwählten bleiben. Die konservative Revolution lief.

Ein zweites Schlüsselerlebnis in den 90er-Jahren: Ich hörte Blocher am Rand einer Veranstaltung, abseits der Mikrofone, mit Getreuen reden. Es war erschütternd zu erfahren, wie er wirklich über «das Volk» dachte: herablassend, respekt- und lieblos. Schon bei den alten Römern hat ein Volkstribun das Volk oftmals verachtet.

Stil führte die SVP in die Niederlage

«Weil sie uns thematisch nicht beikommen, weichen sie auf Stilfragen aus», pflegen SVP-Granden zu spotten. Wahr ist: Es ist eben der Stil ihrer Politik, der Ton, der die SVP in die Niederlage geführt hat. «Ich führe eine Offensive gegen die herrschende politische Kultur, die will ich zerstören, die muss man zerstören», sagte Blocher am Tag der Wahlen von 1999. Nun hat die politische Kultur zurückgeschlagen. Schweizer Art ist republikanisch, nicht monarchistisch geprägt. In unserem konkordanten Regierungssystem hat es keinen Platz für Alleinherrscher, für Verachtung und Verhöhnung anderer.

Hier wird die Behauptung gewagt: Hätte sich Blocher nach seiner Abwahl 2007, mit 67 Jahren, nach Herrliberg zurückgezogen, hätte das Parlament der SVP am Mittwoch zwei Sitze zugestanden. Es war 2007 die Allianz der Schlechtgemachten, welche die Abwahl herbeiführte. Vier Jahre später wiederholte sich der Reflex: «Eigentlich» gesteht man der SVP zwei Sitze zu. Aber nicht «dieser» SVP. Nicht der SVP Blochers. Von der hat man genug.

Die alte, die anständige SVP

«Eveline Widmer-Schlumpf verdankt ihre Karriere der SVP, dann hat sie die SVP verraten», diktierte Natalie Rickli vorgestern in die Mikrofone. Was sie verschwieg: Die Bündnerin machte ihre Karriere in der alten, der anständigen SVP. Mit ihrer Wahlannahme vor vier Jahren warf sie der neuen, der herrischen SVP, den Fehdehandschuh hin. «Aus einer Partei auf der Suche nach Lösungen ist eine Partei auf der Suche nach provokativen Machtspielen und demonstrativer Rechthaberei geworden.» Diesen Satz schrieb der ehemalige Aargauer Regierungs- und Nationalrat Ulrich Siegrist 2006 im Brief, in welchem er seinen Parteiaustritt mitteilte. Auch Siegrist ist im Herzen ein alter SVPler.

Ist es Zufall, dass in diesen Tagen auskam, wie Blocher bezüglich seiner Rolle bei der «Basler Zeitung» brandschwarz gelogen hat? Der Volkstribun meint, ihm sei alles erlaubt. Peter Spuhler hat Blocher schon 2008 geraten, «im richtigen Moment» abzutreten. Doch Machtmenschen wollen selber bestimmen, wann sie gehen. Nun ist es zu spät. Blocher hat die SVP gross gemacht. Nun ist er daran, sie zu zerstören.