«Nicht jeden Luxus finanzieren»

Der Direktor des Krankenkassen-Verbandes will die Leistungen der Grundversicherung massiv kürzen.

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Krankenkasse kürzen

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Aargauer Zeitung

PHILIPP MÄDER

Herr Kaufmann, Sie klingen verschnupft. Sollten Sie nicht zum Arzt gehen?
Stefan Kaufmann: Nein, das ist nicht nötig. Ich bin in die Apotheke gegangen und habe einen Hustensirup gekauft. Die 21 Franken habe ich aus dem eigenen Sack bezahlt.

Damit die Prämien übernächstes Jahr nicht noch stärker steigen?
Kaufmann: Die Leute gehen heute viel schneller zum Arzt als früher: Wenn es jemanden in der Wade zwickt oder er ein dumpfes Gefühl hat, das nicht gleich wieder verschwindet, lässt er sich einen Termin beim Arzt geben. Dabei weiss man, dass viele solche Störungen von selbst wieder verschwinden. Wenn jeder deswegen die Spitzenmedizin in Anspruch nimmt und das Kollektiv der Prämienzahlenden zur Kasse bittet, wird das extrem teuer. Und damit steigen auch die Prämien.

Was schlagen Sie vor, damit sich dies ändert?
Kaufmann: Lebenswichtige medizinische Leistungen dürfen wir niemandem vorenthalten. Aber wir sollten damit aufhören, dass die Krankenkassen jeden Luxus und jeden kurzen Arztbesuch finanzieren. Und wir müssen prüfen, welche Medikamente die Krankenkassen wirklich bezahlen sollen - und was die Leute selbst berappen können. Zum Beispiel einen Hustensirup.

An was denken Sie neben dem Hustensirup sonst noch?
Kaufmann: In meinem Bekanntenkreis diskutiert man oft: Was gibt es Neues in der Medizin? Was tut mir gut? Niemand fragt sich: Was brauche ich wirklich? Das entspricht nicht dem Grundgedanken einer Versicherung - nämlich ein Risiko abzudecken, das ich selbst nicht tragen kann. Da könnten viele Menschen Eigenverantwortung übernehmen und sagen: Wenn ich eine Grippe oder eine Erkältung habe, dann zahle ich den Arztbesuch oder das fiebersenkende Mittel selbst. Heute ist es gerade umgekehrt. Wenn zum Beispiel einsame Menschen gute Erfahrungen mit dem ärztlichen Gespräch oder einer Physiotherapie machen und sich so besser fühlen, müssen wir das doch nicht unbedingt mit unseren Prämien mitfinanzieren.

Wo sehen Sie den Ursprung für diese Entwicklung?
Kaufmann: Mit dem neuen Krankenversicherungsgesetz haben wir vor gut zehn Jahren den sozialen Gedanken in den Vordergrund gestellt. Dabei stopften wir zwar die früheren Löcher in der Versicherung. Aber das zweite Ziel, nämlich die Kosten in den Griff zu bekommen, haben wir nicht erreicht. Deshalb müssen wir den Menschen wieder klarmachen, dass das Gesundheitssystem eine Versicherung und kein Selbstbedienungsladen mit einem uneingeschränkten Angebot zu einem festen Preis ist. Weil diese zu einer Vollkaskoversicherung wurde, hat niemand mehr einen Anreiz, sich vernünftig zu verhalten. Im Gegenteil: Mit steigenden Prämien sinkt die Schwelle, zum Arzt zu gehen.

Aber die Menschen verursachen doch nicht extra höhere Kosten.
Kaufmann: Nur ein Beispiel: Sie sind in einem Turnverein und gehen nach dem Training noch ins Restaurant. Es gilt die Regel, dass man die Rechnung gleichmässig untereinander aufteilt. Eigentlich wollen Sie nur einen Salat essen. Aber der nebenan bestellt ein Filet. Da ist es verständlich, wenn Sie auch etwas Teureres als einen Salat verlangen. Im Kanton Waadt gibt es mehr Spezialärzte und mehr Spitalbetten als im Kanton St. Gallen. Es gibt in der Waadt 70 Prozent mehr Oberschenkel, 20 Prozent mehr Gallenblasen, 10 Prozent mehr Kaiserschnitte, 40 Prozent mehr Computertomografien und 80 Prozent mehr Untersuchungen mit Herzkatheter, ohne dass die Waadtländer gesünder sind oder länger leben als die St. Galler. Im Kanton Waadt bezahlt man durchschnittlich 4000 Franken Prämien pro Jahr, im Kanton St. Gallen 2500 Franken.

Mit Ihrem Direktorenlohn bei Santésuisse können Sie sich einen Hustensirup locker leisten. Aber was ist mit jenen, die nur wenig verdienen?
Kaufmann: Für sie müssen wir eine separate Lösung finden. Aber wir sollten nicht das ganze Versicherungssystem auf diese wenigen Prozent der wirtschaftlich Schwachen ausrichten. Zumal schon heute ein Teil der Bevölkerung Prämienverbilligungen erhält.

Wollen Sie mit Ihrem Vorschlag nicht einfach das Geschäft mit Zusatzversicherungen ankurbeln? Die Krankenkassen würden sofort Pakete anbieten, die auch Bagatellerkrankungen einschliessen?
Kaufmann: Die Kosten stiegen in den letzten Jahren vor allem bei der Grundversicherung. Der Anteil der Zusatzversicherungen am gesamten Gesundheitsmarkt hingegen hat praktisch nicht zugenommen. Es gibt also durchaus Raum für neue Zusatzversicherungen. Aber die Leute könnten frei entscheiden, ob ihnen die Grundversicherung genügt oder nicht. Wir müssen aufpassen, dass wir die Leute nicht zu stark bevormunden.

Wie stark würden die Prämien sinken, wenn man Bagatellerkrankungen aus der Grundversicherung streicht?
Kaufmann: Das habe ich nicht berechnet. Aber wenn wir erreichen, dass 90 Prozent der Menschen wieder mehr Eigenverantwortung übernehmen, bringt das sicher Einsparungen. Und unser Gesundheitssystem wird wieder zum Vorzeigebeispiel für andere Länder.