Angesichts nach wie vor fehlender Plätze in Kindertagesstätten setzen immer mehr Eltern auf die Dienste einer Nanny, welche die Kinder im Haushalt der Familie betreut. Bequem für die Eltern, die ihr Kind nicht vor Kita-Schluss abholen müssen, und – hat die Familie mehr als ein Kind – gar nicht zwingend teurer als die Kita. Doch Nanny ist nicht gleich Nanny: Nicht jede Nanny ist ein ausgebildetes Kindermädchen wie die Film- und Romanfigur Mary Poppins. Denn in der Schweiz darf heute jedermann seine Dienste als Nanny anbieten. «Nanny» ist weder eine geschützte Berufsbezeichnung (wie es etwa «Kleinkinderzieherin» ist), noch sind bestimmte Qualifikationen vorausgesetzt.

Bundesrat war für Nanny-Auflagen

Dass Nannys bis heute ohne eine bundesrechtliche Regelung arbeiten können, ist eigentlich ein Kollateralschaden. 2009 wollte der Bundesrat die Betreuung durch Nannys einer Bewilligungspflicht unterstellen. Damit verbunden wäre die Auflage zur stetigen Weiterbildung gewesen. Die Vorschläge waren Teil der neuen Kinderbetreuungsverordnung, anhand der der Bundesrat eine umfassende Qualitätskontrolle in der ausserfamiliären Kinderbetreuung implementieren wollte.

Doch die neue Kinderbetreuungsverordnung löste eine heftige Debatte aus: Es brauche keine zusätzliche Regulierung, meinten Kritiker, da Eltern selbstverantwortlich entscheiden könnten, ob sie ein Angebot nutzen wollen oder nicht. Ein Teil der Kritik beruhte auf einem Missverständnis – nämlich, dass der Bundesrat auch für Verwandte eine «Lizenz zum Hüten» einführen wolle. Unter dem Druck krebste der Bundesrat zurück – und überliess die Regelung der Betreuung im Elternhaus weiter den Kantonen.

«Es wurde als ein wesentlicher Teil des Überschiessens der Vorlage wahrgenommen, dass man in den intimen Bereich der Familien im eigenen Haushalt eingreift», sagt David Rüetschi, Leiter des Fachbereichs Zivilrecht und Zivilprozessrecht im Bundesamt für Justiz. Damit, fügt Rüetschi an, wolle er aber nicht sagen, dass der ganze Nanny-Bereich unproblematisch sei.

Zum Vergleich: Wer als Tagesmutter Kinder bei sich zu Hause betreuen will, untersteht einer gesetzlichen Meldepflicht. Und der Verband Tagesfamilien Schweiz, dessen Mitgliederorganisationen immerhin rund 9000 Tagesmütter und -väter beschäftigen, setzt Eignungsprüfung, Schulungen und jährliche Weiterbildungen voraus.

Professionelle Nannys gibt es

Doch bei den Nannys wird es in absehbarer Zeit weder gesetzliche Vorschriften geben, noch hat sich ein starker Verband gebildet, wie es bei den Tagesfamilien der Fall ist.

So hat sich in den letzten Jahren ein grosser Markt für Nanny-Vermittlungen gebildet, in welchem jeder Anbieter eigene Vorstellungen von Qualitätssicherung pflegt. Die Plattform www.babysitting24.ch etwa wirbt mit einer «grossen Auswahl an qualifizierten Kinderbetreuerinnen». Dabei kann jedermann ein Profil erstellen und seine erworbenen Qualifikationen ausweisen. Die Betreiber der Plattform überprüfen die Profile, nicht aber die angegebenen Qualifikationen. «Wir massen uns nicht an zu überprüfen, wie viel eine Frau im Babysitterkurs gelernt hat. Ob eine Nanny wirklich auch praktisch qualifiziert ist oder nicht, können Eltern am besten selbst im persönlichen Gespräch beurteilen», sagt Geschäftsführer Sandro Principe.

Andere Agenturen wie NannySwiss, Childcare Service oder Nannyvermittlung.ch verlangen Erfahrungen in der Kinderbetreuung, sehen Referenzen und Strafregisterauszug ein und laden die interessierten Frauen zum Vorstellungsgespräch. Die «Nordwestschweiz» kennt allerdings Beispiele, dass der Begriff «Erfahrung» beispielsweise bei Childcare sehr grosszügig zugunsten der Möchtegern-Nanny ausgelegt wird.

Ausschliesslich Frauen mit einer Berufsausbildung im Bereich Kinderbetreuung kommen hingegen beim Verband professionelle Kinderbetreuung Schweiz und seiner Vermittlungsagentur www.mom2mom.ch als Nannys infrage. «Wir wollen die Frauen schützen und fördern, die eine Ausbildung mitbringen. Denn es ist unfair ihnen gegenüber, wenn sie in denselben Topf geworfen werden wie Frauen, die sich als Quereinsteiger-Nanny ohne pädagogischen Hintergrund auf irgendeiner Plattform anbieten», sagt Präsidentin Vanessa Glässel. Der Verband vergibt deshalb ein symbolisches, firmeninternes Zertifikat an die Nannys.

Auf die Schnelle klappt es kaum

So entscheidet jede Familie für sich, welche Qualitätsanforderungen sie an ihre Nanny stellt. Aus einer Notsituation heraus auf die Schnelle eine Nanny zu finden, die zur Familie passt, ist trotz des grossen Angebots schwierig. Esther Elsener Konezciny von der Fachstelle Kinder und Familien Aargau hält fest: «Eine passende Nanny zu finden, braucht Zeit. Man muss ein sorgfältiges Anstellungsgespräch führen, Diplome und Arbeitszeugnisse sichten. Man findet nicht so einfach eine gute Nanny, insbesondere wenn man sie nur für ein kleines Pensum braucht.»