Bergsturz
«Nicht damit gerechnet»: Bündner Behörden geben in Bondo erstmals Fehler zu

Eine Woche ist es her, dass im Bündner Bergell vier Millionen Kubikmeter Fels ins Tal gedonnert und grosses Unheil im Bergdorf Bondo angerichtet hat. Nun haben die Behörden erstmals eingeräumt, dass die Lage am Piz Cengalo falsch eingeschätzt wurde.

Merken
Drucken
Teilen
Der Bündner Regierungsrat Mario Cavigelli (Mitte) im Gespräch mit Bewohnern von Bondo.

Der Bündner Regierungsrat Mario Cavigelli (Mitte) im Gespräch mit Bewohnern von Bondo.

Keystone

Im bündnerischen Bondo können die Menschen weiterhin nicht in ihre Häuser zurück. Nach dem Murgang von vergangener Woche sind die Schäden zu gross. Acht Personen werden weiterhin vermisst, die Suche wurde jedoch eingestellt.

Nun geben die Bündner Behörden erstmals zu, dass sie die Lage falsch eingeschätzt haben. «Die Fachleute des Amtes für Wald und Naturgefahren haben nicht mit einer Entwicklung eines Murganges gerechnet», sagt Regierungsrat Mario Cavigelli gegenüber SRF.

Bilder des schweren Bergsturzes bei Bondo:

Der Bergsturz von Bondo
18 Bilder
Am Piz Cengalo im Grenzgebiet zu Italien löste sich in der Nacht auf Freitag kein weiteres Gestein
Eine Schneise der Verwüstung zieht sich durchs Tal: Doch wie man sieht, ist das Dorf Bondo noch glimpflich davongekommen.
Der gewaltige Murgang streifte Bondo und überspülte die Hauptstrasse des Bergells.
Vier Millionen Kubikmeter Material waren am Mittwoch abgebrochen und in das Seitental Val Bondasca gestürzt, von wo aus ein Teil des Abbruchs bis ins Haupttal Bergell vor das Dorf Bondo geschoben wurde.
Eine weitere Million Kubikmeter soll am Berg in Bewegung sein, weshalb mit weiteren Bergstürzen gerechnet wird.
Wie die Polizei mitteilte, stammen die Vermissten aus dem Bundesland Baden-Württemberg in Deutschland, aus der österreichischen Steiermark und aus dem Kanton Solothurn.
Die Einwohner des Bergeller 200-Seelen-Dorf Bondo mussten nach dem Bergsturz und einem folgenden Murgang evakuiert werden.
Im Murgebiet, wo ein Alarmsystem installiert ist, arbeiten insgesamt 120 Einsatzkräfte.
Am Freitag, zwei Tage nach dem Felssturz, durfen einige der 100 evakuierten Bewohner zurück ins Dorf. Welche, das ging von der Gefahrenzone ab.
Andere durften am Freitag in Begleitung des Zivilschutzes oder der Feuerwehr vorübergehend in ihre Wohnungen gehen.
Am Donnerstag machte sich Bundespräsident Doris Leuthard persönlich ein Bild von der Lage in Bondo.
Der Bergsturz von Bondo ist einer der gewaltigsten in der Schweiz seit deutlich über 100 Jahren.
Mit einer Ausnahme handelt es sich sogar um den grössten Materialabgang seit dem Grossereignis in Elm im Kanton Glarus im Jahr 1881.
Der Bergsturz im Bergell hat viele Gebäude zerstört, wie Luftaufnahmen zeigen. Felssturz und Murgang zerstörten auch Felder und Weidegebiet, Strassen und Wege.
Wie hoch die Schäden wirklich sind, wird erst klar, wenn Schadenexperten das Gebiet betreten dürfen.
Bergsturz in Bondo: So sieht es im Ort aus Der Bergsturz bei Bondo im bündnerischen Bergell hat möglicherweise doch Opfer gefordert. Sechs Personen sind als vermisst gemeldet. Die Suche nach den Vermissten ist noch am Laufen. Dabei kommen auch Helikopter der Armee zum Einsatz. Der 200-Seelen-Ort bleibt evakuiert.

Der Bergsturz von Bondo

Miguel Medina

Man habe zwar mit einem Abbruch gerechnet, aber nicht damit, dass sich gleichzeitig so viel Wasser bilde, das die trockene Masse bewegen könnte. Seit 2011 befasse man sich intensiv mit dem Piz Cengalo, man wisse aber noch nicht, weshalb der Murgang nicht vorausgesehen wurde, so Cavigelli weiter.

Bei einem der grössten Bergstürze in der Schweiz seit über 100 Jahren waren am letzten Mittwochvormittag drei Millionen Kubikmeter vom Piz Cengalo abgebrochen. Eine Kombination von auftauendem Permafrost und Wasserdruck wird als Ursache vermutet.

Im Rahmen der Abklärungen zum Unglück wird unter anderem der Frage nachgegangen, ob im Gebiet seitens der Gemeinden ausreichend auf die Naturgefahr eines Bergsturzes hingewiesen wurde. Der Piz Cengalo stand unter Beobachtung seit dem Absturz von Ende 2011, als am gleichen Ort 1,5 Millionen Kubikmeter Fels wegbrachen. Dieser Bergsturz hatte sich damals weitgehend unbemerkt ereignet. (cma/sda)