Aarau

«Neues wagen macht stark»

Landsgemeinde: Unter den Frauen im Grossratssaal war auch Regierungsrätin Susanne Hochuli (vorne, 3. von links). (Bild: Pascal Meier)

Frauen

Landsgemeinde: Unter den Frauen im Grossratssaal war auch Regierungsrätin Susanne Hochuli (vorne, 3. von links). (Bild: Pascal Meier)

Dem Tagungsmotto «Ganze Arbeit» entsprechend wurde an der 16. Frauenlandsgemeinde in Aarau auch ganze Arbeit geleistet. 200 Frauen wurden dazu ermutigt, Erwerbs-, Familien- und Freiwilligenarbeit selbstbewusst zu gestalten, neu zu werten und sichtbar zu machen.

Fränzi Zulauf

Wenn Frauen tagen, ist oft alles ein wenig anders. Erst recht an der Aargauer Frauenlandsgemeinde. Die 200 teilnehmenden Frauen, junge, mittelalterliche und alte bunt gemischt, wurden beim Betreten des Grossratsgebäudes mit irischen Klängen der jungen Geigerin Eva Wey begrüsst. Das Gebäude selbst war für diesen Tag flugs in einen spannenden Kunstraum verwandelt worden - dank den Objekten und Bildern von Ingrid Haldimann, Töpferin aus Oberflachs, und Carmen Moeri, Kunstschaffende aus Birrhard. Und zum Abschluss des lehrreichen Tagwerks kamen die Frauen in den Genuss einer Darbietung der Parodistin Christina Stauber aus Niederwil. Doch nicht nur die Selbstverständlichkeit, mit der Kultur in die Tagung verwoben wird, unterscheidet den Frauen- von einem Männeranlass. Ein grosser Unterschied liegt auch in den Referaten beziehungsweise in der Art der hervorragenden Referentinnen, Inhalte, Wissen und Erkenntnisse weiterzugeben. Sie tun dies mit dem Willen, Mut zu machen, ohne mit den eigenen Taten zu protzen und ohne die Schwierigkeiten zu verniedlichen. Sie vermitteln Denkanstösse und können auch eingestehen, wie und wann sie an ihre Grenzen gestossen sind.

«Immer wieder neue Rollen»

«Wir müssen sehr schwach sein, um unsere Stärken zu entdecken», sagte die grüne Regierungsrätin Susanne Hochuli in ihrer Begrüssungsrede. Das war keine Floskel, sondern eine Erkenntnis, die sie bei verschiedenen Weichenstellungen in ihrem Leben gewonnen hat. Sie berichtete davon, wie sie schon mehrmals in ihrem Leben zu neuen Ufern aufbrechen musste, «ohne zu wissen, wie das andere Ufer aussieht». Das war in hohem Masse der Fall, als sie 1990, als Journalistin mit vielversprechender Karriere vor Augen, den Hof ihres überraschend verstorbenen Vaters übernahm. Ohne viel Ahnung von Landwirtschaft zu haben. «Ich habe Fehler gemacht, bin ‹gestürchelt›, habe den Kopf angeschlagen, kam an meine physischen und psychischen Grenzen. Ich war gezwungen, gerade dort meine Stärken zu suchen, wo ich glaubte, besonders schwach zu sein.» Und: «Neues zu wagen, macht stark. Für mich hat nun wieder ein neues Leben begonnen; in manchen Bereichen bin ich noch nicht richtig ‹daheim›.»

«Neues denken, Neues wagen»

Amanda Sager, Präsidentin der Frauenlandsgemeinde, rief dazu auf, die verschiedenen und komplexen Arbeiten, die Frauen leisten, meist ohne Anerkennung dafür zu erhalten, neu zu werten. «Die wirklich wichtigen Arbeiten sind das Begleiten und das Betreuen von Menschen.» Es sei wichtig, die ganze Palette sichtbar zu machen: Die Familien-, Haus-, Pflege-, Freiwilligen- und Lohnarbeit. «Wir müssen den Mut haben, Neues zu denken und Neues zu wagen. Wir dürfen uns nicht unter unserem Wert verkaufen, müssen höhere Löhne, bessere Bedingungen, anspruchsvolle Teilzeitstellen und Kaderpositionen fordern.»

Uralte Definitionen

Historikerin Heidi Witzig zeigte auf, dass schon bei den Griechen die als männlich definierte Arbeit als «wertvoll, dominant und heldenhaft» gewertet wurde, die als weiblich bezeichnete Arbeit hingegen als «ergänzend, zudienend und zweitrangig». «Im Kampf um Lohngleichheit müssen wir von diesen Attributen wegkommen, auch im Herzen. Wer gute Arbeit leistet, hat einen guten Lohn verdient. Wir Frauen müssen auch selbst daran glauben, dass wir leistungsbereit sein dürfen.»

Eva Jaisli ist zweifellos leistungsbereit. Sie ist CEO der internationalen Firma PB Swiss Tools im Emmental. Sie ist aber auch verheiratet und Mutter von vier Kindern. «Es ist toll, Unternehmerin zu sein, auch wenn uns die Krise besonders hart getroffen hat», erklärte sie. Und: «Krisen sind eine unglaubliche Chance, neue Rollen und Aufgaben zu übernehmen. Wenn sich die Wirtschaft nachhaltig erholen soll, dann müssen mehr Frauen als Partnerinnen in all diese Systeme eingebunden werden.»

Theologin Ina Praetorius durfte Träume - «bei Männern würde ich Visionen sagen» - präsentieren. Etwa jenen, dass es das Wort Gleichstellung gar nicht mehr braucht, weil es keine Zweiteilung mehr gibt. Oder dass alle ein Basiseinkommen erhalten und damit vom Rentabilitätszwang befreit werden. «Dann könnte man genau jene Arbeiten verrichten, die man sinnvoll findet und den eigenen Fähigkeiten entsprechen. Das macht glücklich. So könnten Frauen und Männer eine wohnliche Welt schaffen.»

Gut gerüstet

In zwölf Workshops mit Themen wie «Unternehmerin des eigenen Lebens», «Familien- und Hausarbeit - gemeinsam geht es leichter» und «Arbeiten heisst die Welt wohnlich gestalten» bis hin zu «Tanzen wie in 1001 Nacht als Ausgleich zur Arbeit» oder «Frauen und Sozialversicherungen» hatten die 200 Teilnehmerinnen die Möglichkeit, sich weiteres Rüstzeug zu holen für die selbstbewusste Gestaltung ihrer verschiedenen Arbeitswelten.

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