Bildung
Neues Studienmodell: Vom Gymnasium direkt an die Fachhochschule

Gymnasiasten sollen ohne Praxis an einer Fachhochschule studieren dürfen. In einem Pilotprojekt soll dieses Studienmodell erprobt werden. «Praxisintegriertes Bachelor-Studium» heisst das Zauberwort. Der Gewerbeverband bezweifelt den Nutzen.

Doris Kleck
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An Gymnasien ist der Unterricht wenig praxisorientiert. Wer nachher an eine Fachhochschule will, muss sich an die Arbeitswelt gewöhnen. key

An Gymnasien ist der Unterricht wenig praxisorientiert. Wer nachher an eine Fachhochschule will, muss sich an die Arbeitswelt gewöhnen. key

Mit Lehre und Berufsmatura an die Fachhochschule, so nennt man den «Königsweg der Berufsbildung». Und nun sollen ausgerechnet Gymnasiasten die Möglichkeit erhalten, ohne Praxisjahr an einer Fachhochschule zu studieren. Allerdings nur, wenn sie einen Arbeitsvertrag in der Tasche haben. «Praxisintegriertes Bachelor-Studium» heisst das Fachwort für das neue Studienmodell, welches das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) in der Schweiz erproben will. Es ist eines von drei Instrumenten eines geplanten Massnahmenpakets im Kampf gegen den Fachkräftemangel, wie SBFI-Sprecher Martin Fischer Recherchen der «Nordwestschweiz» bestätigte.

Fachkräftemangel: Was geplant ist

Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) plant drei neue Massnahmen gegen den Fachkräftemangel. Erstens sollen Fachhochschulen die Möglichkeit erhalten, während dreier Jahre den praxisintegrierten Bachelor anzubieten. Für jene Gymnasiasten, die weiterhin den Weg über das Praktikumsjahr an die Fachhochschule wählen, werden einheitliche Leitlinien für das obligatorische Jahr in der Arbeitswelt erarbeitet. Dies ist die zweite Massnahme, deren Umsetzung umstritten ist. Drittens sind Massnahmen zur Stärkung der Berufsmaturität geplant. Dazu gehört die Einführung eines degressiven Modells: Der Schulanteil soll gegen Ende der Lehre sinken, um die Praxis zu stärken. Zudem soll das Berufsmaturitätsangebot flächendeckend sein. Heute bieten nur sechs Kantone alle sechs Fachrichtungen an. Weiter will das SBFI eine neue Kampagne zur Berufsmatur unterstützen. (dk)

Wollen Gymnasiasten an einer Fachhochschule studieren, müssen sie vorher ein einjähriges Praktikum absolvieren. Denn Gymnasiasten haben zwar eine breite Allgemeinbildung, doch keine praktische Erfahrung. In einem Praktikum sollen sie Rüstzeug für das Studium holen, sollen erfahren, dass eine Firma mit Zeitdruck, Hierarchien und Kundenbedürfnisse etwas anderes ist als ein Klassenzimmer. Schliesslich ist das Profil klar: Fachhochschulen sind praxisorientiert. Bei den Universitäten steht die Grundlagenforschung im Fokus.

Im ersten Anlauf gescheitert

Die Idee, den Zugang von Gymnasiasten an Fachhochschulen zu flexibilisieren, ist ein altes Politikum. Unter dem Eindruck des Informatikerjahres wollte der Bundesrat bereits zu Beginn der Nullerjahre prüfen, ob das Praxisjahr nicht während des Studiums absolviert werden könnte. Das Parlament wollte davon jedoch nichts wissen. Es sah darin eine Gefährdung des dualen Berufsbildungssystems. Fachhochschulen würden dadurch gleichartig wie Universitäten, allerdings minderwertig, monierte Nationalrat Hansruedi Wandfluh (SVP/BE).

Und noch im vergangenen Januar bekämpfte Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (SGV) die Idee des «praxisintegrierten Bachelorstudiums» vehement. Es gehe um nichts Geringeres als um eine Weichenstellung für die Zukunft der dualen Berufsbildung, sagte er gegenüber der «NZZ». Biglers Ärger bezog sich damals auf ein Gesuch der Fernfachhochschule Brig. Diese hatte beim SBFI eine Ausnahme der Praktikumsregelung beantragt. Die Gymnasiasten sollen stattdessen eine Anstellung haben und die Praxiserfahrung während des Studiums nachholen. Das Pilotprojekt ist für den Bereich Informatik gedacht.

Studium würde länger dauern

Das Gesuch ist immer noch hängig. Doch weil auch andere Institutionen mit dieser Idee liebäugeln, will das SBFI weitergehen und ein Pilotprojekt «praxisintegrierter Bachelor» starten. Alle Fachhochschulen sollen befristet, während dreier Jahre die Möglichkeit erhalten, solche Studiengänge anzubieten. Allerdings beschränkt auf den MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), wo Fachkräftemangel herrscht. Das Studium soll zudem ein Jahr länger dauern, nämlich vier Jahre. Mindestens die Hälfte der Zeit gehört der Praxis. Der Vorschlag befindet sich derzeit in einer Konsultationsphase. «Die ersten Signale sind positiv», sag SBFI-Sprecher Fischer. Der Startschuss für die Pilotprojekte soll bereits 2015 erfolgen.

Der Gewerbeverband hat inzwischen seine Fundamentalopposition aufgegeben: «Wir sind skeptisch, aber nicht mehr a priori dagegen», sagt Direktor Bigler. Einerseits will der SGV nicht jeder Weiterentwicklung im Wege stehen. Andererseits glaubt Bigler nicht, dass es eine notwendige und erfolgreiche Massnahme gegen den Fachkräftemangel ist. Er bezweifelt, dass Firmen bereit sind, Maturanden ohne Berufserfahrung einzustellen. Zudem befürchtet der SGV eine Abwertung des Studiums. Weil zwei Jahre praxisbezogen sein müssen, blieben nur zwei Jahre um denselben Theoriestoff durchzunehmen, der aktuell in drei Jahren vermittelt wird. Ganz kampflos will der Gewerbeverband den «praxisintegrierten Bachelor» denn auch nicht akzeptieren. Das erste Jahr müsse weiterhin ein Praxisjahr sein, ansonsten sei dies ein «Angriff auf die Berufsbildung», so Bigler.

Die neue Diskussionsbereitschaft des Gewerbeverbandes beim praxisintegrierten Bachelor hat wohl auch mit anderen Prioritäten zu tun: Der Verband kämpft gegen den Willen des SBFI für den Zusatztitel «Professional Bachelor» für Absolventen der höheren Berufsbildung. Zudem soll sich der Bund in diesem Bereich stärker finanzieren. Mit einem neuen Konfliktherd wäre diesen Zielen kaum gedient.

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