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Neues Päckli-Liefersystem: Toll für Kunden, Stress für Pöstler

Seit kurzem kann man Pakete online steuern. Pöstler sind gar nicht «happy».

Samuel Schumacher
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Stressjob Paket-Pöstler: Fast die Hälfte von ihnen gab in einer Umfrage an, sie schafften es nicht, die Pakete innerhalb der vorgegebenen Zeit auszuliefern.Urs Flüeler/Keystone

Stressjob Paket-Pöstler: Fast die Hälfte von ihnen gab in einer Umfrage an, sie schafften es nicht, die Pakete innerhalb der vorgegebenen Zeit auszuliefern.Urs Flüeler/Keystone

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«Pakete kommen immer gut an.» Das teilt die Post auf den Flanken ihrer Lieferwagen der Öffentlichkeit stolz mit. Seit Mitte Monat kommen die Päckli sogar noch besser an: Genau dann und genau dort nämlich, wo wir sie empfangen wollen. Am 10. Februar hat die Post einen neuen (teilweise kostenpflichtigen) Service lanciert, der es Kunden ermöglicht, ihre Pakete online zu steuern. Jeder Kunde kann sich auf der Post-Homepage einloggen und wählen, an welchem Tag das Päckli ankommen und an welche Adresse es geliefert werden oder ob es der Pöstler einfach vor der Tür deponieren soll. Gegen einen Aufpreis kann man sich das Päckli auch am Abend oder am frühen Morgen ausliefern lassen.

Mit dem neuen Service will die Post den Kunden «mehr Flexibilität und Komfort» bieten, teilt der gelbe Riese mit. Doch nicht nur für die Kunden, auch für die oft unter hohem Zeitdruck stehenden Pöstler soll der neue Service eine Verbesserung bringen, sagt Post-Sprecherin Jacqueline Bühlmann. «Der Aufwand für die Paketboten wird tendenziell sinken, da sie weniger Zeit aufwenden müssen, um Abholungseinladungen für verpasste Pakete auszufüllen.»

Täglich 150-mal läuten

Eine Win-win-Situation also? Mitnichten, sagt Pöstler M., der seit 15 Jahren im Raum Zürich Pakete ausliefert. Mit Namen hinstehen will er nicht, seine Sicht der Dinge darlegen aber schon. «Mit dem alten System hatten wir eine klare Route, von Punkt A nach Punkt X. Wenn ein Kunde nicht zu Hause war, nahmen wir die Pakete einfach wieder mit. Mit dem neuen System kann es sein, dass wir ständig hin und her fahren müssen, weil jemand sein Päckli besonders früh oder besonders spät oder an einen anderen Ort geliefert haben will. Der rote Faden, der sich durch unseren Tag zog, geht verloren», sagt Pöstler M., der täglich zwischen 200 und 300 Pakete ausliefert.

Störend findet M. auch die Art und Weise, wie die Post die Neuerung gegenüber den Pöstlern kommuniziert hat. «Gefragt hat man uns nicht, obwohl wir am meisten Erfahrung mit den Paketlieferungen haben. Man hat einfach bestimmt, unsere Meinung hat die Post nicht interessiert.» Die Post entgegnet, bei der Einführung neuer Dienstleistungen orientiere man sich an den Bedürfnissen des Marktes und der Kunden.

Auch Pöstler H., der seit 30 Jahren im Raum Bern Pakete ausliefert, ist nicht glücklich über den neuen Service, den die Post ihren Kunden anbietet. «Wenn das neue System von den Kunden wirklich genutzt wird, dann heisst das für uns, dass wir unter Umständen mehrmals pro Tag am selben Ort vorbeischauen müssen. Das bedeutet Zusatzaufwand und noch mehr Stress», sagt H.

Dabei sei der Zeitdruck jetzt schon ziemlich hoch. Je nach zugeteilter Tour hat H. zwischen 90 und 115 Sekunden Zeit für eine Paketauslieferung. Adresse suchen, parkieren, Paket ausladen, klingeln, Paket übergeben oder Abholschein ausfüllen in unter zwei Minuten, und das rund 150-mal am Tag: kein Zuckerschlecken. Und dann komme es vor, dass weniger erfahrene Kollegen bei den Qualifikationsgesprächen zu hören bekämen: «Schau, dass du ein bisschen schneller wirst, o. k.?» Die Situation mache einen als Pöstler wirklich «nicht grad happy», sagt H.

Lieferroboter 2020?

Dass die Paketpöstler «nicht happy» sind, das weiss auch die Gewerkschaft Syndicom. Im vergangenen Frühling hat sie 579 Paketboten zu ihren Arbeitsbedingungen gefragt. Ergebnis: 70 Prozent empfanden ihre Arbeitsbelastung als zu hoch, 49 Prozent gaben an, innerhalb der vorgegebenen Zeit nicht alle Pakete zustellen zu können, und 64 Prozent sagten, sie fühlten sich von ihren Chefs unter Druck gesetzt, schneller zu arbeiten. Zu den neuen Online-Steueroptionen der Paketzustellung sagt Christian Capacoel von Syndicom: «Das löst die Probleme der gestressten Pöstler ganz und gar nicht. Sie müssen während der Touren noch flexibler reagieren können.» Syndicom setzt sich deshalb dafür ein, dass Pöstler nicht mehr wie bis jetzt nach Tour, sondern nach der effektiv geleisteten Arbeitszeit bezahlt werden. Die heutigen Berechnungsmodelle seien intransparent, sagt Capacoel.

Die Post wehrt sich gegen diese Darstellung. «Der Grossteil der Paketboten erreicht die Zeitwerte für ihre Tour problemlos. Wenn Schwierigkeiten geäussert werden, bespricht sie der Vorgesetzte mit dem Mitarbeitenden und bietet Unterstützungsmassnahmen an», erklärt Jacqueline Bühlmann. Die Post stelle sicher, dass keine Gratisarbeit geleistet werden müsse.

Apropos Gratisarbeit: Die Lieferroboter, die die Post im vergangenen Herbst in vier Schweizer Gemeinden einsetzte, wurden nach Ablauf der Testphase im Dezember wieder aus dem Verkehr gezogen. Ein paar Kinderkrankheiten – zum Beispiel schnell abgenutzte Pneus und instabile Internetverbindungen – gibts noch auszumerzen, bevor die rollenden Roboter wieder Spezialsendungen an Kunden ausliefern können. Mit kommerziellen Einsätzen rechnet man bei der Post in «frühestens drei Jahren».

Verbesserung für Landregionen?

Bis zu 600 Poststellen könnten bis 2020 landesweit schliessen und teilweise durch sogenannte Postagenturen in Dorfläden oder Gemeindehäusern ersetzt werden. Das teilte Post-Chefin Susanne Ruoff im vergangenen Oktober mit.
Betroffen von den Schliessungen waren bisher vor allem ländliche Regionen. Hier konnte die Post Filialen einsparen, ohne ihren gesetzlichen Auftrag zu vernachlässigen. Dieser lautet, dass 90 Prozent der Bevölkerung innerhalb von 20 Minuten Zugang zu einer Poststelle oder -agentur haben müssen. Berechnungsgrundlage für dieses Gesetz war bislang die gesamte Bevölkerung der Schweiz. Vergangene Woche nun beschloss die parlamentarische Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen eine Motion, die diesen gesetzlichen Auftrag neu definieren könnte, wie die «Luzerner Zeitung» am Dienstag berichtete. Die Erreichbarkeitsquote von 90 Prozent soll nicht mehr auf nationaler, sondern neu auf regionaler Basis berechnet werden.
Je kleinräumiger die Berechnungsgrundlage für die 90-Prozent-Quote sei, umso mehr Poststellen könnten gerettet werden, argumentierten 20 der 24 Kommissionsmitglieder. Unterstützung erhalten sie von der Postcom, der Aufsichtskommission der Post. Die Post selber hingegen erachtet den Vorschlag als «nicht zielführend», weil er einseitig auf den ländlichen Raum und die Bergregionen ausgerichtet sei und die erhöhte Mobilität der Bevölkerung nicht berücksichtige. (SAS)

Diese Poststellen sind im Kanton Aargau von der Schliessung bedroht:

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