Neuer RSI-Chef
Er übernimmt Sender mit angekratztem Image: «Es braucht eine neue Unternehmenskultur»

Mario Timbal hat die Direktion des italienischsprachigen Radios und Fernsehens RSI übernommen. Die Erwartungen an ihn sind hoch. Ein Besuch beim neuen RSI-Chef.

Gerhard Lob, Lugano
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Mario Timbal 2017 an einer Medienkonferenz zum Locarno Filmfestival. (12. Juli 2017)

Mario Timbal 2017 an einer Medienkonferenz zum Locarno Filmfestival. (12. Juli 2017)

Keystone

Effekt Homeoffice: Die Gänge und Büros sind weitgehend leer, während wir durch das Hauptgebäude des Radios und Fernsehens RSI laufen. Es liegt in der Gemeinde Comano, auf einem Hügel oberhalb von Lugano. Mario Timbal residiert im sechsten Stock, seit 1. April, als Nachfolger von Maurizio Canetta, der nach mehr als 40 Dienstjahren bei RSI in Pension gegangen ist.

Maurizio Canetta war 40 Jahre lang Chef bei RSI.

Maurizio Canetta war 40 Jahre lang Chef bei RSI.

TI-Press / Keystone

Wegen der Pandemie war es ein merkwürdiger Start für den neuen Chef, mit 43 Jahren der jüngste in der RSI-Geschichte. Viele Mitarbeitende arbeiten von zu Hause, andere laufen vermummt mit Gesichtsmasken herum. Wie will man sich da kennen lernen? Nach nur zwei Wochen berief Timbal eine Versammlung mit allen Mitarbeitenden ein, online. Erstmals waren bei einem solchen Treffen externe Medien zugelassen. «Als Akt der Transparenz, wir haben nichts zu verheimlichen», betont Timbal. Der Satz zeigt auf, dass er neuen Wind ins Unternehmen bringen will. Ein Unternehmen, das zumindest in der Tessiner Öffentlichkeit als Hort der Vetterliwirtschaft im Einflussbereich der politischen Parteien gilt. Timbal versichert: «Für meinen Teil kann ich sagen, dass nur die Kompetenzen der einzelnen Mitarbeitenden zählen.» Und genau dies wird von ihm erwartet.

«Wir können offen von einer SRG-Krise sprechen»

Timbal war bisher nie für die RSI tätig, kam von aussen, machte nach seinem Studium der Literaturwissenschaften in Lausanne Stationen beim «Corriere del Ticino», dem Filmfestival von Locarno und zuletzt als Manager für Luma im südfranzösischen Arles, einem Ableger der von Maja Hoffmann gegründeten Stiftung für Kultur. Er soll ohne Vorbelastung das Unternehmen führen, das mit mehr als 1000 Mitarbeitenden das grösste im Tessin ist. Grösser sind nur Staatsbetriebe wie das kantonale Spitalamt sowie die Kantonsverwaltung mitsamt der Lehrergemeinschaft.

Das Image des öffentlich-rechtlichen Senders, der weitgehend von Gebührengeldern lebt, ist angekratzt. «Nicht nur bei der RSI, sondern bei der gesamten SRG – wie können offen von einer Krise sprechen», räumt Timbal ein. Damit meint er auch die Affäre rund um Belästigungs- und Mobbingfälle, welche insbesondere die Westschweizer RTS aufgewühlt, aber auch bei RSI zu einer externen Untersuchung geführt hat. 40 Anzeigen sind eingegangen, die nun geprüft werden. Die Ergebnisse sollen im Sommer bekannt werden. Für Timbal ist jetzt schon klar: «Wir müssen unsere Unternehmenskultur ändern.» Das Vertrauen zwischen Publikum und Unternehmen müsse wiederhergestellt werden.

Wie geht es weiter? Die Situation ist heikel

Diese Affäre ist nur eine der vielen Baustellen, die auf den neuen RSI-Chef warten. Ein leidiges Dauerthema sind die Finanzen. Bis 2024 müssen bei RSI acht Millionen Franken eingespart werden, was eine Reduktion von 45 Stellen beinhaltet. Entlassungen sollen vermieden werden. Doch ist das möglich? Schon sein Vorgänger hat ein Sparprogramm aufgegleist, das Timbal nun analysieren will. «Ich muss schauen, ob das mit meinen eigenen Visionen vereinbar ist», sagt er. Die Situation sei heikel. Denn es müssten Wege gefunden werden, effi­zienter zu arbeiten und die Digitalisierung besser zu nutzen.

Gerade die Zukunft des Kultur-Radiosenders Rete 2 hat in den vergangenen Monaten eine intensive Debatte in der italienischen Schweiz ausgelöst. Gar von einer Umwandlung in einen reinen Musiksender mit wenigen Wortbeiträgen war die Rede. Die Kulturszene geriet in Aufruhr. Timbal antwortet vorsichtig auf die Fragen nach seinen Plänen zur Zukunft von Rete 2. Er betont die enge Verbindung zwischen Kulturschaffenden und RSI in der italienischen Schweiz. Und er unterstreicht, dass er den Qualitätsstandard halten will. Gleichwohl ist es unwahrscheinlich, dass alles bleibt wie bisher.

«Sohn von» – Fluch oder Segen?

Carla Del Ponte, ehemalige Bundesanwältin und Mutter von Mario Timbal.

Carla Del Ponte, ehemalige Bundesanwältin und Mutter von Mario Timbal.

AP/Keystone

Die Zeit ist abgelaufen. Aber es bleibt ein Moment, um nochmals kurz über seine Herkunft zu sprechen, die bei seiner Nominierung Schlagzeilen machte. Er ist Sohn von Carla Del Ponte, der ehemaligen Bundesanwältin und ehemaligen Chefanklägerin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, wohl eine der bekanntesten Tessinerinnen. Ist es ein Fluch oder ein Segen, als «Sohn von» durch das Leben zu gehen? Timbal kennt die Frage. «Es ist, wie es ist», sagt er mit einem Lächeln. Positiv sei sicher, dass er in einem sehr anregenden Ambiente aufgewachsen sei. Ein Nachteil hingegen, wenn die eigene Mutter unter Polizeischutz leben muss. Um dann zu betonen: «Was mich aber wirklich sehr gestört hat, ist die Behauptung, ich hätte meinen Job wegen meiner Mutter erhalten.»