Medien
Neuer Presseabbau in der Romandie nährt Sorge um Demokratie

Tamedia bündelt die Tageszeitungen «20 Minutes» und «Le Matin». Der Ruf nach staatlichen Massnahmen wird lauter.

Antonio Fumagalli
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Werden künftig im gleichen Haus produziert: «20 Minutes» und «Le Matin».

Werden künftig im gleichen Haus produziert: «20 Minutes» und «Le Matin».

Laurent Gillieron/Keystone

Eine gewisse Ironie ist nicht von der Hand zu weisen: Diejenigen, die sonst mit dicken Lettern hantieren, stehen nun selbst im Zentrum von reisserischen Schlagzeilen. «Impressum ist schockiert», titelte der Berufsverband in seinem Communiqué. Bei der Mediengewerkschaft Syndicom hiess es: «Tamedia setzt den zerstörerischen Abbau bei den Medien fort.»
Was ist passiert? Um 13 Uhr bat Tamedia am Dienstag die Mitarbeiter von «Le Matin» und «20 Minutes» zur Informationsveranstaltung. Was sie dort vernahmen, sorgte nicht eben für Heiterkeit. Die Redaktionen der beiden Westschweizer Tageszeitungen werden per Januar 2018 zusammengelegt und arbeiten künftig vom gleichen Standort aus. Sechs Personen, davon vier Journalisten, wurde gekündigt.

Tamedia betont, beide Titel separat weiterzuführen. «Sie haben ihre eigene DNA und werden diese auch behalten», sagt Sprecher Patrick Matthey. Was das für den Alltag bedeutet – etwa, ob Journalisten künftig die gleichen Inhalte für beide Publikationen produzieren –, zeige sich in den nächsten Monaten. «Für die Leser ändert sich jedenfalls nichts, sie werden die Umstellung kaum bemerken», so Matthey.

Dass der angekündigte Entscheid nur ein Zwischenschritt ist und der seit zwanzig Jahren defizitäre «Le Matin» schon bald eingestellt wird, weist Tamedia in aller Form zurück. «Wäre das unsere publizistische Absicht, hätten wir es schon längst getan», sagt Matthey. Das Gegenteil sei der Fall. Mit der Massnahme stärke man beide Titel und entwickle sie in einem schwierigen Marktumfeld weiter. «Ein klassisches Win-Win», sagt er.

«Unanständige Chef-Löhne»

Solch versöhnlichen Worten trauen längst nicht alle. Am lautesten meldeten sich die Mediengewerkschaften zu Wort. Sie prangern insbesondere den Stellenabbau und die «extrem geizige» Behandlung des gekündigten Personals an, während das Tamedia-Topmanagement jedes Jahr «unanständig hohe Löhne und Bonusleistungen» kassiere, wie es Syndicom formuliert. Zudem sei man «entgegen den Gepflogenheiten der Sozialpartnerschaft» nicht vorgängig über die Entlassungen informiert worden, sagt Dominique Diserens von Impressum.
Tamedia entgegnet, dass es bei dieser Anzahl Kündigungen keine Verpflichtung gegeben habe und man weiterhin «gute Beziehungen» mit den Sozialpartnern pflege. Das Wohlwollen scheint derzeit freilich einseitig verteilt – im fast gleichen Wortlaut fordern die Mediengewerkschaften von Tamedia ein Kündigungsmoratorium.

Soll der Staat subventionieren?

Die Sorge, die dahinter steckt, ist grundsätzlicher Natur. Nach den Entwicklungen der letzten Monate – Tamedia baute im Herbst 2016 bei «24 heures» und «Tribune de Genève» zahlreiche Stellen ab, im Frühling stellte Ringier das Politmagazin «L’hebdo» ein – fürchtet man sich in der Romandie um nichts weniger als die Basis unseres Zusammenlebens. «Die Meinungsvielfalt und damit das Funktionieren der Demokratie ist in echter Gefahr», sagt Nationalrätin Adèle Thorens (Grüne/VD). Die wirtschaftlich schwierige Lage der Branche führe dazu, dass sie anfälliger werde für politische Beeinflussungen jeglicher Art. «Die Lage ist ernst», sagt sie und denkt dabei auch an die Umstrukturierungspläne von Tamedia im Raum Bern, die demnächst kommuniziert werden.

In einer noch unbeantworteten Interpellation fragt Thorens den Bundesrat an, wie man die Medien direkt oder indirekt stärker stützen könnte – etwa über die Bereitstellung einer IT-Infrastruktur oder eine Änderung des Kartellgesetzes. Ratskollege Fathi Derder (FDP/VD) hält von solchen Plänen gar nichts. «Das Gefährlichste für die Demokratie ist nicht, wenn einzelne Publikationen verschwinden, sondern wenn die Politik in die Presselandschaft eingreift», sagt er. Die Restrukturierung der Branche werde weitergehen, aber auch das gedruckte Wort habe Zukunft. Als Beweis führt er seinen eigenen Werdegang an: Seit Mai ist Fathi Derder Chefredaktor einer Wirtschaftszeitung.