Familienbetrieb
Neuer Fachausweis soll Arbeit von KMU-Frauen anerkennen

Ein neuer Fachausweis verleiht den Partnerinnen von Gewerbetreibenden Anerkennung. «Fachfrau/Fachmann Unternehmensführung KMU» nennt sich dieser Titel. Eine Ausbildung mit Potenzial, gibt es doch 64 000 KMU-Frauen es in der Schweiz.

Karen Schärer
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Eine von 15 Pionierinnen: Michelle Hofer von der W. Hofer Schreinerei nimmt am Pilotprojekt der KMU Frauen Schweiz teil. Emanuel Freudiger

Eine von 15 Pionierinnen: Michelle Hofer von der W. Hofer Schreinerei nimmt am Pilotprojekt der KMU Frauen Schweiz teil. Emanuel Freudiger

In eine Führungsposition kann man auch hineinrutschen. Häufig passiert dies den Partnerinnen von Männern, die ein KMU führen: Sie packen im Betrieb mit an und übernehmen immer mehr Verantwortung.

Michelle Hofer zum Beispiel hat sich vor über zehn Jahren entschlossen, in der Schreinerei ihres Mannes in Rothrist AG mitzuarbeiten. Sie ist zuständig für Finanzen, Personal und Marketing und deckt damit den gesamten administrativen Bereich ab. «In vieles bin ich hineingewachsen», sagt die ausgebildete Marketingplanerin.

Dieses «Hineinwachsen» hat der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) als Problem erkannt. Denn das Erlernen des Metiers in der Praxis bedeutet, dass die Frauen, die häufig auch Mitinhaberinnen der Betriebe sind, keinen Nachweis über ihre fachlichen Qualifikationen erbringen können.

Sie arbeiten häufig im Schatten; entsprechend wird ihr Arbeitseinsatz nicht honoriert. Die Leistungen der 64 000 KMU-Frauen in der Schweiz schätzt der SGV aber als «unverzichtbar» für die Volkswirtschaft ein.

Ohne Kursbesuch zum Fachausweis

Das Netzwerk KMU Frauen Schweiz und der Gewerbeverband wollen diese Frauen sichtbarer machen und ihre Position auf dem Arbeitsmarkt stärken. Das Mittel dazu: ein neuer eidgenössischer Fachausweis «Fachfrau/Fachmann Unternehmensführung KMU».

Während der 2013 eingeführte Titel auch auf dem traditionellen Weg mittels Kursbesuchen erreicht werden kann, müssen KMU-Frauen nicht auf die Schulbank zurückkehren: Ihr informell erworbenes Wissen und ihre praktischen Erfahrungen werden nachträglich anerkannt und in den Fachausweis umgemünzt.

Zunächst erlangen die Kandidatinnen anhand verschiedener Dossiers, die sie erstellen müssen, Gleichwertigkeitsbestätigungen, die den Modulabschlüssen der traditionellen Lehrgänge entsprechen. Mit diesen Bestätigungen können sich die KMU-Frauen schliesslich für die eidgenössische Berufsprüfung anmelden.

Am Pilotprojekt nehmen fünf Frauen aus der Deutschschweiz und zehn Frauen aus der Romandie teil. «Das Interesse am Projekt war sehr gross, wir konnten nicht alle Kandidatinnen aufnehmen», sagt Projektleiterin Diane Reinhard.

Unter den Pionierinnen ist auch Michelle Hofer. «Die Teilnahme am Pilotprojekt bedeutet für mich Austausch, Weiterbildung und frischen Wind», sagt sie.

Nach einem Selbstevaluierungsprozess haben sich die Teilnehmerinnen bereits in verschiedenen Workshops ausgetauscht. Projektleiterin Reinhard sagt, der Austausch unter den Frauen verändere zum Teil auch deren Selbstbild: «Es wird ihnen viel mehr bewusst, welch wichtige Rolle sie im Unternehmen einnehmen.»

Der Titel verleiht Glaubwürdigkeit

Beim Erstellen ihrer Dossiers werden die Teilnehmerinnen von Spezialistinnen und Spezialisten begleitet, die selbst ein Geschäft führen. Auch ein individuelles Coaching im eigenen Betrieb ist möglich.

Im Mai 2014 schliesslich erfolgt die erste Berufsprüfung überhaupt zur «Fachfrau Unternehmensführung KMU»: Die Kandidatinnen müssen anhand konkreter Beispiele aufzeigen, wie sie ihren Betrieb führen, seinen Fortbestand garantieren und Wachstum ermöglichen.

Diane Reinhard sagt: «Die Teilnehmerinnen bringen eine sehr grosse Erfahrung mit. Mit dem erlangten Fachausweis können sie auch gegen aussen beweisen, dass ihre hohe Kompetenzen sie befähigen, ein Unternehmen zu führen.»

Der Qualifikationsausweis macht die Frauen damit auch unabhängiger, denn er gibt ihnen bei Bedarf eine Chance, eine andere Stelle zu finden.

Teilnehmerin Hofer sagt: «Der Fachausweis gibt mir eine Bestätigung und Anerkennung dafür, was ich jetzt jahrelang gemacht habe. Zudem verleiht ein solcher Titel eine gewisse Glaubwürdigkeit, zum Beispiel gegenüber Banken oder Treuhandfirmen. Denn als Frau im Familienbetrieb wird man nach wie vor zum Teil belächelt.»

Das Projekt wird finanziell unterstützt durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation sowie das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann.