Gesundheit
Neuer Check soll helfen, Schlaganfälle früher zu erkennen

Die Schweizerische Herzstiftung schlägt Alarm: Schweizer nehmen Vorboten von Hirnschlägen zu wenig ernst und gehen nicht zum Arzt. Die Folgen sind verheerend.

Jessica Pfister
Merken
Drucken
Teilen

Zur Verfügung gestellt

Es geschah vor rund elf Jahren. Jürg Zaugg war damals 52 Jahre alt. Er kam von der Arbeit nach Hause, setzte sich hin und las Zeitung. Er fühlte sich pudelwohl. Später bereitete er das Nachtessen vor. «Auf einmal fühlte ich mich komisch. Es waren keine Schmerzen, einfach ein Unwohlsein». Er trank ein Glas Wasser. Kurz darauf hob sich völlig unkontrolliert sein rechter Arm. «Etwas stimmt da nicht», dachte er. Doch schon war der Spuck wieder vorüber. Er setzte sich wieder aufs Sofa. Eine Stunde später kam seine Frau nach Hause. Sie rief «Hallo!», doch er antwortete nicht. «Ich wollte ihren Gruss erwidern, doch ich habe keinen Ton mehr herausgebracht». Seine Frau reagierte sofort und rief den Notarzt. Zwei Stunden später lag er im Spital. Diagnose: Schlaganfall.

Jürg Zaugg ist einer der jährlich 16 000 Hirnschlagpatienten in der Schweiz. Experten zufolge trifft es jeden sechsten Menschen einmal im Leben. Die meisten sind dabei über 50 Jahre alt, doch es sind auch immer wieder Kinder und junge Erwachsene betroffen. In der Schweizer Bevölkerung haben Hirnschläge in den letzten Jahren - vor allem aus demografischen Gründen zugenommen - und werden auch in Zukunft weiter ansteigen.

Mehr Sensibilität

Für Schweizer Herzspezialisten ist deshalb klar: Es braucht eine verstärkte Prävention und vor allem mehr Sensibilität in der Bevölkerung. «Viele kennen die Vorboten eines Hirnschlags nicht oder nehmen diese nicht ernst genug», sagt Daniel Fischer, Oberarzt der Neurologie am Inselspital Bern.

Was ist ein Hirnschlag?

20 Prozent der Hirnschläge werden durch eine Blutung ins Hirngewebe ausgelöst. Dabei platzt eine Hirnarterie und ausfliessendes Blut schädigt das Hirngewebe. 80 Prozent der Hirnschläge entstehen durch eine plötzliche Mangeldurchblutung einer Hirnregion (Ischämie), die zu einer dramatischen Unterversorgung der Hirnzellen mit Sauerstoff und Nährstoffen führt. Ursache der Mangeldurchblutung ist ein Blutgerinnsel, das den Blutfluss einer Arterie blockiert. In Schnitt sind mehr Männer betroffen. Das liegt daran, dass Männer häufiger rauchen und weniger die Risikofaktoren pflegen. Zusätzlich bestehen wahrscheinlich genetische Unterschiede, die bisher nicht klar sind. Bei älteren Frauen kommt der Hirnschlag häufiger vor als der Herzinfarkt, während dies bei den Männern in etwa ausgeglichen ist. (jep)

Die Schweizerische Herzstiftung hat nun reagiert und einen kleinen Check (siehe Bild) erstellt. Dieser beschränkt sich auf die untrüglichen Hauptsymptome eines Schlaganfalls (halbseitige Lähmung im Gesicht und am Arm, Sprechschwierigkeiten) und soll so Laien die Diagnose erleichtern. Denn: je schnell man reagiert, desto grösser sind die Heilungschancen.

«Es war mein grosses Glück, dass meine Frau den ernst der Lage erkannte», sagt Zaugg. Nur dank der schnellen Operation am Herzen ist er heute wieder gesund. «Die ersten drei Tage nach dem Eingriff brachte ich kein Wort heraus, dann kam die Sprache langsam zurück.» Er musste in die Reha, dann besuchte er zwei Mal pro Woche die Sprachtherapie (Logopädie). «Ich habe auch selbst trainiert, indem ich die Zeitung laut gelesen habe.» Heute kann er wieder fliessend sprechen. «Gerade am Abend empfinde ich es aber oft als anstrengend lange zu sprechen und nach einem langen Telefongespräch fällt es mir manchmal schwer, die richtigen Worte zu finden.»

Ein Viertel stirbt

Trotzdem: Jürg Zaugg gehört zu den wenigen 37 Prozent, die nach einem Schlaganfall ein unabhängiges Leben führen können. Ein Viertel der Betroffenen überleben nicht, 40 Prozent tragen bleibende Behinderungen davon und sind ihr Leben lang auf Hilfe von anderen Menschen angewiesen. «Deshalb ist es so wichtig, auch nur kurz andauernde Symptome ernst zu nehmen», sagt Fischer.

Denn oft bekommen Hirschlagpatienten eine mehr oder weniger deutliche Warnung, indem sie der Hirnschlag nur «streift». Diese «Steifungen» äussern sich als flüchtige Sehstörung, vorübergehende Lämung eines Arms, einer Hand oder eines Beins oder Sprachstörung. «Auch eine Streifung ist ein medizinischer Notfall und muss sofort behandelt werden», so Fischer. Grund: Etwa zehn bis fünfzehn Prozent dieser Patienten erleiden in den folgenden drei Monaten einen Hirnschlag, die Hälfte davon bereits innerhalb von 48 Stunden. «Zeitverluste bis zur Behandlung sind gleichbedeutend mit dem Absterben von Hirnzellen», erklärt Fischer.

Im Notfall rasch zu reagieren ist das Eine. Massnahmen zu ergreifen, damit es erst gar nicht soweit kommt, das Andere. «Prävention heisst vor allem den Blutdruck zu kontrollieren, nicht zu rauchen, genügend Bewegung, gesunde cholesterinarme Ernährung und kein Übergewicht», so Fischer. Auch Jürg Zaugg hat seine Lehren gezogen: «Ich habe aufgehört zu rauchen und versuche auch sonst, gesünder zu leben.»