Martin Rupf

Wie eine Kreditkarte sieht sie aus: Die neue Versichertenkarte, die Tausende von Versicherten in diesen Tagen erhalten. Ins Auge sticht vor allem der Chip, auf dem administrative Daten gespeichert sind. Eigentlich hätte die Karte 2009 eingeführt werden sollen, dann verschob das Bundesamt für Gesundheit (BAG) den Termin um ein Jahr - bis Ende April sollen sie nun ausgeliefert sein.
Die meisten Kassen halten sich - oft zähneknirschend - an diese Vorgabe. Doch einige Versicherer wie etwa die Swica stellen sich quer. «Wir können unseren Versicherten mit der heutigen Karte alle für sie wichtigen Dienstleistungen bieten», sagt Swica-Sprecherin Esther Gerster. Die neue Karte bringe keinen Mehrnutzen. Bei der KPT, die sich von Anfang an gegen das neue System wehrte, spielen auch die Kosten eine Rolle, wie Reto Egloff erklärt: «Die neue Karte würde uns rund 1,5 Millionen Franken kosten.» Diesen Betrag wolle man nicht auf die Kunden überwälzen, ohne dass diese einen Mehrnutzen hätten. Aus dem gleichen Grund verzichtet die Krankenkasse Atupri. «Mit 3 Franken pro Versicherten kostet die neue Karte sechsmal so viel wie die alte - das steht absolut
in keinem Verhältnis zum Nutzen für die Beteiligten», sagt Jürg Inäbnit. Zudem sei die Technologie laut Fachpersonen bereits heute überholt.

Leistungserbringer nicht bereit

Neben dem fehlenden Zusatznutzen argumentieren die Kassen damit, dass die Infrastruktur auf Seite der Leistungserbringer noch gar nicht stehe. Denn Ärzte, Apotheker und Spitäler sind nicht verpflichtet, Lese- oder Schreibgeräte anzuschaffen. Dieses Problem ortet auch Felix Schneuwly vom Krankenkassenverband Santésuisse: «Wenn das neue Kartensystem funktionieren soll, dann sind auch die Leistungserbringer in die Pflicht zu nehmen.» Diese müssten verpflichtet werden, Notfalldaten auf dem Chip zu speichern, wenn ein Patient das wünsche, so Schneuwly.

Wenig Verständnis für die Kritik an den Leistungserbringern hat Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitalverbandes H+: «Die meisten Spitäler sind heute schon mit entsprechenden Lesegeräten ausgerüstet.» Er gibt aber zu, dass er von der neuen Versichertenkarte nicht allzu viel hält: «Von Nutzen ist die Karte für die Spitäler erst dann, wenn sie der Karte entnehmen könnten, ob und in welchem Umfang die Kasse eine bestimmte Behandlung übernimmt.» Das sei mit der neuen Karte aber noch nicht möglich.

«Bis Ende Jahr nicht einmal die Hälfte»

Kritik äussert auch Jacques de Haller, Präsident der Ärzteverbindung FMH, der sich an der fehlenden Kompatibilität stört: «Solange die Kartensysteme der verschiedenen Hersteller nicht aufeinander abgestimmt sind, ist die Karte von geringem Nutzen.» Ein Branchenvertreter, der anonym bleiben will, rechnet damit, dass bis Ende Jahr nicht einmal die Hälfte der Schweizer Bevölkerung eine neue Karte haben wird. Zwar könnte das BAG die «renitenten» Kassen büssen. Doch BAG-Sprecherin Miranda Dokkum geht davon aus, dass es nicht so weit kommen wird: «Wir stehen im Kontakt mit den Kassen und streben eine gemeinsame Lösung an.» Die Bedingung für die Kassen ist indes klar: «Erst wenn das BAG eine Lösung mit Zusatznutzen für die Versicherten bringt, schauen wir das Thema neu an», gibt Swica-Sprecherin Esther Graf den Tarif durch.