Neue Studie
Der russische «Sputnik»-Impfstoff ist hoch wirksam – Martin Bäumle sagt: «Die Schweiz hätte ihn schon bestellen sollen»

Eine neue Studie bescheinigt dem russischen Impfstoff eine hohe Wirksamkeit. Zudem kann er deutlich einfacher verteilt werden. Wäre er eine Option für die Schweiz? GLP-Vize-Präsident Martin Bäumle sagt ja.

Stefan Ehrbar und Christoph Bopp
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«Sputnik V» kommt laut einer neuen Studie auf eine Wirksamkeit von 91,5 Prozent.

«Sputnik V» kommt laut einer neuen Studie auf eine Wirksamkeit von 91,5 Prozent.

Keystone

In 15 Ländern wird der Impfstoff Sputnik V bereits angewendet. Entwickelt wurde er vom staatlichen russischen «Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie». Doch die Datenlage war bisher dünn. Anfang Woche haben die Forscher mit einer Zwischenanalyse der dritten Studienphase, die im angesehenen medizinischen Fachblatt «The Lancet» veröffentlicht wurde, den Kritikern etwas Wind aus den Segeln genommen. Demnach kommt Sputnik auf eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent – und läge damit nur wenig unter den mRNA-Impfstoffen von Moderna und Pfizer/BionTech.

Einen Vorteil hat Sputnik: Im Gegensatz zu den beiden mRNA-Impfstoffen: lässt er sich leichter transportieren, weil er nicht bei zweistelligen Minustemperaturen gelagert werden muss. Er braucht aber auch zwei Dosen. Er soll bei höheren Temperaturen haltbar sein – möglicherweise sogar im Bereich von bis zu acht Grad Celsius. Das würde die Verteilung erleichtern. Sollte deshalb auch die Schweiz auf den Stoff setzen, der vom russischen Joint Venture Alium Group –beteiligt daran sind zwei Staatsfonds, die VTB Bank und die Venture-Capital-Firma Sistema – produziert wird?

«Für eine schnelle Auslieferung ist es zu spät»

Der GLP-Vizepräsident und Nationalrat Martin Bäumle sagt: «Die Schweiz hätte den Sputnik-Impfstoff bereits bestellen und beschaffen sollen. Sputnik scheint ein sehr wirksamer klassischer Impfstoff sein, wahrscheinlich deutlich wirksamer als jener von AstraZeneca.» Probleme könne es allenfalls bei der Datengrundlage geben, so Bäumle. «Hier müssten die russischen Hersteller gegenüber der Zulassungsbehörde volle Transparenz herstellen. Könnte das sichergestellt werden, spricht nichts gegen den Sputnik-Impfstoff.»

GLP-Nationalrat Martin Bäumle

GLP-Nationalrat Martin Bäumle

Keystone

Allerdings: «Für eine schnelle Auslieferung ist es wahrscheinlich zu spät, diese Verträge hätten schon Mitte 2020 abgeschlossen werden müssen. Es wäre die einzig richtige Strategie gewesen, frühzeitig bei allen vielversprechenden Impfstoffherstellern zu reservieren.» Über einen definitiven Kauf hätte der Bund immer noch später entscheiden können, sagt Bäumle – verloren hätte er nur die Reservationsgebühr. «Im Vergleich zu den Kosten der Massnahmen ist das vernachlässigbarer Betrag.»

Sputnik «nie in engerer Auswahl»

Gesundheitsminister Alain Berset (SP) sagte am Mittwoch vor den Medien, der Sputnik-Impfstoff sei seines Wissens «nie in der engeren Auswahl des Bundes» gewesen. Die Vizedirektorin des Bundesamt für Gesundheit Nora Kronig Romero sagte, die Schweiz spreche mit allen Ländern. «Auch mit Russland unterhalten wir pragmatische Beziehungen.»

Sowieso hätte Sputnik in der Schweiz einen langen Weg vor sich. Einen Zulassungsantrag hat der russische Hersteller laut der Zulassungsbehörde Swissmedic bisher nicht gestellt. Auch ist die Datenlage nach wie vor vergleichsweise dünn. So weist etwa Ulrike Protzer, Chefin der Virologie an der Technischen Universität München, in der «Süddeutschen Zeitung» auf die kleine Grösse der Kontrollgruppe hin. Zudem bleibe die Frage offen, wie lange die Immunität mit Sputnik anhalte.

«Das wäre ein Riesenversäumnis»

«Ein Risenversäumnis»: Ruth Humbel

«Ein Risenversäumnis»: Ruth Humbel

Keystone

CVP-Gesundheitspolitikerin und Nationalrätin Ruth Humbel sagt, angesichts des noch nicht gestellten Zulassungsantrags für Sputnik müsse sich die Schweiz auf die Impfstoffe konzentrieren, die bei Swissmedic im Prüfverfahren seien. Dazu gehöre der Impfstoff von Johnson & Johnson (J&J), der in der Schweiz bei Janssen mitentwickelt werde und den Vorteil habe, dass er nur einmal appliziert werden müsse. «Nach meinem Wissensstand hat das BAG mit J&J noch keinen Vertrag zur Reservation von Impfdosen abgeschlossen, was ein Riesenversäumnis wäre», sagt Humbel.

Der Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, Christoph Berger, sagt zu Sputnik:

«Für mich ist noch unklar, was dieses Vakzin verspricht. Ohnehin ist eine mögliche Zulassung in der Schweiz noch in weiter Ferne.»

Sputnik V ist ein vektorbasierter Impfstoff. Darin gleicht er dem Impfstoff von AstraZeneca. Das Prinzip ist, in ein abgeändertes Adenovirus ein Gen des Sars-CoV-2-Virus einzubauen. Dieses rekombinante (aus verschiedenen Gen-Bestandteilen zusammengebaute) Adenovirus kann menschliche Zellen infizieren, sich aber dort nicht replizieren. Dort setzt es aber das Sars-CoV-2-Gen frei, die Zelle produziert das entsprechende Protein (meist das Spike-Protein des Virus, mit dem es an die Zelle andockt). Das provoziert das Immunsystem zu einer Reaktion: Es produziert Antikörper gegen das Protein. Die sollen dann bei einer «wirklichen» Infektion das Virus erkennen und unschädlich machen. Zusätzlich wird auch die Zellabwehr gegen das Sars-CoV-2-Virus aktiviert.

Impfstoff mit zwei Vektoren

Der grösste Unterschied zum AstraZeneca-Wirkstoff ist der, dass der russische Impfstoff mit zwei verschiedenen Vektoren arbeitet. Für die erste Dosis wird das Adenovirus rAd26 verwendet, für die zweite, die sogenannte «Boost»-Injektion, rAd5. Damit vermeidet Sputnik V eine Schwäche der Vektor-Impfstoffe: Der Körper könnte auch Immunreaktionen auslösen gegen das – harmlose – Vektorvirus, so dass die zweite Dosis weniger oder keine Wirkung mehr hat.

Das «r» in den Virenbezeichnungen bedeutet, dass die Gene, welche für die Replikation des Virus gebraucht werden, entfernt worden sind. Das Virus kann sich in den Zellen nicht mehr replizieren. In der Regel verwendet man Affen-Adenoviren, weil sie den menschlichen sehr ähnlich sind. Es gibt auch humane pathogene Adenoviren, in der Regel verursachen sie weitgehend harmlose Erkältungssymptome.

Im Unterschied zu den mRNA-Impfstoffen, wie die von Pfizer/BionTech und Moderna, arbeiten die Vektor-Impfstoffe mit doppelsträngiger DNA. Die mRNA ist ein einsträngiges Molekül, das mit dem Erbgut der Zelle nichts zu tun haben kann. Das macht diese Impfstoffe sehr sicher. Das vektorbasierte Impfverfahren ist erprobt (etwa aus den Ebola-Impfungen) und funktioniert in der Regel gut.