«Kaffee? Energydrink? Das war einmal!» Letzte Woche lancierte das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) sein neuestes Format: «Es ist an der Zeit, dass die Schweiz mit ‹Zwei am Morge› ihre erste eigene Morgenshow auf Youtube erhält», liess sich Stefano Semeria, Bereichsleiter Junge Zielgruppen, in einer euphorisch klingenden Medienmitteilung zitieren.

Eine Youtube-Morgenshow? Gehört ein solches Format tatsächlich zu den Aufgaben der SRG? Oder konkurrenziert das gebührenfinanzierte Medienhaus die Morgenshows der privaten Radiostationen damit über Gebühr?

Zögerliches Verhalten

Derlei Fragen trieben vergangene Woche an der Dreikönigstagung der Verleger nicht nur die privaten Medienmanager um, sie geben auch innerhalb der SRG zu reden. Selbst Kadermitarbeiter halten zumindest den Startzeitpunkt der neuesten Onlineoffensive für fragwürdig. «Er zeugt so kurz vor der No-Billag-Abstimmung nicht von Cleverness», sagt einer.

Tatsächlich zögert der Verlegerverband, für den 4. März eine Nein-Parole herauszugeben, obwohl eine Annahme der radikalen Initiative auch die allermeisten privaten Verlage ins Mark träfe. Zu sehr stört man sich an den Online-Aktivitäten der SRG, die laut Bundesrat im September insgesamt 108 Facebook-, 54 Twitter-, 32 Instagram-Accounts und 42 Youtube-Kanäle in zehn Sprachen umfassten.

Semeria sagt auf Anfrage, es sei «unsere Aufgabe und unser Anspruch, verschiedene Alters- und Interessengruppen mit relevanten und inspirierenden Inhalten anzusprechen». Dazu habe SRF in den letzten anderthalb Jahren rund 20 unterschiedliche junge Formate entwickelt und produziert: von «Clip & klar!», einer Erklärvideo-Reihe für Schüler, bis zu «Zwei am Morge». «In den nächsten Monaten sollen weitere Inhalte folgen, etwa ein Format zu Konflikten und Dialog zwischen den Generationen.»

Grund für die Onlineoffensive der SRG ist die Tatsache, dass sie Jugendliche und junge Erwachsene mit herkömmlichen Angeboten kaum noch erreicht. Im Service-public-Bericht schrieb das Bundesamt für Kommunikation 2016: «Sofern das junge Publikum überhaupt noch lineares TV nutzt, dann in erster Linie private ausländische Sender.»

Die Ende letzter Woche publizierten Nutzungszahlen von Mediapulse zeigen in dieselbe Richtung: «Am geringsten ist die TV-Nutzung in der Altersgruppe 15–29 Jahre mit einer Tagesreichweite von knapp 40 Prozent und einer täglichen Sehdauer von rund 50 Minuten», heisst es in der Studie. Die Unterschiede sind markant: Über alle Altersgruppen hinweg schauen jeden Tag zwei Drittel aller Personen fern. Die durchschnittliche tägliche Sehdauer aller Personen – TV-Nutzer und Nicht-Nutzer – beträgt zwei Stunden.

Netflix, der grosse Konkurrent

Systematisch erforscht ZHAW-Medienpsychologe Daniel Süss die Mediennutzung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen alle zwei Jahre in der sogenannten James-Studie. «Diese Altersgruppen schauen nach wie vor fern, tun dies jedoch viel stärker als ältere Generationen zeitversetzt, im Internet oder mit einem Abo eines Streamingdienstes», sagt er.

Ein Befund der jüngsten Publikation von Ende 2016 lautet: Ein Drittel der Jugendlichen streamt täglich oder mehrmals pro Woche einen Film oder eine Serie. Das wichtigste Streamingportal – Netflix – tauchte gar erstmals unter den bei 12- bis 19-Jährigen beliebtesten fünfzehn Homepages auf.

Grossen Vorsprung wies mit Youtube ein weiteres Videoportal auf. Unter den bei dieser Altersgruppe beliebtesten Sendungen fand sich kein einziges SRF-Produkt: Am populärsten war die US-amerikanische Sitcom «The Bit Bang Theory», gefolgt von der Ärzteserie «Grey’s Anatomy» und der Sitcom «How I Met Your Mother». In den Top Ten befanden sich lediglich fiktionale Fernsehserien.

Die von der SRG vor anderthalb Jahren eingeschlagene Online-Offensive sei folgerichtig, sagt Süss. «Will SRF langfristig überleben, muss es Jugendliche und junge Erwachsene an sich binden.» Am ehesten gelinge dies mit auf diese Zielgruppe zugeschnittenen Formaten, die dort ausgespielt werden, wo sich diese Altersgruppe bewegt: auf sozialen Medien und auf Youtube.