Bildungspolitik
Neue höchste Erziehungsdirektorin: «Hinter dem Lehrplan 21 stehe ich bedingungslos»

Seit zwei Wochen ist die frühere Kriminologin und Zürcher Staatsanwältin Silvia Steiner Präsidentin der Konferenz der Erziehungsdirektoren. Wie tickt sie?

Dennis Bühler
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«Kein Lehrer wird von mir hören, wie er die Kreide zu halten hat»: Die Zürcher Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP) stellt sich und ihre Ziele als neue Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren vor. Peter Schneider/Keystone

«Kein Lehrer wird von mir hören, wie er die Kreide zu halten hat»: Die Zürcher Regierungsrätin Silvia Steiner (CVP) stellt sich und ihre Ziele als neue Präsidentin der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren vor. Peter Schneider/Keystone

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Anfang Jahr löste die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner den Basler Christoph Eymann an der Spitze der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) ab. Gegenüber der «Nordwestschweiz» äussert sich die CVP-Politikerin zu den aktuell brennendsten Bildungsthemen.

Frühfranzösisch: überforderte Schüler? «Als ich zur Schule ging, begann der Französischunterricht erst in der Oberstufe. Englisch als zweite Fremdsprache kam gar erst im dritten Gymnasium dazu. Ich bedauerte das, verstrichen so doch wertvolle Jahre, während derer ich lernbegierig und aufnahmefähig war. Kinder und Jugendliche sind heutzutage mit grösseren Herausforderungen konfrontiert, als es meine Generation war. Die Schule muss sie bestmöglich auf das Leben als Erwachsene vorbereiten.

Schüler nicht überfordert

Dennoch wird die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler von unserem Schulsystem nicht überfordert. Die Stundentafel beispielsweise, die wir für den Lehrplan 21 im Kanton Zürich erarbeitet haben, ist sehr ausgewogen gestaltet: Um die anstrengenden kognitiven Inhalte auszugleichen, sind rund 30 Prozent der Lektionen in der Primarschule musischer, gestalterischer oder sportlicher Art.»

Lehrplan 21 und Schulharmonisierung: Gegenwehr allenthalben? «Hinter dem Lehrplan 21 stehe ich bedingungslos. Mit ihm reagieren wir auf die Entwicklungen, die seit dem Erlass der letzten Lehrpläne geschehen sind. Letztere sind teilweise jahrzehntealt, im Kanton Zürich etwa stammt der aktuell gültige Lehrplan für die Volksschule aus dem Jahr 1991. In vielen Kantonen sind Volksinitiativen, die gegen den Lehrplan 21 gerichtet waren, bereits gescheitert. Und zur angeblichen Gegenwehr gegen die Schulharmonisierung: Auch wenn elf der 21 deutsch- und zweisprachigen Kantone das Harmos-Konkordat nicht unterzeichnet haben, haben sie die Harmonisierung dennoch vollzogen. Wir ziehen in der EDK am gleichen Strick. Bei der zweiten Harmos-Bilanz 2019 werden wir erstmals über Ergebnisse von Evaluationen verfügen, die zeigen, ob die Schüler unsere 2011 festgelegten nationalen Bildungsziele erreichen. Ich bin zuversichtlich.»

Wichtig ist, Fragen zu stellen

Quereinsteigerin in die Bildungspolitik: ein Nachteil? «Wenn man aus einem völlig anderen Bereich kommt, kann man es sich leisten, kritische Fragen zu stellen. ‹Warum machen wir das so und nicht anders?›, habe ich meine Mitarbeiter jeweils gefragt. Wenn sie mir dann antworten, man habe das halt schon immer so gemacht, genügt mir das nicht. Als von aussen Kommende habe ich auch sehr kritisch auf die vorsorgliche Klage über den angeblichen Bildungsabbau reagiert. Man kann auch klug sparen: Die Schulverwaltung etwa gilt es zu optimieren. Ich erwarte von jedem, der im öffentlichen Dienst arbeitet und Steuergelder braucht, dass er die Abläufe und seine Ausgaben ständig hinterfragt. Lehrpersonen hingegen brauchen und kriegen meine politische Rückendeckung, aber auch freie Hand, wenn es um die Methodenfreiheit geht. Kein Lehrer wird von mir hören, wie er die Kreide zu halten hat, mit der er auf die Wandtafel schreibt.»

Alle reden mit: zu viel Bildungsbashing? «Jeder, der mal zur Schule ging, hat das Gefühl, er sei Bildungsexperte. Aus einzelnen guten oder schlechten Erfahrungen, allgemeingültige Schlüsse ziehen zu wollen, funktioniert in den seltensten Fällen. Ich habe manchmal etwas Mühe damit, wenn aufgrund eines Einzelfalls das ganze System infrage gestellt wird. Oft sind wir zu kritisch. Es fehlt an Dankbarkeit den Lehrpersonen gegenüber. Sie sind es, die tagtäglich enorm viel leisten.»