Am Anfang lachten die Militärpiloten über Aldo C. Schellenberg. Der Betriebsökonom mit dem runden Gesicht hatte noch nie eine Stunde im Cockpit gesessen, als ihn Ex-Verteidigungsminister Ueli Maurer 2012 überraschend zum neuen Kommandanten der Schweizer Luftwaffe ernannte. Noch lauter wurde das Gespött, als Schellenberg den Männern, die im F/A-18 Woche für Woche ihr Leben riskieren, sein Motto für seine ersten 100 Tage mitteilte: «Luege, Lose, Laufe.» Heute, drei Jahre nach Amtsantritt, ist der frühere Milizoffizier und Nicht-Pilot in der Luftwaffe breit akzeptiert, wie verschiedene Mitarbeiter bestätigen. «Er sieht sich als einer von uns, und er setzt sich zu 100 Prozent für uns ein.»

Heikle Rolle

Doch so sehr sich Schellenberg intern den Respekt erarbeitet hat, so sehr steht er extern unter Druck. Es gilt als immer wahrscheinlicher, dass ihm seine Rolle bei der derzeit sistierten Beschaffung des neuen Fliegerabwehrsystems Bodluv 2020 den Kopf kosten könnte. Der Luftwaffenkommandant trieb gemäss zahlreichen Medienberichten den Kauf von zwei Lenkwaffentypen voran, obwohl sich diese in der Evaluation als ungenügend erwiesen hatten: Der eine ist nicht allwettertauglich, der andere verfügt über zu wenig Reichweite. In Kombination, so Schellenbergs Überlegung, hätten sich die Defizite der beiden Waffensysteme aufheben sollen. Eine abenteuerliche Einschätzung, finden Sicherheitspolitiker von links bis rechts.

In einer internen Aktennotiz zuhanden von Armeechef André Blattmann stellte Schellenberg die Situation Mitte Februar offenbar viel positiver dar, als sie tatsächlich ist. «Aufgrund der vorliegenden Informationen und der Beurteilung des unterstützenden Schweizer Generalunternehmers erfüllen die Komponenten auf der Shortlist insgesamt die militärischen Anforderungen», schrieb er in dem fünfseitigen Papier, wie der «Tages-Anzeiger» am Samstag berichtete. Unklar ist, inwiefern Blattmann über die Missstände bei Bodluv 2020 Bescheid wusste.

Duzfreunde seit 1988

Das Einvernehmen zwischen dem Armee- und dem Luftwaffenchef gilt aber als gut: Blattmann und Schellenberg sind sich im Jahr 1988 in der Kaserne Payerne das erste Mal über den Weg gelaufen. Seither sind sie Duz-Freunde. Es war Blattmann, der seinen Kollegen Schellenberg zusammen mit Bundesrat Maurer zur Luftwaffe holte. Ein hochrangiger Offizier bezeichnet die zwei Zürcher als «gut eingespieltes Tandem». Lange wird dieses jedoch nicht mehr bestehen: Der Chef der Armee tritt auf Ende Jahr ab. Schellenbergs eigene Ambitionen auf Blattmanns Job haben sich mit dem Bodluv-Debakel wohl in Luft aufgelöst. SVP-Fraktionschef Adrian Amstutz, der einen grossen Einfluss auf Verteidigungsminister Guy Parmelin hat, stellt Schellenbergs Zukunft an der Spitze der Luftwaffe inzwischen offen zur Debatte. Parmelin hat eine Administrativuntersuchung eingeleitet. 

Bleibt die Frage, warum sich der Luftwaffen-Chef nach den Erfahrungen aus der gescheiterten Beschaffung des Kampfflugzeuges Gripen 2014 auf ein derart riskantes Unterfangen einliess. Die Parallelen zum Bodluv-Projekt sind frappant: Wie schon der Gripen E/F existieren die beiden vorgesehenen Lenkwaffensysteme erst auf dem Papier. Wie schon beim Gripen förderte die Evaluation erhebliche Mängel zutage. Wie schon beim Gripen gibt es Luftwaffen-intern erheblichen Widerstand gegen die zwei Systeme.

Eine mögliche Erklärung für Schellenbergs Vorgehen könnte der politische Druck aus dem Parlament sein: Die Armee klagt seit Jahren über fehlende finanzielle Mittel, fehlende Ausrüstung und veraltetes Material. Dennoch blieben im Verteidigungsdepartement immer wieder Kreditreste übrig. Also Geld, das nicht gebraucht wurde. Wenn Bodluv scheitert, wäre dies Wasser auf die Mühlen der Armeekritiker, die dem Militär das Budget zusammenstreichen möchten.