Geschichte ist gewesen und somit eigentlich ein Fakt. Doch so einfach ist das nicht mit der Geschichtsschreibung, weil in der Interpretation die Möglichkeit der Instrumentalisierung liegt.

Das gilt auch für die neue Dauerausstellung «Geschichte Schweiz» im Landesmuseum, was der Ausstellungsmacherin Denise Tonella bewusst ist: «Als Schweizerisches Nationalmuseum bieten wir den Besuchern ein Angebot, sich geschichtliches Wissen anzueignen, um sich eine Meinung zu bilden», sagt die Kuratorin. «Damit bekommen sie Werkzeuge, um zu bemerken, wenn jemand die Geschichte instrumentalisiert.»

Jedem Jahrhundert seinen Raum

Tonella hält die neue Ausstellung politisch nicht für brisant. Man versuche, einen neutralen Überblick über 550 Jahre zu bieten. Das machen die Ausstellungsmacher, indem sie jedem Jahrhundert einen eigenen Raum widmen und die Geschichte chronologisch erzählen.

Die Chronologie sei ein didaktisches Hilfsmittel, um die Geschichte im Wandel von Raum und Zeit besser zu verstehen. Zu Diskussionen Anlass geben könnten aber der Einstiegstermin der Ausstellung und ihr Schluss. Die Dauerausstellung beginnt nicht etwa mit dem mystischen Rütlischwur, sondern Mitte des 15. Jahrhunderts. «Erst zu diesem Zeitpunkt wird die Eidgenossenschaft richtig fassbar», sagt Tonella.

Die Schweiz verkaufte auch Waffen an Nazi-Deutschland.

Die Schweiz verkaufte auch Waffen an Nazi-Deutschland.

Sie erscheint dann mit den Burgunderkriegen erstmals auf dem europäischen Parkett, zudem werden erst dann die Gründungslegenden von Tell und Rütlischwur aufgeschrieben. Es ist auch die Zeit, in der die Bündnisse zwischen den eidgenössischen Orten enger werden.

Nach dem düsteren Raum des 15. Jahrhunderts mit den Hellebarden und Langspiessen steht der zweite Ausstellungsraum im Zeichen der Konfessionalisierung. Für die Entwicklung der Schweiz wichtig ist das lukrative, aber von den Reformatoren bekämpfte Soldwesen. Die Schweiz ist das Soldatenreservoir für europäische Grossmächte.

Heller wird die Ausstellung im 18. Jahrhundert mit der Zeit der Aufklärung, die über die Französische Revolution und die Helvetische Republik Anfang des 19. Jahrhunderts schliesslich 1848 zum Schweizer Bundesstaat führt. Zwei Räume sind für das 20. Jahrhundert reserviert.

Einerseits um darzustellen, wie gross die Kriegsbedrohung vor allem während des Zweiten Weltkriegs war. «Wir wollen zeigen, wie schwierig es war, in dieser Zeit als neutrales Land die Balance zu halten», sagt Tonella. So stehen Schweizer Geschütze im Raum, die zum einen den Wehrwillen zeigen, aber auch, wie die Schweiz viele Waffen an Hitler-Deutschland verkaufte. Andererseits wird der soziale Aufbruch im 20. Jahrhundert illustriert mit der Frauenbewegung und den entstehenden ökologischen Strömungen.

Der letzte Raum ist der Gegenwartsgeschichte gewidmet, was Tonella für mutig hält, ist die Geschichte in diesem Jahrhundert ja noch nicht geschrieben. Gezeigt werden aktuelle Herausforderungen wie das Klima und die Überalterung. Auch dabei gehe es nicht darum, Positionen zu beziehen, sondern verschiedene Stimmen und Haltungen zu einem Thema zu vermitteln, damit sich die Besucher selber eine Meinung zu den Problemen des 21. Jahrhunderts bilden könnten.

Wie diese Herausforderungen gemeistert werden, ist offen. Klar wird mit der Ausstellung aber, dass auch das Werden und Sein der Schweiz keine historische Selbstverständlichkeit ist, sondern dass es zu verschiedenen Zeiten auch ganz anders hätte kommen können.