Mysteriöser Mord
Neue Akten bringen Licht in den Mordfall Lenzlinger von 1979

Niemand hörte die fünf Schüsse, die an diesem regnerischen Montagmorgen in Zürich Höngg abgefeuert wurden. Minuten später war Hans Ulrich Lenzlinger, der berühmteste Schweizer Fluchthelfer, tot.

Ricardo Tarli (Text) undRegina Vetter (Illustrationen)
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So hat sich der Mordfall Lenzlinger abgespielt
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... und drang über eine unverschlossene Tür zur Wäscheküche in das Haus ein.
Er schlich über die Treppe hoch ...
... und überraschte Lenzlinger in seinem Büro.
Es kam zu einem Handgemenge.
Die erste Kugel traf eine Glühbirne, ...
... Lenzlinger wollte beschwichtigen, ...
... doch der Täter kannte kein Erbarmen.

So hat sich der Mordfall Lenzlinger abgespielt

Regina Vetter

Ein filmreifes Ende eines geltungssüchtigen Mannes, der zeit seines Lebens auf dem Vulkan tanzte und sich viele Feinde machte. Wer den 49-Jährigen am 5. Februar 1979 in seinem Haus niederstreckte, ist bis heute ungeklärt. Nun kommt Licht in diesen mysteriösen Mordfall, der zu den grössten Rätseln der Schweizer Kriminalgeschichte zählt: Nach über dreissig Jahren sind Polizeiakten, die bislang unter Verschluss gehalten wurden, zugänglich gemacht worden. Daraus lässt sich nicht nur der Tathergang rekonstruieren, welcher der Öffentlichkeit bislang nur lückenhaft bekannt war. Vielmehr lässt sich auch die gängige These entkräften, die Stasi stünde hinter dem Anschlag.

Hans Ulrich Lenzlinger war in den 1970er-Jahren einer der bekanntesten Fluchthelfer. Mithilfe von gefälschten Pässen und präparierten Autos schmuggelte er Menschen aus der DDR in den Westen. Er war Kopf eines mafiösen Netzwerks von professionellen Schleusern. Die Geschäfte wickelte er über seine Treuhandfirma Aramco ab, die ihren Sitz an seiner Wohnadresse hatte. Lenzlinger, der pro Fall bis zu 50000 DM kassierte, prahlte, mehrere hundert Menschen in den Westen geschleust zu haben. Das war deutlich übertrieben.

Um auf seinen «Service» aufmerksam zu machen, inszenierte sich Lenzlinger in der Öffentlichkeit als Abenteurer, Frauenheld, Antikommunist und Tierfreund. Er zog dadurch rasch die Aufmerksamkeit der Nachrichtendienste auf sich. Ab Ende der 1960er-Jahre stand er unter Beobachtung des ostdeutschen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Dank der Information mehrerer Spitzel war die Stasi über die zwielichtigen Umtriebe des Schweizer Fluchthelfers detailliert im Bilde. «Leopard» – so lautete der Deckname für Lenzlingers Observierung, in Anspielung auf seine Vorliebe für Raubkatzen.

Kaltblütig niedergestreckt

Was sich an diesem Montagmorgen in Lenzlingers Wohn- und Büroräumen an der Ackersteinstrasse 116 abspielte, war bis heute ein Rätsel. Anhand der erst jetzt freigegebenen Untersuchungsakten ist es erstmals möglich, den Tatablauf zu rekonstruieren. Gesichert ist, dass der Täter fünf Schüsse abgegeben hat, zwei Kugeln trafen Lenzlinger tödlich; drei Schüsse verfehlten das Opfer.

Was besonders auffällt: Im Gegensatz zu den damaligen Verlautbarungen der Polizei, die nicht von einem Kampf ausging, legen die Akten eine tätliche Auseinandersetzung kurz vor Lenzlingers Tod nahe: «An beiden Händen fanden sich nicht unwesentliche kleine Verletzungen. Sie können am ehesten darauf zurückgeführt werden, dass H. Lenzlinger im Zusammenhang mit der Schussabgabe mit den Händen intervenierte», hielt das Gerichtlich-Medizinischen Institut der Universität Zürich in seinem Gutachten fest. Der Wissenschaftliche Dienst der Stadtpolizei Zürich konnte an beiden Händen Schmauchspuren nachweisen, die von der Tatwaffe stammen dürften. Zudem wurden zwei Knöpfe am Boden des Tatortzimmers gefunden, die durch «Gewalteinwirkung» von Lenzlingers Kleidung entfernt worden waren.

Gegen 8.05 Uhr fuhr Lenzlingers Freundin mit den sechs Deutschen Doggen weg, um mit ihnen spazieren zu gehen – beobachtet vom Täter, der das Haus von einem Versteck aus observiert haben muss. Denn er wusste, dass sich Lenzlinger von nun an alleine im Hause befand. Dann schlug er zu. Vermutlich über die Waschküchentür, die entgegen den Gewohnheiten nicht abgeschlossen war, verschaffte er sich Zutritt ins Haus.

Er schlich die Treppe hoch ins Hochparterre, wo er Lenzlinger in seinen Büroräumen überraschte. Im Besprechungszimmer kam es zu einem Handgemenge, infolge dessen sich zwei Schüsse aus der Selbstladepistole lösten: Eine Kugel traf eine Glühbirne im sechsarmigen Leuchter, die andere durchschlug die Balkontür. Der Täter konnte sich von ihm lösen und bedrohte Lenzlinger, der beschwichtigend die Hände hochhielt, mit der Waffe. Der Täter kannte kein Erbarmen und streckte Lenzlinger kaltblütig nieder. Aus kurzer Distanz schoss er ihm eine Kugel in den Bauch. Lenzlinger krümmte sich vor Schmerz, wankte.

Der nächste Schuss streifte Lenzlinger im Schulterbereich unterhalb des Nackens. Der Täter drückte ein weiteres Mal ab und jagte ihm eine Kugel durch den Kopf. Lenzlinger sank zu Boden und blieb in linker Seitenlage liegen. Aus Mund und Ohren trat Blut, der rote Teppich färbte sich dunkel. Gegen 9.30 Uhr traf Lenzlingers Geschäftsführer an der Ackersteinstrasse ein. Er fand seinen Chef so leblos wie den ausgestopften Antilopenkopf an der Wand. Zehn Minuten später alarmierte er die Polizei.

Keine Beweise für Stasi-Mord

Das Gerücht, dass die Stasi etwas mit dem Mord zu tun haben könnte, kam schon bald nach Lenzlingers Tod auf und wird bis heute kolportiert. Gegen diese These sprechen jedoch mehrere Gründe. Der Tatablauf trägt nicht die Handschrift eines «Profikillers». Anfänger wären für die Liquidierung Lenzlingers von der Stasi wohl kaum eingesetzt worden. Zudem war der Tatort unübersichtlich und die Fluchtmöglichkeiten waren eingeschränkt. Das Risiko, entdeckt oder beobachtet zu werden, war gross.

Angesichts des Umstandes, dass das Fluchthilfegeschäft durch die Inhaftierung Lenzlingers 1976 praktisch zum Erliegen kam, ist es nicht plausibel, ihn erst 1979 zu eliminieren. Hätte die Stasi Lenzlinger wegen seiner Fluchthilfeaktivitäten aus dem Weg schaffen wollen, hätte sie dies vermutlich schon Jahre zuvor gemacht. Zudem hätte ein Mordanschlag in der Schweiz zu politischen Komplikationen zwischen beiden Ländern führen können. Die DDR hatte kaum ein Interesse, die Schweiz zu verärgern, war sie doch ein wichtiger Umschlagplatz für Embargogüter.

Die Zürcher Ermittler glaubten denn auch nicht an die These, die Stasi stecke hinter dem Anschlag. Hat Lenzlinger sich an einem «heissen Geschäft» die Finger verbrannt? Zumindest wäre er wegen seiner angespannten finanziellen Situation ein leichtes Erpressungsopfer gewesen. Der Kreis jener Personen, die einen Grund gehabt hätten, sich an Lenzlinger zu rächen, war gross. Dass der Mörder ein verärgerter Mitarbeiter oder betrogener Fluchtkunde gewesen sein könnte, schätzen die Ermittler jedoch als «eher gering» ein.

Kritik an der Schweizer Justiz

In einer Hausdurchsuchung wurden am Tag des Mordes 206 Aktenordner, kistenweise loses Schriftmaterial, mehrere technische Geräte sowie umfangreiches Film- und Fotomaterial sichergestellt. Doch auch nach jahrelangen und umfangreichen Ermittlungen im In- und Ausland kam die Polizei nicht auf die Spur des Mörders. In einem Zwischenbericht von 1984 beklagte die Kripo, dass die «erarbeiteten Verdachtsmomente kriminaltaktisch nicht ausgewertet werden, weil das ausgearbeitete Konzept Zwangsmassnahmen vorausgesetzt hätte, deren Anordnung ausschliesslich in der Kompetenz des Untersuchungsrichters lag. So gesehen kann das heute vorliegende Zwischenergebnis aus der Sicht der polizeilichen Sachbearbeiter nicht befriedigen». Nach schweizerischem Recht gilt der Mord inzwischen als verjährt.

In den letzten Jahren machte die Kriminalistik grosse Fortschritte. Nicht selten konnte mithilfe der DNA-Analyse der Täter überführt werden. Im Mordfall Lenzlinger besteht dafür keine Hoffnung: Sämtliches Spurenmaterial, das am Tatort gesichert wurde, ist nach Ablauf der Lagerfrist vernichtet worden.