Netto-Null, so heisst das neue Zauberwort in der Schweizer Klimapolitik. Bis 2050 soll das Land klimaneutral sein. Das heisst, dass es die Co2-Emissionen so weit wie möglich reduziert - und den Rest wieder aus der Atmosphäre entfernt. Das hat Umweltministerin Simonetta Sommaruga gestern bekannt gegeben. Damit verschärft die Regierung ihr Klimaziel. Bis anhin wollte sie den Treibhausgas-Ausstoss bis 2050 gegenüber 1990 um 70 bis 85 Prozent senken.

Dass man in Bern nun viel weiter gehen will, begründete Sommaruga mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ein rascheres Handeln erforderten. 2018 hatte ein Bericht des Weltklimarats gezeigt, dass der Welt bereits bei einer Erwärmung um 1,5 Grad weitreichende Veränderungen der Ökosysteme drohen - und nicht, wie zuvor angenommen, bei 2 Grad. In der Folge gab der Bundesrat eine Überprüfung der Klimaziele in Auftrag.

Heute sind es noch 47 Millionen Tonnen CO2

Nun heisst das Ziel Netto-Null. So, wie das 20 andere Länder oder Staatengemeinschaften bereits gesetzlich verankert oder zumindest angekündigt haben, darunter Frankreich, Schweden, Japan, Chile und die EU. Für Bundesrätin Sommaruga liegt es für die Schweiz «als verletzliches Alpenland im ureigenen Interesse, den Klimawandel zu begrenzen».

Das aktuelle Treibhausgas-Inventar der Schweiz weist Emissionen in der Höhe von 47 Millionen Co2-Äquivalenten aus. Die Schweiz hat nun 30 Jahre Zeit, um diese Emissionen abzubauen. Das sei «wenig Zeit, um viel zu tun», sagte die Bundesrätin gestern. Beim Bund geht man davon aus, dass die Co2-Emissionen der wichtigsten Sektoren - Verkehr, Gebäude und Industrie - mit bereits bekannten Technologien und erneuerbaren Energieträgern um 95 Prozent reduziert werden können. Bei der Landwirtschaft gestaltet sich das aber schwieriger. Diese zum Teil unvermeidbaren Emissionen sollen durch natürliche Co2-Speicher wie Wälder und Böden ausgeglichen werden.

Daneben hofft man auf neue Technologien. Eine davon funktioniert so: Der Atmosphäre werden Treibhausgase entzogen und gespeichert, etwa in Lagern unter dem Boden. Allerdings steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen. Weder über Kosten, Nebenwirkungen noch Risiken weiss man heute genug. Auslandskompensationen, die in der heutigen Klimapolitik des Bundes eine wichtige Rolle spielen, sollen auch künftig ein Teil der Strategie sein. Gleichzeitig sagte Bundesrätin Sommaruga gestern , dass der Einsatz dieses Instruments zunehmend schwieriger und «vor allem auch teurer» werde, weil alle Länder ihre Co2-Emissionen reduzieren müssten.

Vorerst nur eine Absichtserklärung

Für Netto-Null im Jahr 2050 führt kein Weg an griffigen Massnahmen im Inland vorbei. Wie diese aussehen könnten, wird im Rahmen der Klimastrategie 2050 definiert. Der Bund will diese bis Ende des nächsten Jahres vorlegen. Einen verbindlichen Charakter hat das Netto-Null-Ziel derzeit nicht; es handelt sich um eine Absichtserklärung. Dereinst aber wird aus der Erklärung eine Gesetzesvorlage werden -- und die Politik wird sich auf Massnahmen einigen müssen.

Die Parteien reagierten grundsätzlich positiv auf die Pläne des Bundesrats, abgesehen von der SVP. Deren Nationalrat Christian Imark warnt vor hohen Kosten und sagt, die Schweiz sei nicht alleine auf der Welt, «es bringt nichts, wenn wir den Musterknaben geben, während andere neue Kohlekraftwerke bauen».

Ein höheres Inlandziel und mehr Abgaben

Im linksgrünen Lager pocht man derweil auf ein höheres Tempo auf dem Weg zu Netto-Null. GLP-Präsident Jürg Grossen fordert, dass die Schweiz sich bereits das Jahr 2040 zum Ziel setzt; auch Grüne und SP wollen schneller vorwärtsmachen. Nach dem gestrigen Entscheid des Bundesrats wurden Stimmen laut, die schärfere Massnahmen im neuen Co2-Gesetz fordern. Dieses liegt derzeit beim Parlament, im September befasst sich der Ständerat damit. Es soll die Klimapolitik bis 2030 regeln.

SP-Fraktionschef Roger Nordmann verlangt etwa ein höheres Co2-Reduktionsziel im Inland. GLP-Präsident Jürg Grossen bekräftigt, dass es schärfere Gesetze im Gebäudebereich sowie Lenkungsabgaben auf Treibstoffe und Flugtickets brauche. Peter Schilliger von der FDP sagt derweil, man müsse «nicht mehr machen». Das Co2-Gesetz sei schon heute ambitioniert genug, um die Ziele bis 2050 zu erreichen.