Kisten treffen wir keine mehr an in der neuen Wohnung von Endo Anaconda und seiner neuen Lebenspartnerin. Einzig die Bilder am Boden erinnern an den Umzug nach Erlinsbach AG bei Aarau. Der Sänger sitzt seelenruhig auf dem Balkon, raucht, erwartet uns.

Endo Anaconda: Das Interview mache ich nur, weil ich jetzt im Aargau lebe. Ich muss sagen: Hübsche Stadt, dieses Aarau.

Eigentlich befolgen Sie den Ratschlag Ihres Songs von 1996: «Gang doch e chli der Aare naa. Dere schöne, schöne, schöne grüene Aare naa». Müssen Sie jetzt eine neue Strophe dazu schreiben.

Nein. Ich singe den Song schon lange nicht mehr, ich kann ein Lied nicht mehr als 150 Mal singen. Aber es ist lustig, dass man immer auf dieselben Dinge reduziert wird.

Der «Aare-Song» passt natürlich zu Ihrem neuen Wohnort, weiter Aare-abwärts.

Aber es bleibt ja alles gleich! Der Fluss ist gleich.

Was führte Sie überhaupt in den Aargau?

Die Liebe zu meiner Partnerin. Aber was soll die Frage? Eigentlich ist es doch egal, wo man in der Schweiz lebt. Wir pflegen einen übertriebenen Kantönligeist – fürs Ausland sind wir alle Chuchichäschtli. Die Schweiz ist so klein, deshalb ist der Mundartgesang furchtbar. Er ist wie ein Knast. Aber es ist wunderbar, dass ich seit 30 Jahren von meiner Musik leben kann, von meinen berndeutschen Texten, die für Sprachpuristen nicht mal richtiges Berndeutsch sind. Sondern Mittelland.

Wenn Sie sagen, Sie würden Mittelland sprechen und es komme nicht drauf an, wo in der Schweiz man lebe. Was ist dann Heimat für Sie?

Heimat ist dort, wo man sich daheim fühlt. In Beirut oder Washington würde ich mich vielleicht fremd fühlen. Aber ich könnte mich überall in der Deutschschweiz daheim fühlen.

Als Sie 2015 von Bern ins Emmental gezogen sind, sagten Sie, das wecke Heimatgefühle, weil Sie als Kind dort oft bei den Grosseltern waren.

Ich habe dort weiterhin meine Ferienwohnung, aber Heimat kann doch auch sein, wenn man 50 Kilometer weiter zieht. Der Kantönligeist ist eine Blase, die erst durch die Aussensicht entsteht. Auch die Schweiz ist nur eine Blase. Eine paradiesische Wohlstandsblase.

Haben Sie früher nie Aargauer Klischees zitiert?

Ich bin doch kein Zürcher! Und wenn ich Klischees bedienen soll, dann lieber über Zürich. Zürich West wirkt auf mich wie ein Fünfstern-Pjöngjang, sie bauen wildes Zeug, aber es ist wie tot. Aarau hingegen hat etwas Organisches, und dann die vielen Beizen. Das «Altstadt» zum Beispiel ist herzig, und man darf dort rauchen, weil das Lokal so klein ist.

Als Grund für Ihren Umzug ins Emmental gaben Sie 2015 wirtschaftliche Gründe an: Sie sagten, Sie könnten sich Bern nicht mehr leisten.

Das war so. Nachdem sich die Band getrennt hatte, hatte ich ein Jahr lang keine Einkünfte. Ich verdiene mein Geld mit Konzerten.

Und unterdessen blicken Sie optimistischer in die Zukunft?

Das hat auch mit der Rente zu tun, die ich nach meiner Pensionierung von der Suisa erhalten werde wegen der Urheberrechte. Ich war zum Glück fleissig wie eine Biene. In meinen 30 Jahren auf der Bühne habe ich sicher zwischen 80 und 100 Konzerte pro Jahr gegeben, das schenkt ganz schön ein.

Dabei klagt die Musikbranche. Was machen Sie anders?

Ich glaube, es harzt an einem hausgemachten Problem. Es ist nämlich gar nicht so, dass die Leute keine CDs mehr wollen, sondern dass die Branche ihr Streaming durchsetzen will. Aber da mache ich nicht mit. Von meinen älteren Platten habe ich immer gegen die 20 000 verkauft. Nun sind es noch 10 000. Das ist eine Halbierung, aber immerhin.

Haben Sie eigentlich abgeklärt, ob Erlinsbach, ob der Aargau, steuergünstiger ist?

Nein. Das spielt eh keine Rolle, weil ich so hohe Alimente bezahle, die man von den Steuern abziehen kann. Ich würde nie wegen tieferen Steuern den Ort wechseln. Ich finde den ganzen Steuerwettbewerb unsinnig, weil er vor allem die Schwächsten trifft. Diesen Teil des Föderalismus sollte man abschaffen, weil er kontraproduktiv wirkt.

Gerade der Aargau macht munter mit beim Steuerwettbewerb.

Ich weiss – und ich weiss auch schon, wie ich hier wähle. Das sage ich Ihnen aber nicht. Und vielleicht sieht man auch hier ein, dass der Steuerwettbewerb ein Blödsinn ist.

Ihre politische Heimat finden Sie im Aargau vielleicht schwerer als in der rot-grün dominierten Stadt Bern.

Ich bin in keiner Partei, ich lasse mich auch politisch nicht in einer Schublade versorgen. Ich wähle nicht Parteien, sondern Persönlichkeiten.

Welche …

… ich sage nicht, wen ich wähle, ich sage auch nicht, was ich verdiene.

Was wir fragen wollten: Wen, welche Politiker finden Sie gut, welche sind Ihnen im Denken nahe?

Ich will keine politischen Statements abgeben! Was soll die Frage?

Sie waren eng befreundet mit Alexander Tschäppät.

Das heisst nicht, dass ich ihn gewählt habe. Er war ein Männerfreund. Mein Vermieter ist in der SVP und ist auch ein Männerfreund von mir. Gestritten habe ich mit beiden. Wenn Sie schon über Politik reden wollen: Die Sache mit den Sozialdetektiven finde ich übel. Es ist doch einen Frechheit, dass Ruth Humbel (Nationalrätin CVP/AG, Anm. der Redaktion) jedem, der humpelt, einen Sozialdetektiv auf den Hals hetzen will. Oder dass Erich Hess (SVP/BE, Anm. der Redaktion) wegen Einzelfällen die ganze Sozialhilfe in den Dreck zieht. Von den Hunderten Leuten, die General Electric entlässt, landen doch einige beim Sozialamt. Wenn jemand mit 55 arbeitslos wird, heisst es: Bilde dich doch weiter! Mach doch ein Startup! Solche lächerlichen Aussagen zeigen, die Politiker haben keinen Plan, keine Antwort auf die Digitalisierung.

Sie sehen die Schuld bei den Politikerinnen und Politikern?

Sicher! Ich kann sie nicht ernst nehmen! Von ihrem Mandat können Nationalräte nicht leben, also sind sie in vielen Aufsichts- und Verwaltungsräten, sind dadurch Lobbyisten und nicht mehr unabhängig. Das gibts in keinem anderen Land, aber bei uns sind solche Tätigkeiten von Politikern legal – und sie müssen nicht mal offenlegen, was sie dabei verdienen.

Was würden Sie daran ändern?

Man sollte sie genügend hoch bezahlen und den Rest verbieten. Ach, Sie stellen politische Fragen, dabei habe ich, was Politik betrifft, eigentlich resigniert. Ich rege mich nur noch auf.

Worüber denn sonst so?

Über den Modebegriff Heimweh! Wir leben in der Schweiz, in dieser Paradiesblase, und die reden von Heimweh. Eigentlich sollten sie Weltweh haben. Wir sind doch von einigen globalen Entwicklungen stark betroffen: Klimawandel, Vergiftung des Wassers, Verlust des Kulturlandes, soziale Ungerechtigkeit, Flüchtlinge, Plastik im Meer … Das ist zu viel. Mein Arzt hat mir erklärt: Mit einer kranken Leber kannst du fertig werden, wenn du aber noch eine schwache Niere, verkalkte Koronargefässe und Diabetes hast, reicht ein kleines Ding wie Fusspilz, und dein ganzes System kippt. Beim menschlichen Körper nennt man dies ein metabolisches Syndrom, aber bei den globalen Krankheiten betrachtet man alles nur als Einzelphänomene.

Was wäre die Alternative?

Das weiss ich doch auch nicht. Vielleicht eine Art globales Notrecht, sonst wird’s für unsere Enkel schwierig auf dieser Welt und für unsere Grossenkel ganz schlimm.

In Ihren Liedern reagieren Sie mit Sarkasmus auf das Weltgeschehen. In Ihrem letzten Album «Endosaurusrex» singen Sie: «Dr Mönsch sehnt sich nach Katastrophe – Hauptsach er isch nid betroffe».

Ja, das hat man gern. Man schaut zu, macht ein Foto, ein Selfie vom Unfall oder so – aber man reagiert nicht, man hilft nicht.

Ist Sarkasmus Ihr Rezept gegen Frust?

(Weist über den Balkon hinaus) Schaut mal wie schön. Ich hatte noch nie eine Wohnung mit solch schönem Ausblick auf die Bäume, die Wiesen, die alte Aare. Ich lebe gerne und gerne hier. Ich bin nicht frustriert, ich sehe einfach die Hilflosigkeit der Politik. Alle reden von Digitalisierung, dabei machen im digitalen Geschäft alle Defizit. Und vor allem wissen sie nicht, was sie mit den Menschen machen, welche die Digitalisierung überflüssig macht. Das ist Sprengstoff für die Gesellschaft. Ich will einen Unternehmerkapitalismus und nicht einen Finanzkapitalismus.

Ihre Aussagen jetzt im Gespräch sind im Vergleich zu Ihren immer auch poetisch-melancholischen Songtexten richtig böse.

Die Alten und die Jungen dürfen böse sein: Die Alten haben nichts zu verlieren, die Jungen alles. Die Klimatologen sind auch böse, über Klimaziele reden hilft nicht mehr, wir müssen handeln. Vielleicht lese ich zu viel Zeitung, schaue zu viel Arte. Euch Medien sollte man abschaffen, ihr tut mir nicht gut.

Was Sie wohl nicht nervt, ist Bundesrätin Sommarugas Forderung einer Frauenquote. Sie haben drei Kinder von drei Frauen, eine «hohe Frauenquote», pflegen Sie zu sagen.

Ich finde sogar, für die nächsten Jahrzehnte sollte ein reiner Frauen-Bundesrat regieren – als Ausgleich zu den vielen Männer-Bundesräten davor.

Um Gerechtigkeit und Gleichheit zu schaffen?

Ja, denn die Lohnungleichheit ist auch ungerecht aus Sicht der Männer. Sie führt letztlich dazu, dass die Männer die Nüsse nach Hause bringen. Ich hätte doch lieber ein oder zwei Tage länger zu den Kindern geschaut, aber wenn die Frau arbeiten geht, erhält sie für die gleiche Büez weniger als der Mann.

Sind Sie ein guter Vater?

Ja, ich denke schon. Ich koche zum Beispiel, was meine Kinder gerne essen. Zwei meiner Kinder sind nun erwachsen. Sie sind mir gute Freunde. Alle drei sagten sie, ich sei ein guter Gutenacht-Geschichten-Erzähler.

Macht das einen guten Vater aus?

Man darf sich nicht der Illusion hergeben, dass es nur gute Mütter gibt. Ohne alte Geschichten über meine eigene Kindheit auswälzen zu wollen, komme ich zum Schluss: Man kann es nicht perfekt machen. Wichtig ist, dass man die Kinder liebt. Du kannst sie nicht vor allen schlechten Erfahrungen bewahren, aber du musst als Elternteil der sichere Hafen sein.

Waren Sie das, obwohl es Ihnen nie gelang, eine Familie länger zusammenzuhalten?

Das lag nicht nur an mir. Ich habe zwei Tage pro Woche meine Kinder betreut und habe dazu jeden Monat Tausende Franken Alimente bezahlt. Mach das mal 30 Jahre lang. Das ist finanzielle Sklaverei. Die Frauen hatten studiert, waren aber auf der Soz, oder sie arbeiteten weniger, als sie gekonnt hätten.

Das hört sich nun doch eher nach eher problematischen Beziehungen zu den Müttern Ihrer Kinder an.

So ist es nicht. Die Frauen waren halt zum Teil zu jung, der Altersunterschied zu gross. Ich kann doch niemanden hassen, der mein Kind auf die Welt gestellt hat.

Wenn wir bei Beziehungen sind: Wie haben Sie eigentlich Ihre neue Partnerin kennen gelernt?

Auf der Blues Cruise, Ausgabe Nummer 2. auf Mykonos, einer scheusslichen Insel, ehrlich gesagt. Das ist living hell.

Ihrer Partnerin war immer sportlich unterwegs. Treibt Endo Anaconda künftig auch Sport?

Sport vielleicht nicht gerade. Spazieren und Wandern ist eher die Bewegungsart, die mir entspricht. Ich habe gar nichts dagegen, wenn sie mich diesbezüglich etwas animiert.

Umzüge prägten Ihr Leben. Denken Sie, Sie werden schon bald wieder umziehen?

Keinesfalls. Vielleicht werde ich hier mit den Stiefeln voran herausgetragen. Diese Wohnung gefällt mir ausserordentlich gut. Es sind hohe helle Räume, und das Wichtigste: Es hat keine Kochinsel.

Was finden Sie an einer solchen Küchen-Theke schlimm?

Ich finde es ganz schlimm, wenn im TV die durchgestylten Models auf hohen Hacken vor ihren Zug-Steamern herumstehen und dann so eine Tomatenpäcklisuppe aufmachen und das als Kreativität darstellen.

Dieses Bild haben Sie im Kopf, wenn Sie an eine Kochinsel denken?

Ja, dieser ganze Induktionsinsel-Wahn! Diese Idealvorstellung vieler Paare führt doch dazu, dass beide krampfen müssen, damit sie sich das leisten können, und kochen können sie oft beide nicht. Viele wissen nicht einmal, wie sie ein Spiegelei braten sollen.

Von Ihrem Balkon kann man die Dampfwolke über dem Kühlturm des AKW Gösgen sehen ...

… Denken Sie denn, das Emmental wäre bei einem Super-GAU weniger stark betroffen als Erlinsbach oder Aarau? Geht ein AKW in die Luft, dann ist die Schweiz kaputt. Den Rückbau wird übrigens der Steuerzahler berappen. Daran zeigt sich besonders schön: Die Politiker sind Sachzwangverwalter. Ich nenne sie gerne Sachzw-Angst-Verwalter.