Interview

«Neid spielt bei Mobbing eine grosse Rolle»

Klaus Schiller-Stutz (57) ist eine Koryphäe, wenn es um das Thema Mobbing geht. Zu unzähligen Fällen wurde er schon als externe Fachperson zugezogen, um die Situation zu lösen.

Andrea Marthaler

Per Telefon oder Mail erreicht man ihn schwer. Der Anrufbeantworter und Spamfilter halten dem Psychologen Klaus Schiller-Stutz nicht nur die Feinde fern, die er sich mit seiner Arbeit gegen Mobbing immer wieder macht. In seinem Büro in Hedingen stapeln sich die Aktenordner mit gelösten Fällen sowie Fachliteratur.

Ist Mobbing mehr als ein Modephänomen?

Klaus Schiller-Stutz: Echtes Mobbing ist eine ernstzunehmende Angelegenheit, welche die Betroffenen stark belastet. Der Begriff wird aber in der Tat sehr schnell gebraucht. Bei den ersten Streitigkeiten wird bereits gesagt: «Ich werde gemobbt.»

Was ist eigentlich Mobbing?

Schiller-Stutz: Vom Wort her bedeutet Mobbing, dass sich eine Gruppe von Menschen gegen etwas oder jemanden zusammen- rottet. Von Mobbing spricht man, wenn über längere Zeit, wiederholt und mit System eine Person geplagt wird.

Wo kommt Mobbing vor?

Schiller-Stutz: Mobbing gibt es in der Schule oder am Arbeitsplatz. Doch auch in Privatbeziehungen oder in der Nachbarschaft kann es auftreten.

Gibt es typische Täter/Opfer?

Schiller-Stutz: Häufig hat Mobbing mit Normdenken zu tun, dabei gibt es Minderheiten. Ein Phänomen ist Angst, sowohl bei Opfern als auch bei Tätern. Bei letzteren spielt häufig auch Langeweile eine Rolle. Und der Lustfaktor, man kriegt Macht. Ängstliche und überangepasste Menschen neigen schnell zur Opferrolle. Dasselbe gilt für Personen, die nicht gelernt haben, sich konstruktiv zu wehren.

Wie geschieht Mobbing?

Schiller-Stutz: Häufig beginnt es in der Gerüchteküche: «Hesch scho ghört . . .» Dies kann eine Dynamik auslösen, indem andere aufspringen und selber beginnen, Negatives auf die betroffene Person zu projizieren. Häufig ist der Auslöser eine harmlose Auffälligkeit, zum Beispiel, dass der Betreffende keine Nike-Schuhe trägt, während alle anderen welche haben. Oft merkt die betroffene Person nichts davon, bis das Gerücht zu ihr selbst gelangt.

Inwiefern beeinflusst die heutige Zeit das Mobbing?

Schiller-Stutz: Gerade jetzt in der Krise ist Ellbögeln ein Phänomen, das schnell zu Mobbing führt. Jeder hat Angst um seinen eigenen Arbeitsplatz.

Können Sie ein Beispiel von Mobbing nennen?

Schiller-Stutz: Typische Aktionen in der Schule sind das Wegnehmen des Schultheks oder das Lüfteln des Velos und Hänseleien. Es können aber auch subtilere Aktionen sein. Zum Beispiel, dass alle gemeinsam in Lachen ausbrechen, wenn die Person ins Zimmer kommt. Die Gefahr dabei ist, dass der Lehrer sich selber anstecken lässt.

Und wie äussert sich Mobbing am Arbeitsplatz?

Schiller-Stutz: Unter Erwachsenen kann Mobbing sein, dass gezielt Informationen zurückgehalten werden. E-Mails werden an alle bis auf eine Person verschickt, die dann ins Fettnäpfchen tritt.

Gibt es Situationen, die Mobbing begünstigen?

Schiller-Stutz: Unter Erwachsenen spielt Neid eine grosse Rolle. Vorgesetzte provozieren geradezu Mobbing, wenn sie eine einzelne Person gegenüber anderen bevorzugen, zum Beispiel mit Weiterbildungen.

Ungleichheit ist doch normal.

Schiller-Stutz: Ja, jeder Mensch ist einzigartig. In der breiten Masse hat dies jedoch kaum Platz. Mobbing kann aber verhindert werden, indem kommuniziert wird. Ist eine Bevorzugung begründet, stoppt dies den Mechanismus.

Gibt es Betriebe, in denen kein Mobbing vorkommt?

Schiller-Stutz: In landwirtschaftlichen Betrieben oder in der Baubranche entsteht fast nie Mobbing. Hoch ist das Risiko in Dienstleistungsbetrieben, wo es keinen körperlichen Ausgleich gibt. Umsatzbeteiligung ist das Schlimmste. Geldgier forciert psychosozialen Stress und somit auch Mobbing.

Welche Auswirkungen hat Mobbing auf die Opfer?

Schiller-Stutz: Psychische Probleme, Leistungsabfall, psychosomatische Störungen und Depressionen sind nur einige Auswirkungen. Man könnte Krankenkassenprämien einsparen, wenn etwas gegen Mobbing unternommen würde. Das Präventions- und Gesundheitsförderungsgesetz wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Hat Mobbing massivere Formen angenommen?

Schiller-Stutz: Unter Kindern ist Cybermobbing verbreitet. Dabei werden zum Beispiel manipulierte Bilder ins Internet gestellt. Die Auswirkungen von dieser Art von Mobbing sind massiv, die Bilder erscheinen weltweit und das Opfer ist dagegen hilflos. Schlimm ist auch, dass die Hemmschwelle beim Cybermobbing tiefer liegt. Man ist anonym, so ist Mobbing häufig noch aggressiver.

Welche Folgen hat diese massive Form von Mobbing?

Schiller-Stutz: Es sind mehrere Fälle von Selbstmord nach Cybermobbing bekannt. Oder auch Amokläufe, wie der letzte Fall in Winnenden. Der Täter war zuvor Opfer von Mobbing.

Was kann getan werden, um Mobbing vorzubeugen?

Schiller-Stutz: Je grösser die Anonymität in einer Firma ist, desto wahrscheinlicher wird Mobbing. Viele grosse Firmen haben da bereits etwas gemacht, indem sie sagen, «wir akzeptieren kein Mobbing», und interne oder exterme Anlaufstellen haben. Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz hilft präventiv.

Was soll jemand machen, der sich gemobbt fühlt?

Schiller-Stutz: Als Erstes Hilfe holen: Kinder sollten gemeinsam mit den Eltern die Schulsozialarbeit und Lehrer informieren, Erwachsene können den Vorgesetzten um Unterstützung bitten und mit Kollegen die Situation besprechen. Gemeinsam kann dann nach konstruktiven Lösungen gesucht werden.

Kann man selber nichts tun?

Schiller-Stutz: Doch. Wichtig ist, dass man das Mobbing nicht auf sich bezieht. Dies geht bei fortgeschrittenem Mobbing jedoch meist nicht mehr. Man kann selber aktiv werden, indem man sich fragt, was es braucht, damit es besser wird, und eine Zukunftsperspektive entwickeln. Opfer müssen lernen, sich zu wehren. Im Gespräch mit den Tätern sollten Ich-Botschaften gesendet und sollte unbedingt auf der Sachebene geblieben werden. Auf jeden Fall müssen die Vorfälle, die passiert sind, verarbeitet werden.

Häufig wird nach Mobbing die Arbeit/Schule gewechselt.

Schiller-Stutz: Die Zeiten sind vorbei. Wenn man den Arbeitsplatz wechselt, ohne das Mobbing verarbeitet zu haben, wiederholt sich die Situation. Heute wird mit den Personen und dem Betrieb gearbeitet, bis das Klima wieder in Ordnung ist.

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