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Neda Soltani, der «Engel des Iran»

Die iranische Opposition will das Regime mit ihren eigenen Waffen schlagen. Die am Samstag getötete Neda Soltani wurde zur Märtyrerin und Ikone der grünen Bewegung.

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Neda Soltani

Neda Soltani

Keystone

Michael Wrase, Limassol

Auf dem riesigen Märtyrerfriedhof Bescht-e Zahra im Süden von Teheran steht ein Brunnen, aus dessen Fontainen dunkelrot gefärbtes Wasser sprudelt. Es soll das Blut der mehr als 1 Million Opfer versinnbildlichen, die für die Islamische Revolution sowie im achtjährigen Krieg gegen den Irak gefallen sind. «Wer uns angreift», lautet die Botschaft, die allen Friedhofsbesuchern unmissverständlich vermittelt wird, «besudelt auch unsere Märtyrer.» Ihr Blut sei nicht umsonst vergossen worden.

30 Jahre nach dem Sturz des Schahs haben die Märtyrer der Revolution ihren Glanz verloren. Ihre überlebensgrossen Porträts dominieren zwar noch immer die Hauptstadt. Viele der damals gefallenen Helden würden sich vermutlich aber im Grabe umdrehen, wenn sie wüssten, dass die «Revolutionäre» um Machmud Achmadinedschad heute Schlagstöcke, Tränengas und Schusswaffen einsetzen, um sich an der Macht zu behaupten.

Die brutale Gewalt gegen die Anhänger von Mir Hossein Mussawi, einem Technokraten, der nicht das Regime infrage stellt, sondern lediglich Wahlmanipulationen anprangerte, könnte sich als ein fataler Irrtum herausstellen. Denn jetzt ist es nicht mehr das Regime, sondern die Opposition, die sich nach den Strassenschlachten der letzten Tage auf Märtyrer berufen kann, sie als wirksame Waffe im Kampf für «Freiheit, Gerechtigkeit und Würde», so Mussawi vor einigen Tagen, instrumentalisieren kann.

Nedas Tod löste unbändigen Zorn aus

Die 26 Jahre alte Neda Soltani ist nur eine von mehr als 30 Iranerinnen und Iranern, die in Teheran ihr Leben verloren haben. Neda war aber nicht allein, als sie von einem Heckenschützen in die Brust getroffen wurde. Die letzten 54 Sekunden ihres jungen Lebens, die verzweifelten Schreie ihrer Freunde und Angehörigen wurden mit einem Handy aufgezeichnet. Nicht nur die Menschen in Iran, sondern in der gesamten Welt wissen jetzt, was sich am Samstagabend am Teheraner Karekar-Boulevard zugetragen hat. Die Rebellion gegen Achmadinedschad und seinen Mentor Ali Chamenei hat jetzt ein Gesicht, kein vollbärtiges, sondern ein wunderschönes Gesicht, das sich in das Gedächtnis der meisten Iraner einprägen wird. Ihr Märtyrertod hat unbändigen Zorn ausgelöst. Um Nedas willen, heisst es, müssen wir jetzt weitermachen. Ihr Blut darf nicht umsonst geflossen sein.

Tausende von Gedichten

Achmadinedschad und seine Gefolgsleute kennen die Mechanismen des Märtyrerkultes nur allzu gut. Ihre Mittel sind aber begrenzt. Hilflos müssen sie mitansehen, wie die Opposition jetzt versucht, das Regime mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Gegen die Macht des Internets steht das Regime auf verlorenem Posten. Achmadinedschads Schlägertrupps können auch nicht verhindern, dass Tausende von Iranern Neda Gedichte widmen, sie als die wahre Stimme oder den «Engel des Iran» verherrlichen. Selbst der unterlegene Präsidentschaftskandidat Karubi philosophiert inzwischen auf seiner Website über das «junge Mädchen, das keine Waffen in ihren zarten Händen hatte und Opfer eines entsetzlichen Machtapparates wurde».

Kein Geringerer als der 94-jährige Ajatollah Montaseri, der einmal Nachfolger von Revolutionsführer Chomeini werden sollte, hob Neda Soltani in den Rang einer Märtyrerin. Zu ihrem Gedenken sollten sich die Iraner an den kommenden zwei Samstagen friedlich versammeln. Wie während der Revolution, als die Soldaten des unbeliebten Schahs auf die Trauenden geschossen hatten und damit seinen Sturz beschleunigt hatten.