Studium

Neben dem Studium zu arbeiten, ist für viele selbstverständlich

Viele Studentinnen und Studenten arbeiten hinter der Bar.

Viele Studentinnen und Studenten arbeiten hinter der Bar.

Auch in der Vollzeitausbildung ist es möglich und oft sogar sinnvoll, einer Arbeit nachzugehen. Freiwillig geschieht dies jedoch nicht bei allen: viele sind aus finanzieller Sicht gezwungen, während dem Studium zu arbeiten.

Ein Jahr vor dem Bachelor setzte sich Sara Hildebrand gegen 200 Bewerberinnen als Moderatorin von «Glanz & Gloria» im Schweizer Fernsehen durch. Trotz dem «Nebenjob» schloss sie an der Universität Zürich den Bachelor in Germanistik, Geschichte und Pädagogik nach den regulären drei Jahren ab und hat nun im Oktober mit dem Master-Lehrgang begonnen.

Sara Hildebrand, Studentin und TV-Moderatorin. Saskia Rosset

Sara Hildebrand, Studentin und TV-Moderatorin. Saskia Rosset

Das bedeutet: Ein voller Tag gehört dem Studium, an den andern Tagen besucht sie morgens Vorlesungen und Kurse an der Universität, ab 12 Uhr ist sie im Fernsehstudio und moderiert dort am späteren Nachmittag die Sendung. «Alles eine Frage der Organisation», sagt die 24-Jährige. Dann fügt sie bei: «Lernen und Arbeiten muss einem leichtfallen, um beides bewältigen zu können.»

Belastendes Nebeneinander

Drei Viertel der Studierenden gehen einer Arbeit nach, doch längst nicht alle aus einer freien Wahl heraus. Die Hälfte der Werkstudenten sagt in der Untersuchung «Studieren unter Bologna», dass sie zwingend arbeiten müssen. Rund 30 Prozent der Studierenden würden gerne weniger arbeiten, und ebenso viele gaben an, dass ihnen das Nebeneinander von Arbeit und Studium zu schaffen macht; 12 Prozent fanden gar, dass beides zusammen ihre Gesundheit belaste.

Ulrich Frischknecht, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle an der Universität Zürich, nennt als realistische Belastungsgrenze einen Tag Arbeit pro Woche. Mehr Arbeitszeit bei gleicher Studiendauer führe zu Stress und Selbstüberforderung, so der Psychologe. Und es werde schwieriger, den Spagat zwischen beiden Welten zu schaffen. «Sobald das Studium nicht mehr erste Priorität hat, gerät man in eine Identitätskrise», so seine Erfahrung.

Familie, Studium und Job

Am meisten belastet sind studierende Eltern. Von ihnen arbeiten zwei Drittel neben Studium und Kindern, viele auch mehr als einen Tag pro Woche. Anna Birkmeier, Mutter von zwei Kindern, sagt: «Ich hatte Glück, dass ich eine flexibilisierte Ausbildung fand.» Sie schloss das Diplom Journalismus an der Höheren Fachschule SAL ab. Dabei nutzte sie das Modell F, das eine flexible Studiendauer ermöglicht.

Anna Birkenmeier, Studentin, Journalistin und Mutter.

Anna Birkenmeier, Studentin, Journalistin und Mutter.

Mit diesem Modell ist eine Verlängerung auf das Doppelte der regulären Studiendauer möglich. Anna Birkmeier schloss nach vier statt der regulären drei Jahre ab. Ende des zweiten Studienjahres kam ihre zweite Tochter zur Welt. Kurz danach erhielt sie von einer Agentur ein Arbeitsangebot. Sie unterbrach das Studium «für eine Kinder- und Arbeitspause». Schwieriger als erwartet sei nachher der Wiedereinstieg ins Studium gewesen, bemerkt sie. «Sich für Theorie zu motivieren und dafür spannende Aufträge abzuweisen, ist nicht einfach.»

Schliesslich behielt sie neben Familie und Studium ein Erwerbspensum von etwa 8 Stunden. «Man braucht viel Disziplin», betont sie. Oft sei sie um fünf Uhr aufgestanden, um zu lernen. Im Oktober hat sie jetzt neben 20 Stunden Arbeit den Diplomlehrgang Kommunikation begonnen. Sie betont: «Ich habe für zwei Tage eine wunderbare Tagesmutter und ich weiss ja, dass ich wenn nötig das Studium jederzeit verlängern kann.»

«Das Entscheidende ist die Planung»

Eine flexible Studiendauer nach Modell F bieten rund 650 Studiengänge an Fachhochschulen und höheren Fachschulen. Andreas Baud wählte für sein Betriebsökonomie-Studium die Fernfachhochschule – und machte gleichzeitig Karriere. Bis zum Bachelor-Abschluss benötigte er schliesslich fünf Jahre. Nachdem er im zweiten Studienjahr in die Geschäftsleitung aufgerückt war, arbeitete er immer Vollzeit. «Das Entscheidende, um trotzdem voranzukommen, ist die Planung», sagt der 41-Jährige. «Ich notierte für jeden Tag die Stunden und das Lernziel in einen Stundenplan – und hielt mich daran.»

Andreas Baud, Student und Marketing-Manager.

Andreas Baud, Student und Marketing-Manager.

Er lernte an zwei Abenden und manchmal am Sonntag, samstags fielen die Präsenzzeiten mit den Dozenten und Lerngruppenarbeit an. Ein Jahr vor Studienabschluss trat er eine neue Stelle als Marketing-Manager bei Victorinox an. «Zuerst habe ich gezweifelt, ob ich mitten im Studium für eine leitende Funktion angestellt werde», erzählt er. Doch dann habe man ihn gerade auch wegen des Studiums genommen. Er betont: «Es hilft sehr, wenn Studium und Arbeit zusammenpassen.» So schrieb er seine Bachelor-Arbeit über das neue Geschäftsprojekt, für dessen Aufbau er angestellt worden war.

Teilzeitstudium ist sinnvoll

Begeisterung für die Arbeit hilft. Dennoch muss, wer neben dem Studium arbeiten will oder muss, sich gut darauf vorbereiten. «Es braucht eine Realitätsüberprüfung: Meist zeichnen sich dann mehrere Möglichkeiten ab, die es gegeneinander abzuwägen gilt», sagt der Studienberater André Werner vom Berufsinformationszentrum Oerlikon. Er betont, dass ein Teilzeitstudium manchmal die bessere Lösung sei, als dann mitten im Studium überfordert stecken zu bleiben.

Gemäss Bundesamt für Statistik hat sich mit der Einführung des europäischen Bologna-Systems die Studiendauer um drei Monate verlängert. Ein Grund dafür ist sicher auch, dass sich die rigide Präsenzkontrolle schlechter mit dem Studium verbinden lässt. Doch nur 16 Prozent der Studierenden erhalten Stipendien der öffentlichen Hand, im Schnitt 760 Franken. Diese Beiträge decken weniger als einen Drittel der Lebenskosten. Sara Hildebrand sagt: «Es war für mich immer klar, dass ich neben dem Studium arbeiten will, etwas anderes kann ich mir nicht vorstellen.» Dank der zirka 40 Prozent Erwerbsarbeit brauche sie heute nur noch einen kleinen Zustupf der Eltern.

Nützliche Links Information zu Nebenerwerb: www.berufsberatung.ch/dyn/2678.aspx.

Akademische Berufsberatungsstellen: www.adressen.sdbb.ch

Ratgeber für Studierende mit Familie: www.berufsberatung.ch/dyn/13240.aspx

Flexibel studieren: www.modellf.ch

Eignungstest Fernstudium: http://www.fernfachhochschule.ch/ffhs/studieren/online-test/online-test

Stipendienstellen: http://stipendien.educa.ch/de/adressen-stipendienstellen

Stipendienanspruch: www.stipendienberatung.ch

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