Beznau

Naturschützer wollten dieses AKW

Halbinsel Beznau in Döttingen: Das Kernkraftwerk Beznau 1 (rechts) kam 1969 in Betrieb, das Schwesterwerk Beznau 2 folgte 1971. (Axpo)

Beznau

Halbinsel Beznau in Döttingen: Das Kernkraftwerk Beznau 1 (rechts) kam 1969 in Betrieb, das Schwesterwerk Beznau 2 folgte 1971. (Axpo)

Die Axpo bereitet den runden Geburtstag von Beznau 1 vor. Das Werk liefert seit dem 24. Dezember 1969 Strom ans Netz und versorgt 10 Prozent des Landes. Jetzt hoffen die Betreiber auf einen nahtlosen Übergang zu Beznau 3.

Hans Lüthi

Zukunft und Wachstum versprach die Wunderenergie, ohne die Flüsse zu verschandeln oder die Luft zu verschmutzen. Die Stromwirtschaft aber setzte nur zögerlich auf Atomkraft, weil sie zuerst das Wasserkraftwerk im Rhein zwischen Zurzach und Koblenz bauen wollte. Bundesrat Willy Spühler ermahnte die Elektrizitätswirtschaft 1964, «unmittelbar auf den Bau von Atomkraftwerken zuzusteuern». Unterstützung bekam die Bundespolitik von den Naturfreunden.

Der Naturschutzrat als Parlament des Schweizerischen Bundes für Naturschutz (SNB) befasste sich ebenfalls mit der Energiefrage und sprach sich aus wirtschaftlichen, technischen und finanziellen Überlegungen gegen neue Wasserkraftwerke aus. Der direkte Schritt zur Atomenergie wird von den Naturschützern so begründet: «Unsere Bevölkerungsdichte ist bereits so hoch, dass die Erhaltung von reinem Wasser und reiner Luft, aber auch von natürlicher Landschaft zu einer dringenden staatspolitischen Aufgabe geworden ist». Ende des Zitates.

Betrieb wenige Jahre nach Beschluss

Ein halbes Jahr nach dem Baubeschluss begannen im Herbst 1965 die Arbeiten auf der Beznau-Halbinsel in Döttingen, im Juli 1969 floss erstmals Strom ins Netz, aber die Testphase dauerte noch ein paar Monate. Dann kam der Tag, an dem nicht nur der erste kommerzielle Strom floss, sondern auch der Champagner im Kommandoraum: Am 24. Dezember 1969 nahm das erste Schweizer Atomkraftwerk den Betrieb auf. Dies nach einer unglaublich kurzen Bauzeit von 4 Jahren und 4 Monaten. Und die Döttinger waren stolz darauf, das erste Atomkraftwerk der Schweiz zu beherbergen. Beznau 2 folgte nach noch kürzerer Bauzeit schon im März 1972.

Kinderkrankheiten machten Sorgen

Das erste Jahrzehnt verlief nicht sorgenfrei: «Bald traten Kinderkrankheiten auf, die Dampferzeuger als grösste Komponenten litten unter einer unerwartet starken Korrosion», erinnert sich der frühere Kraftwerkleiter Walter Nef aus Klingnau. Das Lieferkonsortium Westinghouse (USA) und BBC musste spezielle Reparaturtechniken entwickeln. Ein herber Rückschlag für die Branche bedeutete der Unfall im Atomkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg (USA). Erkenntnisse daraus wurden in der Beznau umgesetzt.

Erneuerungen und Fernwärme Refuna

Ganz im Zeichen der technischen Aufholjagd standen die Achtzigerjahre, weil die Beznauer Werke neben Gösgen und Leibstadt nicht als veraltet dastehen wollten. «Das Nachrüstprogramm mit dem Kürzel Nano kostete 500 Millionen Franken, mit grosser Verspätung bekam dadurch auch Beznau 2 vom Bundesrat eine unbefristete Betriebsbewilligung. Nach teils knappen Volksabstimmungen in den Gemeinden startete 1984 die Regionale Fernwärmeversorgung unteres Aaretal (Refuna). Diese klimafreundliche Energieversorgung basiert primär auf Abwärme aus den Beznauer Kraftwerken und spart jährlich 13 000 Tonnen Heizöl.

Mit der Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 kam es in Russland zum GAU - mit verheerenden Folgen. Alle AKW-Betreiber der Welt gründeten darauf 1969 in Moskau die «World Association of Nuclear Operators» (Wano), damit sich ein solcher Unfall niemals wiederholen könne. Eine Erneuerung im grossen Stil prägte die letzten 20 Jahre der Beznauer Kraftwerke. Alle wichtigen Systeme zur Steuerung von Reaktor, Turbinen und Hilfssystemen sind durch modernste Leittechnik ersetzt worden. Für Nef ist klar: «Alle Menschen machen Fehler, auch die Chefs. Der richtige Umgang mit Fehlern ist ein wichtiger Lernprozess, denn nur damit kann das Fehlerniveau tief gehalten werden.»

Ohne Unterbruch zu Beznau 3?

Wie geht es mit Beznau 1 weiter, lautet die Kernfrage. «Wir rechnen mit einer Lebensdauer von mindestens 50 bis 55 Jahren», sagt Axpo-Sprecher Roland Keller, aber mindestens bis 2023. Neue Reaktordrucksystemdeckel für 100 Millionen Franken und weitere Investitionen sollen die weitere Lebensdauer sicherstellen. Wenn immer möglich mit dem Ziel, die alten Kraftwerke dann abzustellen, wenn das Ersatz-AKW Beznau 3 ans Netz geht. Mit einer Leistung von 1200 bis 1600 Megawatt könnte es den doppelten Strom produzieren wie heute beide Reaktoren zusammen. Falls die Politik zustimmt und das Schweizer Volk Ja sagt.

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