Parlament und Familie
Nationalrätin Feri stellt Sessionsrhythmus auf den Prüfstand

Ein Mandat bedeutet für Ratsmitglieder mit Kindern eine logistische Herausforderung. Die Aargauer Nationalrätin Yvonne Feri hat deshalb einen Vorstoss eingereicht, der den Sessionsrhythmus überprüfen soll.

Karen Schärer
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Lange waren Kinder im Polit-Betrieb ein totaler Fremdkörper. Als Chantal Galladé (SP/ZH) ihre elfwöchige Tochter 2005 ins Bundeshaus mitnahm, entbrannte eine heftige Kontroverse: Wenn sie noch stille, müsse sie halt eine Auszeit von der Politik nehmen, beschied ihr etwa die damalige SVP-Nationalrätin Ursula Haller.

Mit dem Einzug einer ganzen Reihe jüngerer Frauen und Männer vorwiegend in den Nationalrat ist die Vereinbarkeit von politischem Mandat und Familie auch für Parlamentarierinnen und Parlamentarier kein Randthema mehr.

Zwar können sich Ratsmitglieder, die keiner anderen Erwerbstätigkeit nachgehen, ihre Arbeitszeit zum grössten Teil flexibel einteilen und viel Zeit mit ihren Kindern verbringen. Vier Mal im Jahr während jeweils drei Wochen gerät jedoch das Familiengefüge aus dem Lot.

Dann nämlich, wenn Papi oder Mami für die Session nach Bern reist. Genau darauf zielt der Vorstoss von Yvonne Feri (AG) ab, den sie heute einreicht.

Die SP-Nationalrätin schlägt vor, den Sessionsrhythmus auf Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Politik zu überprüfen. Ihr schwebt ein «kontinuierlicherer Sessionsrhythmus» vor. «Die Zusammensetzung des Parlaments hat sich in den letzten Jahren stark verändert», sagt Feri.

Heute gebe es in den Räten eine Anzahl Frauen und Männer, die Erziehungsarbeit leisten. Und es gebe Arbeitgeber, die Mühe damit haben, dass ihre Mitarbeitenden drei Wochen am Stück praktisch abwesend sind.

Zeit mit der Tochter im Hotel

Gute Organisation und ein tolles Umfeld seien für sie Voraussetzung, um Familie und ein hohes berufliches oder politisches Engagement vereinbaren zu können, sagt Evi Allemann (SP/BE). Ist ein Kind krank, nützt aber die sorgfältigste Planung nichts. Dann braucht es häufig einen Sondereinsatz der eigenen Eltern, damit die Mamis und Papis an ihrem Arbeitsplatz im Bundeshaus nicht fehlen.

Die meisten Nationalräte bleiben während der Session unter der Woche in Bern. Damit fallen sie als Betreuungspersonen komplett aus. Jean Christophe Schwaab (SP/VD) betreut seinen zweijährigen Sohn in der Regel mehr als einen Tag pro Woche. Seine Frau hat als Spitalangestellte unregelmässige Arbeitszeiten.

Deshalb müsse die Betreuung für seinen Sohn während der Sessionen «sehr präzis geplant» werden, wie er sagt. Zur Stelle sind die beiden Grosseltern-Paare, die sowohl regelmässig im Einsatz sind als auch bei Notfällen einspringen.

Adèle Thorens, Co-Präsidentin der Grünen und gleichfalls Waadtländer Nationalrätin, darf ebenso auf die Unterstützung ihrer Eltern zählen. Diese bringen die dreijährige Tochter sogar einmal die Woche nach Bern, damit Mutter und Kind nicht so lange getrennt sind.

«Während meine Tochter bei mir ist, verpasse ich gewisse Lobbying- und Networking-Anlässe; man kann einfach nicht alles machen», sagt Thorens.

Auch Pascale Bruderer verzichtet zugunsten ihrer einjährigen Tochter auf Dauerpräsenz: «Die Sitzungszeiten des Ständerats erlauben es in der Regel, nach Hause zurückzukehren. Das kommt mir sehr entgegen», sagt die Aargauerin, deren Mann sein Arbeitspensum zugunsten der Familie reduzieren konnte.

Der Alltag ihrer Tochter sei während der Sessionen nicht völlig anders als sonst. Bei Bedarf ist ebenfalls Bruderers Mutter während der Sessionszeiten mehr im Einsatz.

Stadtberner im Vorteil

Von kurzen Wegen profitieren die Nationalräte, die in oder nahe bei der Hauptstadt leben: Andrea Geissbühler (SVP) stillt ihre kleine Tochter zu Hause. Evi Allemann kann ihren Sohn in die Kita bringen. Und Matthias Aebischer (SP) betont, seine Hausmannsaufgaben auch während der Session wahrzunehmen.

«Der nahe Wohnort gleich unterhalb des Bundeshauses ist ein Vorteil für die Vereinbarkeit von Familie und politischem Amt – doch ich stresse mich sicher auch mehr: Es gibt wohl keinen anderen Parlamentarier, der während der Sessionen für seine Familie abends kocht», sagt er.

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