Gleichstellung jetzt und überall. Das ist die Forderung des zweiten nationalen Frauenstreiks vom 14. Juni. Obwohl seit 1981 in der Verfassung verankert, sei die Gleichstellung von Mann und Frau noch immer nicht Realität. Die Frauen könnten sich am Freitag kommender Woche auf verschiedene Arten beteiligen, heisst es von Seiten der Streikkollektive. Alle sind sie aber aufgerufen, um 11 Uhr mit Aktionen am Arbeitsplatz ein gemeinsames Zeichen zu setzen.

Der Arbeitsplatz der 63 Nationalrätinnen ist an diesem Tag das Bundeshaus, es läuft die Sommersession und auf dem Programm steht unter anderem das Bevölkerungs- und Zivilschutzgesetz. Alle befragten Politikerinnen geben an, an der Sitzung teilnehmen zu wollen. «Es ist notwendig, dass wir bei den Abstimmungen anwesend sind und das nicht den Männern überlassen», sagt SP-Nationalrätin Claudia Friedl (SG).

Sitzungsunterbruch von 11 Uhr bis 11.15 Uhr

Nationalratspräsidentin Marina Carobbio von der SP will den Ratsmitgliedern allerdings die Möglichkeit geben, sich mit dem Frauenstreik zu solidarisieren. Sie werde die Sitzung am 14. Juni zwischen 11 Uhr und 11.15 Uhr unterbrechen, teilte Carobbio den Nationalrätinnen und Nationalräten am Mittwoch mit.

Der Aargauer SVP-Nationalrat Andreas Glarner will die Ratssitzung nicht für «frustrierte Frauen» unterbrechen.

Der Aargauer SVP-Nationalrat Andreas Glarner will die Ratssitzung nicht für «frustrierte Frauen» unterbrechen.

Dies sehr zum Missfallen von SVP-Nationalrat Andreas Glarner. Der Aargauer Politiker versuchte den Sitzungsunterbruch per Ordnungsantrag zu verhindern. Der Streik sei eine rein private Wahlveranstaltung einiger «frustrierter, zu kurz gekommener Frauen», so Glarner. Und weiter:

Dafür erntete er Widerspruch und Unverständnis. «Glarner meint zu wissen, was die Frauen wollen. So ein Hohn», schrieb die St. Galler SP-Nationalrätin Barbara Gysi auf Twitter. Und der Solothurner CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt meinte kurz und knapp: «Glarner nervt.» Der Ordnungsantrag scheiterte deutlich mit 114 zu 55 Stimmen.

Ebenfalls am Mittwoch forderten zehn Nationalrätinnen ihre Ratskolleginnen mit einem Schreiben dazu auf, das Bundeshaus am kommenden Freitag beim Sitzungsunterbruch zu verlassen und sich auf dem Bundesplatz zu versammeln, «um mit den streikenden Frauen ins Gespräch zu kommen und ihre Anliegen anzuhören». Ausserdem sind die Parlamentarierinnen angehalten, am 14. Juni mit dem Tragen von schwarz-violetter Kleidung ein Zeichen zu setzen.

Unterzeichnet ist der Aufruf von Nationalrätinnen aus allen Fraktionen mit Ausnahme der SVP. Für die Thurgauerin Diana Gutjahr ist der Unterbruch «nicht nachvollziehbar». Da die Sitzung spätestens um 13 Uhr ende, wäre eine Teilnahme in der Freizeit möglich gewesen, so Gutjahr. «Damit geht das Parlament mit negativem Beispiel voraus und legitimiert solche Aktionen während der Arbeits- und Schulzeit.»

Sie setze sich als Unternehmerin im Bereich des Stahl- und Metallbaus «persönlich für Frauenförderung ein», sagt Gutjahr. Ein Streik sei hingegen der falsche Weg, um effektiv etwas zu verändern: «Auf der Strasse schafft man keine Gleichberechtigung.»

Grüne wollen am 14. Juni ein Vorstosspaket einreichen

Umso mehr Unterstützung erhält der Frauenstreik in den Reihen der linken Parteien, die sich den Kampf gegen die Ungleichbehandlung der Frauen auf die Fahne geschrieben haben. So wollen die Grünen am 14. Juni ein ganzes Bündel von Vorstössen mit Forderungen zur Besserstellung der Frauen und zur Gleichstellung einreichen.

Nach Sitzungsschluss lädt der Frauendachverband Alliance F die Volksvertreterinnen zum Fototermin in die Wandelhalle und zu einem Rundgang durch eine Ausstellung des Gosteli-Archivs zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung.