Natalie Rickli wollte beim Thema Ventilklausel einfach mal ehrlich sein. «Sind wir ehrlich», sagte sie also im «Sonntalk» von «Tele Züri», das zum gleichen Verlag wie die az gehört, «die Leute regen sich halt auf, weil zu viele Deutsche im Land sind.» Und weil sie sich aufregen, wäre es laut Rickli das Beste gewesen, man hätte die Ventilklausel schon vor drei Jahren aktiviert, dann hätten nicht so viele Schweizer «ihre Arbeitsplätze» an Deutsche verloren.

So weit Ricklis wenig überraschender Beitrag zur Ventilklausel-Debatte. Etwas überraschender war, was darauf in Deutschland ausbrach. Alle grossen Online-Portale in Deutschland widmeten den Aussagen Ricklis empörte Artikel: «Spiegel-Online», «Frankfurter Rundschau», «Rheinische Post».

Auf «Focus-Online» durfte Roger Schawinski den Deutschen Rickli mit der Aussage erklären, diese sei schon mehrfach mit «dümmlichen Aussagen» aufgefallen und sich damit auch gleich noch dafür rächen, dass Rickli nicht in seine Talkshow wollte. Die Boulevardzeitung «Bild» hievte Rickli gar auf die Titelseite: als Verlierer des Tages.

Die Einwandererpartei SVP

Die «zeternde» («Focus») Nationalrätin und ihre Deutschen-Klausel erfuhren in den deutschen Medien nur wenig Verständnis. Dabei lässt sich bei näherer Betrachtung durchaus nachvollziehen, dass Rickli sich von Deutschen umzingelt fühlt. In ihrem Umfeld wimmelt es geradezu von Menschen mit deutscher Herkunft. Angefangen bei ihrem Arbeitgeber: Der CEO des Medienunternehmens, bei dem Rickli als Managerin arbeitet, ist Deutscher, wie die az am Dienstag berichtete.

Und auch in Ricklis Partei spielen deutschstämmige eine tragende Rolle. Christoph Blocher, SVP-Urvater, ist Ururgrosskind eines deutschen Einwanderers, der sich 1861 seine Einbürgerung durch die Bezahlung von 900 Franken erleichtern liess. SVP-Alt-Nationalrat Ulrich Schlüer ist Sohn eines deutschen Einwanderers aus Sachsen-Anhalt. Wie vielen Schweizern die SVP-Vorfahren damals ihre Arbeitsplätze raubten, ist nicht verbürgt. Doch es tummeln sich nicht nur deutsche Secondos unter Ricklis Parteikollegen.

Mit dem Chefwerber ist auch ein waschechter Deutscher dabei: Alexander Segert, Chef der SVP-Hausagentur Goal und Vater der Schäfchen-Plakate, ist deutscher Staatsbürger, mittlerweile hat er auch den Schweizer Pass. Damit ist die Liste der Einwandererkinder in der SVP-Fraktion noch nicht abgeschlossen. Oskar Freysinger musste sich als Kind für seine österreichische Herkunft hänseln lassen. Toni Bortoluzzi schimpften die Kinder im Dorf «Tschingg». Und mit Yvette Estermann aus der Slowakei ist gar eine Einwandererin aus einem Ventil-Klausel-Land dabei. Vielleicht wären die deutschen Journalisten unter Kenntnis dieser Umstände etwas verständnisvoller gewesen.