Mafia-Clan

Nachtklubs in der Schweiz, Schrotflinten-Morde in Italien – und der Mafia-Boss ist ein «lieber Freund»

Das Restaurant Pizzeria Bella Vista in Muri AG steht im Mittelpunkt der Anti-Mafia-Ermittlungen.

Das Restaurant Pizzeria Bella Vista in Muri AG steht im Mittelpunkt der Anti-Mafia-Ermittlungen.

Neue Details über Vertrauensleute des Mafia-Clans in der Schweiz sickern durch – und es zeigt sich auch eine Art Omertà in der Schweiz.

Das Telefongespräch, das Carmelo M.* aus seinem Auto führte, wurde von der Schweizer Polizei abgehört. Der Kalabrier sprach mit einem Unbekannten über Falschgeld. Es seien gut gemachte Banknoten, rühmte M. laut italienischen Medienberichten. Er habe sie einem anderen Mann zweimal gegeben und der habe nichts gemerkt.

Im Mai 2018 habe M. dem auf ihn angesetzten verdeckten Ermittler der Polizei gesagt, er könne 50-Euro-Scheine von bester Qualität beschaffen. Immer laut dem «Corriere della Calabria» sagte M., er selbst habe die Noten im Rotlichtmilieu erfolgreich eingesetzt.

Carmelo M., der Bauunternehmer aus Muri AG, ist angeblich die engste Vertrauensperson des Mafia-Clans der Anello-Fruci in der Schweiz. Zum engen Zirkel sollen auch sein enger Verwandter Fiore M. gehören, der bei Lugano wohnt, und Marco G., ein Wirt aus Muri AG. Alle stammen aus dem gleichen kalabrischen Dorf wie der Clan-Boss.

Gegen sie und weitere drei Personen hat die Bundesanwaltschaft am Dienstag Strafverfahren eröffnet. In Italien wurden in der koordinierten Aktion gleichzeitig mehr als 70 Vertreterinnen und Vertreter des Clans verhaftet. Dieser investierte, so die Ermittler, seit mehr als 20 Jahren Gelder kriminellen Ursprungs in der Schweiz: in Restaurantbetriebe oder Nachtklubs, in den Finanzsektor, aber auch in Handwerksbetriebe, etwa in das Maurergewerbe.

Das «Schweizer» Trio war unter hiesigen Italienern gut bekannt, viele verkehrten im gut geführten Restaurant in Muri AG. Landsleute, selbst Geschäftspartner, geben auf Anfrage an, sie hätten nie etwas gemerkt von mafiösen Umtrieben der Verdächtigen.

Auf die Dienste von Carmelo M. mit seinem Bagger griffen manche zurück, wenn Aushubarbeiten für Neubauten auszuführen waren oder wenn es galt, in Gartenanlagen italienische Natursteine zu verlegen. Aber was M. genau machte, wer alles für ihn arbeitete, das wusste angeblich keiner so genau. Und manche Befragten wollen sich, zweifellos aus Angst vor dem Clan, nicht näher äussern. Ein Mantel des Schweigens breitet sich aus – Omertà in der Schweiz.

Der Mafia-Boss, «mein lieber Freund»

Auch Fiore M., der am Dienstag kurzzeitig im Tessin verhaftet und dann wieder auf freien Fuss gesetzt wurde, wohnte bis vor etwa 20 Jahren im Kanton Aargau. Er war dort Mitbegründer eines Betriebes, dessen Geschäftszweck «Maurerarbeiten im Akkord» war. M. war ein tüchtiger Arbeiter, ein Allrounder, aber wenig später zog er mit seiner Familie ins Tessin um.

Angeblich weil er Verwandte dort hatte und weil er seine Kinder in italienischsprachige Schulen schicken wollte. Er wurde Gemeindeangestellter in einer Gemeinde von Lugano. Er beteuerte gegenüber Tessiner Medien seine totale Unschuld. Der Zeitung «La Regione» sagte er, der Clan-Boss der Anello-Fruci, Rocco Anello, sei zwar «ein lieber Freund». Aber er selbst habe alles, was er besitze, mit ehrlicher Arbeit verdient. Die Ehefrau von Fiore M. ist eine geborene Fruci.

Dem Clan gehörten Nachtklubs in der Schweiz

In einem abgehörten Telefonat sagte Carmelo M. laut der Zeitung «Corriere della Calabria», er sei seit 1982 in der Schweiz, er habe gut Geld gemacht, aber das sei für Autos und Frauen draufgegangen.

Der Kalabrier war laut den Ermittlungen angeblich auch beteiligt am «Einsammeln» von 150'000 Franken, die ein Nachtklub-Betreiber als Miete für ein Etablissement zahlen musste. Es soll um einen «Tiffany Club» gegangen sein, aber auch das «Moulin Rouge» in Schaffhausen soll, das schliessen die Ermittler, dem Clan gehört haben.

Der Vorgang zeigte den Ermittlern, dass der Anello-Fruci-Clan über Strohleute auch Nachtklubs in der Schweiz, aber auch ein Restaurant im deutschen Mainz besass.

Im Umfeld der Schweizer Nachtklubs tauchten laut italienischen Medien auch Leute auf, die bereits 1998 Ziel einer Anti-Mafia-Aktion in Italien waren. Damals ging es um den Schmuggel von Schusswaffen aus der Schweiz. Eine zentrale Figur war auch damals der Boss Rocco Anello. Der Schmuggel von Waffen aus der Schweiz nach Italien in grossem Stil gehört auch heute zu den Verbrechen, die die Ermittler dem Clan vorwerfen.

Morde mit Schrotflinten

Dieser Rocco Anello, der «liebe Freund», wird mit brutalen Verbrechen in Verbindung gebracht. So verschwanden vor Jahren laut italienischen Medien zwei junge Männer. Sie waren, während Anello eine Haftstrafe absass, angeblich die Geliebten seiner Ehefrau.

Das mochte der Boss nicht dulden. Die Männer sollen gemäss Aussagen von reumütigen Mafiosi von ranghohen Clanmitgliedern via «lupara bianca» beseitigt worden sein. «Lupara» kommt von Schrotflinte, und der Ausdruck «lupara bianca» steht für Morde unter Mafiosi, bei denen die Getöteten spurlos verschwinden.

Nur in einem Fall kam es zum Prozess, und der endete mit Freisprüchen. Es wurde zwar ein Knochen gefunden, aber der konnte nicht zweifelsfrei dem Opfer zugeordnet werden.

Es gilt für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung.

*Name der Redaktion bekannt.

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