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Nächster Halt Agglo: Warum Intercity-Züge jetzt auch in Vororten halten

Die SBB haben mit ihrem neuen Fahrplan alle bestehenden Fahrplan- reserven ausgeschöpft. Besonders im Ost-West-Verkehr. Neue Angebote für Pendler können die Zentren entlasten. Doch auch hier stösst die Bahn an ihre Kapazitätsgrenzen.

Andreas Schaffner
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SBB-Reisende in einem Intercity-Zug.

SBB-Reisende in einem Intercity-Zug.

Keystone

Jeannine Pilloud hat ein Problem, das viele andere Firmen auch gerne hätten: Sie hat immer mehr Kunden. Seit Jahren steigt die Zahl der Benutzer. Im letzten Jahr beförderte die Bahn 1,18 Millionen Personen pro Tag. Im Schnitt fuhr ein Kunde 41,1 Kilometer pro Fahrt.

Doch die Schweiz hat gleichzeitig eines der dichtestbefahrenen Netze der Welt. Deshalb stehe nun ein anspruchsvoller Fahrplanwechsel bevor, sagte die Leiterin Personenverkehr bei den SBB gestern anlässlich der Präsentation des neuen Fahrplans, der ab 13. Dezember gültig ist. Denn das Schienennetz wird mit dem Fahrplanwechsel noch einmal stärker genutzt. Insgesamt wird laut den SBB das Angebot im Fernverkehr um 660 000 Zugkilometer oder rund ein Prozent ausgebaut, im Regionalverkehr sind es gar 2,7 Millionen oder 3,3 Prozent.

Dies wird möglich, weil in Zürich der Durchgangsbanhof erstmals Wirkung zeigt: Die mit 1156 Metern längste Eisenbahnbrücke der Schweiz, die Letzigrabenbrücke, als Bestandteil der sogenannten Durchmesserlinie wird in Betrieb genommen. Für die Region Zürich ist damit die Zeit gekommen, dass «notorische Kapazitätsengpässe» abgebaut werden können, wie Franz Kagerbauer, Direktor des Zürcher Verkehrsverbunds, sagte. Der Fahrplanwechsel betrifft jedoch alle anderen Regionen völlig unterschiedlich.

Sicher ist jedoch laut Kurt Schreiber von der Vereinigung Pro Bahn Schweiz, dass mit dem neuen Fahrplan kein Stein auf dem anderen bleibe: «Die SBB stossen wirklich an die Kapazitätsgrenzen. Das Umsteigen auf den öffentlichen Verkehr wird gleichzeitig vielen noch stärker vereinfacht.»

Pendlerströme bewältigen

Das Problem der Bahn ist jedoch nicht die Menge an sich, sondern dass es zwei Spitzenzeiten gibt, die das System sehr stark belasten: Wie soll es weitergehen mit der Steuerung der steigenden Pendlerströme, die in den Hauptbahnhöfen kaum mehr zu bewältigen sind? Eine Möglichkeit ist, dass die Zentren entlastet werden. Dazu starten die SBB im Dezember mit dem Fahrplanwechsel einen Pilotversuch. Die Bundesbahnen wollen einen bestehenden Intercity-Zug, der täglich um 6.47 Uhr ab Zürich HB nach Bern fährt, in Zürich Altstetten und Bern Wankdorf anhalten lassen. Auch in Gegenrichtung sollen solche Einschubzüge eingeführt werden.

Solche Tangentialverbindungen sind ein Teil des 2014 vom Stimmvolk beschlossenen Konzepts zur Finanzierung und Ausbau der Eisenbahninfrastruktur (Fabi). Mit diesen Zügen sollen Agglomerationskerne verbunden werden und gleichzeitig die Hauptbahnhöfe entlastet werden. Damit ein solcher Halt durchgeführt werden kann, braucht es jedoch offenbar eine Bewilligung des Bundesamts für Verkehr. Diese ist Stand heute noch nicht eingetroffen. «Dazu kann ich nichts sagen», sagte Jeannine Pilloud gestern. Sie steht jedoch zum Versuch: «Man kann nicht sagen, ob es funktioniert, wenn man es nicht ausprobiert hat. Dass es ein interessantes Projekt ist, ist klar.» Man werde jedoch die Kundenbedürfnisse testen, bevor man ähnliche Schritte in anderen Regionen ankündige.

Test mit Tangentialzügen

Bahnspezialist Kurt Schreiber findet dieses neue Angebot grundsätzlich begrüssenswert. «Ich habe schon vor Jahren gefordert, dass die Intercity-Züge regelmässig in Oerlikon halten. Gleiches ist heute mit Wankdorf und Zürich Altstetten denkbar. Aber auch in der Region Basel mit Pratteln.» Vorbilder sieht Schreiber etwa in Wien, wo die Fernverkehrszüge jeweils an einem Vororts-Bahnhof halten würden. Das Problem ist jedoch laut Schreiber, dass sich einerseits die Fahrzeit selber mit einem solchen Schritt verlängert und die Kapazität der Strecke reduziert wird. «Kommt hinzu, dass die Länge der Perrons in den Bahnhöfen nicht ausreicht, um jeden IC anhalten zu lassen.» Pendler, die jedoch etwa nach Wankdorf bei Bern fahren müssten — es sind dies neben den SBB-Angestellten, die ihren neuen Hauptsitz dort haben, auch Mitarbeiter der Swisscom —, könnten aber trotz allem Zeit sparen, da sie nicht das Tram oder die S-Bahn benutzen müssen.

Neue Doppelstöcker 2017

Auch für Mathias Rellstab von der «Schweizer Eisenbahn-Revue» macht ein solches Angebot grundsätzlich Sinn, da es die grossen Hauptbahnhöfe und die vollen S-Bahn-Züge etwas entlasten könnte. Er bezweifelt jedoch, ob es in der Schweiz Potenzial für viele solche Verbindungen gibt. «Es braucht eine genügend grosse Menge von Reisenden, damit eine Linie betrieben werden kann.» Für ihn sei klar, dass ein solches Angebot, das zwei wichtige SBB-Bürostandorte verbindet, bei SBB-Mitarbeitern sicher gut ankommt. Ob es auch in Regionen eingeführt werden könne, wagt er zu bezweifeln.
Grössere Hoffnungen setzt er auf die künftigen doppelstöckigen Zugskompositionen von 400 Meter Länge. Diese sollen hauptsächlich auf der Achse St. Gallen–Genf eingesetzt werden, allerdings nicht vor 2017, weil die neuen Züge mit Verspätung geliefert werden. Dafür werden im nächsten Jahr einige grosse Bahnhöfe, wie etwa Lausanne, ausgebaut.

Meilensteine der Bahngeschichte

15. Juni 1844 Die französischen Eisenbahnen verbinden Basel mit St-Louis.

9. August 1847 Die erste innerschweizerische Bahnverbindung, die Spanischbrötlibahn zwischen Zürich und Baden, wird eröffnet.

1852 Im ersten Eisenbahngesetz wird das Bahnwesen den Privaten überlassen.

1862 Die durchgehende Bahnverbindung Bodensee–Genfersee wird Tatsache.

1882 Mit deutscher und italienischer Finanz-Unterstützung wird die Gotthardbahn fertiggestellt.

20. Februar 1898 Das Volk beschliesst an der Urne die Verstaatlichung der wichtigsten Hauptlinien und stimmt der Gründung der Schweizerischen Bundesbahnen zu.

1906 Der Simplontunnel wird dem Betrieb übergeben.

1913 Die Lötschberg-Strecke wird eingeweiht.

1916 bis 1960 Die Bahnstrecken werden elektrifiziert.

1937 Das schweizerische Bahnnetz erreicht seine grösste Ausdehnung mit 5917 Kilometern. Durch Stilllegung von Nebenstrecken (meist Schmalspur) schrumpft es bis Ende des 20. Jahrhunderts auf rund 5300 Kilometer.

3. Juni 1955 Die 3. Klasse wird in ganz Europa abgeschafft.

1968 Die SBB mustern die letzten Dampflokomotiven aus.

23. Mai 1982 Die Schweizer Bahnen führen den Taktfahrplan ein.

1. Januar 1987 Im Nachgang zur Debatte um das Waldsterben senkt das Parlament den Preis des Halbtax-Abos von 360 auf 100 Franken.

27. Mai 1990 Die S-Bahn Zürich nimmt als erste S-Bahn der Schweiz den Betrieb auf.

12. Dezember 2004 Mit dem grössten Fahrplanwechsel der schweizerischen Bahngeschichte und der Inbetriebnahme der Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist startet die Bahn 2000. Die Fahrzeit Bern–Zürich verkürzt sich von 69 auf 58 Minuten.

11. Dezember 2005 Mit dem Fahrplanwechsel am 11. Dezember 2005 verbieten die Schweizer Bahnen das Rauchen in allen Zügen.

15. Oktober 2010 Nach zehnjähriger Bauarbeit wird der 57 Kilometer lange Gotthard Basis-Tunnel durchstochen. Die Eröffnung ist für Dezember 2016 geplant.

15. Juni 2014 Die Durchmesserlinie im Hauptbahnhof Zürich wird eröffnet. (nch)