Bundesanwaltschaft

Nachgefragt bei einem Psychologen: «Dass sich Lauber nicht erinnert, erscheint mir plausibel»

Beat Meier ist Professor für Psychologie an der Universität Bern.

Beat Meier ist Professor für Psychologie an der Universität Bern.

Bundesbern mutmasst darüber, ob es sein kann, dass sich weder Bundesanwalt Michael Lauber nicht an ein drittes Treffen mit Fifa-Chef Gianni Infantino erinnert. Wir haben Beat Meier, Professor für Psychologie an der Universität Bern, nachgefragt.

Beat Meier, ist es plausibel, dass sich weder Bundesanwalt Lauber noch Fifa-Boss Infantino an ihr drittes Treffen erinnern?

Beat Meier: Der Kontext der Stellungnahmen wirft Fragen auf. Aber grundsätzlich erscheint es mir nachvollziehbar, dass ein viel beschäftigter Mensch sich nicht mehr erinnern kann, ob es nun zu zwei oder zu drei informellen Treffen gekommen ist.

Welche Umstände könnten ein solches Vergessen begünstigen?

Ein Faktor ist Stress. Wenn jemand sehr vieles erlebt, erinnert er sich an weniger. Das könnte in diesem Fall eine Rolle gespielt haben. Umgekehrt hängt das Gedächtnis auch mit der Aufmerksamkeit zusammen. Wenn wir davon ausgehen, dass Michael Lauber und Gianni Infantino einander aufmerksam zugehört haben, müsste dies das Erinnern begünstigen.

Ist der Chef der Weltfussballorganisation nicht wichtig genug, dass man sich zwei Jahre später noch an ein Treffen mit ihm erinnert?

Die Wichtigkeit eines Ereignisses hat tatsächlich einen starken Einfluss auf das Erinnern. Aber um das zu beurteilen, müssten wir den Inhalt des Gesprächs kennen. Die Wichtigkeit der Person Infantino reicht für Lauber nicht unbedingt aus, um sich zu erinnern. Ich gehe davon aus, dass er sich in einem illustren Umfeld bewegt, bei dem eine Person wie Infantino nicht dermassen heraussticht.

Spielt es für das Erinnern eine Rolle, ob das Ereignis positiv oder negativ wahrgenommen wurde?

An emotionale Ereignisse, ob positiv oder negativ, erinnert sich der Mensch besser. Wenn aber das Treffen mit Infantino ein Ereignis unter vielen war und relativ neutral verlief, erscheint es mir plausibel, dass sich Lauber nicht daran erinnert.

Lassen sich Erinnerungen auch gezielt verdrängen?

Motiviertes Vergessen gibt es durchaus. Wir können bewusst ein Ereignis verdrängen, bis wir selber nicht mehr daran glauben, dass es stattgefunden hat. Dieses Phänomen zeigt sich besonders oft, wenn das Ereignis starke gesellschaftliche Konsequenzen haben könnte. In solchen Fällen ist es denkbar, dass jemand seine eigenen Lügen glaubt.

Das Gedächtnis speichert also nicht nur die Wahrheit ab?

Nein, im Gedächtnis haben wir kein Foto des ursprünglichen Events. Was ursprünglich passierte, vermischt sich mit dem, was wir wieder und wieder abgerufen haben.

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