25 Franken bar auf die Hand und die Betreuerin bleibt extra eine halbe Stunde länger: So unkompliziert lassen sich Öffnungszeiten von Kindertagesstätten (Kitas) selten umgehen. Die Realität sieht anders aus. Als fortschrittlich gilt heute, wenn die Kita erst um 18.30 Uhr ihre Türen schliesst. Erwerbstätige Eltern mit flexiblen Arbeitszeiten können damit umgehen und für Notfälle wie verspätete Züge findet sich schon eine Lösung.

Schwieriger ist es für den Krankenpfleger, die Pianistin, den Polizisten, die Köchin oder den Journalisten. Haben beide Elternteile oder Alleinerziehende unregelmässige Arbeitszeiten, wird die ausserfamiliäre Kinderbetreuung kompliziert: In Kitas gelten in der Regel fixe Wochentage und fixe Zeiten. Wer nach 18.30 Uhr oder am Wochenende einen Betreuungsplatz braucht, muss sich meist selbst behelfen.

Samstags in die Kita

Die Öffnungszeiten von Restaurants, Fabriken oder Konzerthallen sind kaum Kita-kompatibel. «In der Schweiz existieren in Kitas und schulergänzenden Betreuungsreinrichtungen so gut wie keine Angebote für dieses spezifische Bedürfnis», schreibt der Bundesrat. Die Stadt Bern stellte 2016 in einer Evaluation fest, dass spezielle Öffnungszeiten am Wochenende oder abends gar abgenommen haben. Wohl auch, weil wegen der Berner Tariflimiten die finanziellen Möglichkeiten der Kitas beschränkt sind, heisst es in dem Bericht.

Der Bund soll mehr Geld für die Kinderbetreuung zahlen – Stimmen aus der Wandelhalle

Der Bund soll mehr Geld für die Kinderbetreuung zahlen – Stimmen aus der Wandelhalle

Bern - 12.05.2017 - SP-Nationalrätin Min Li Marti (ZH) und Hans-Ulrich Bigler (ZH), FDP-Nationalrat und Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes im Video-Interview.

Dabei stellt Fabian Haindl fest: «Die Nachfrage nach flexiblen Betreuungsangeboten nimmt zu.» Der Treuhänder ist Mitbegründer der Kinderkrippe «Small Foot» mit 20 Standorten in der Innerschweiz und im Aargau. Small Foot betreibt in Luzern genau eine Kita, die auch samstags geöffnet ist – die einzige in der Stadt. «Die Grundauslastung ist zwar solide, doch das Angebot ist quersubventioniert», sagt Haindl.

Die Firma kann es sich aufgrund ihrer Grösse aber leisten. «Wir setzen mit diesem Angebot ein Zeichen gegen aussen», sagt Haindl. «Wir pflegen die Flexibilität, und das ist ein grosser Wettbewerbsvorteil.» Hilfreich ist für das Luzerner Unternehmen die Kooperation mit Spitälern und Unternehmen. Fabian Haindl ist überzeugt: Die Wirtschaft muss mehr einbezogen werden und die flexiblen Angebote mittragen. Dazu gehört bei Small Foot auch, dass keine Kita voll ausgelastet ist und damit Platz für kurzfristige Anfragen bleibt. Doch auch hier gilt: Small Foot kann sich das Freihalten von Kapazitäten leisten, weil unter anderem das Kantonsspital Luzern ein Interesse daran hat und sich finanziell beteiligt.

Kinderkrippen werden günstiger

Kinderkrippen werden günstiger

Der junge Familienvater Jonas Fricker (Grüne) begrüsst eine stärkere staatliche Unterstützung, die mehrfache Mutter Andrea Geissbühler (SVP) findet das «völlig daneben».

Geld für bessere Angebote

Am Dienstag beschloss nach dem Ständerat auch der Nationalrat, dass Kantone und Gemeinden über fünf Jahre hinweg für die Kinderbetreuung rund 100 Millionen Franken als Anstossfinanzierung erhalten sollen. Haindl begrüsst es, dass 15 Millionen Franken für Projekte vorgesehen sind, mit denen die Betreuungsangebote besser auf die Bedürfnisse der Eltern zugeschnitten werden: «So können wir neue Projekte entwickeln und den Markt testen», sagt er.

«Ginge es alleine um Öffnungszeiten und mehr Flexibilität, könnte man den Markt spielen lassen», sagt hingegen die Zürcher BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti. Es gebe keinen hohen Bedarf für Kitas, die bis 20 Uhr geöffnet seien. «Wichtiger ist es, neue Modelle zu entwickeln und die Zusammenarbeit zwischen bestehenden Betreuungsangeboten zu verbessern», so die Präsidentin von Kibesuisse, dem Verband Kinderbetreuung Schweiz. Etwa die Kombination von Tagesstruktur und Tagesfamilie.

Bund beteiligt sich stärker

Grossen Nachholbedarf ortet Quadranti bei den schulergänzenden Angeboten – insbesondere die Ferienbetreuung sei in vielen Kantonen «sehr schlecht». Auch solche Projekte will das Parlament mit dem 15-Millionen-Kredit anschieben. Ob das Geld reicht, werde man sehen, sagt Quadranti. Doch auch hier gelte, dass die Vernetzung wichtig sei: «Es gibt schon heute viele Ferienangebote, nur müssen sie besser an die Bedürfnisse von erwerbstätigen Eltern angepasst werden», sagt die BDP-Fraktionschefin.

Seit 2003 hat der Bund mit einer bereits zweimal verlängerten Anschubfinanzierung die Schaffung von 52 000 ausserfamiliären Betreuungsplätzen mitfinanziert. Diese Plätze sind vor allem im Vorschulalter entstanden. Das Angebot ist zwar nicht in allen Regionen gleich gross, doch in gewissen Städten gibt es Sättigungstendenzen. Nach diesem Aufbau folgt nun also Phase zwei: mehr Flexibilität, mehr schulergänzende Angebote – und tiefere Preise für Eltern. Mit 82,5 Millionen Franken will der Bund erreichen, dass sich die Gemeinden und Kantone stärker an den Betreuungskosten beteiligen. Steigern die Kantone ihren Anteil, bekommen sie vom Bund befristet Geld.

Das grösste Manko im Land

Für Rosmarie Quadranti sind die hohen Kosten klar das grösste Manko in der Schweiz: «Für den Mittelstand und Gutverdienende sind die Betreuungskosten zu hoch.» Zu diesem Schluss kam auch ein Ländervergleich des Bundesamts für Sozialversicherungen. In Deutschland, Österreich und Frankreich tragen die Eltern einen wesentlich geringeren Anteil der Kosten für einen Betreuungsplatz, nämlich zwischen 14 und 25 Prozent. Im Kanton Zürich liegt der Wert bei 66, in der Waadt immerhin noch bei 38 Prozent.

Trotz den Entscheiden im Parlament bleibt noch viel zu tun. Letzte Woche publizierte der Bund einen breit angelegten Familienbericht. Eine Kernaussage daraus: «Die heutige Generation junger Eltern kann als pragmatische Elterngeneration unter Druck bezeichnet werden. Das klassische Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben bleibt weiterhin hoch aktuell.»

«Kinderbetreuung ist keine Frage der Ideologie mehr» - den Kommentar von «Nordwestschweiz»-Chefredaktor Patrik Müller zum Thema lesen Sie hier.