Nachbarland
Deutsche Arbeitgeber sticheln gegen die Schweiz: Für sie ist das Nachbarland kein Vorbild und «das Schlusslicht»

Für die einen mustergültig, für die anderen das pure Gegenteil: Wie deutsche Linke und Wirtschaftsvertreter auf die hiesige Familienpolitik blicken.

Sven Altermatt
Merken
Drucken
Teilen
Die Schweiz kennt nun einen Vaterschaftsurlaub, Deutschland nicht. Im Nachbarland gibt es dafür eine ausgedehnte Elternzeit. Doch die Tücken liegen in den Details.

Die Schweiz kennt nun einen Vaterschaftsurlaub, Deutschland nicht. Im Nachbarland gibt es dafür eine ausgedehnte Elternzeit. Doch die Tücken liegen in den Details.

Bild: Keystone

Ihr Wort hat viel Gewicht. Schliesslich ist sie eine der einflussreichsten Lobbyorganisationen Europas. In Deutschland, der grössten Volkswirtschaft des Kontinents, vertritt sie die gebündelten Interessen der Wirtschaft: die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände, kurz BDA.

Da erregt es Aufsehen, wenn sie sich mit den Belangen eines anderen Landes befasst. In einem aktuellen Positionspapier äussert sich die BDA zur Situation frischgebackener Eltern in der Schweiz. Viel Schmeichelhaftes haben die Arbeitgeber dazu nicht zu sagen: Punkto Gleichstellung wird die Schweiz als wenig fortschrittlich taxiert. Mit 14 Wochen Mutterschaftsurlaub und zwei Wochen für den Vater sei das Land schlicht «das Schlusslicht».

Ausgerechnet die deutsche Wirtschaftslobby also, die gegenüber entsprechenden Regulierungen naturgemäss skeptisch ist, hält die Schweiz bei der Familienpolitik für mickrig?

«Beginnt eine Frau früher wieder zu arbeiten, verfällt der übrige Anspruch», zählt die BDA auf. Auch eine Stückelung des Mutterschaftsurlaubs, wie er anderswo möglich ist, sei in der Schweiz ausgeschlossen. «Darüber hinaus kann der Vater keine Zeit der Mutter für sich in Anspruch nehmen», heisst es weiter. Gesetzlich stünden ihm lediglich zwei Wochen zur Verfügung. Abschliessend stichelt die Bundesvereinigung gegen die Schweiz: «Es fragt sich, ob das das Vorbild ist, das angestrebt wird.»

Damit Väter länger beim Kind bleiben

Tatsächlich ist es eben gerade die Schweiz, die für ein familienpolitisches Projekt in Deutschland als Vorbild herhalten muss. Und so wird das Land unversehens zum Streitobjekt in einer emotionalen Kontroverse. Dabei geht es um ein Herzensanliegen der Partei Die Linke. Sie will ein umfassendes Elternschutzgesetz einführen. Väter sollen nach der Geburt eines Kindes zehn freie Tage bei vollem Lohnausgleich bekommen.

Einen klassischen Vaterschaftsurlaub gibt es in Deutschland heute nicht. Allerdings können Mütter und Väter je eine Elternzeit von bis zu 36 Monaten beziehen. Dabei haben sie Anspruch auf höchstens 14 Monate Elterngeld, das zwischen den Partnern aufzuteilen ist. Rund 60 Prozent der Väter nehmen jedoch überhaupt keine Elternzeit.

Mit ihrem Vorschlag wollen die Linken die Bindung zum Kind stärker fördern. Väter sollen frühzeitig Verantwortung übernehmen und sich so die Erziehungsarbeit später besser mit den Müttern teilen, lautet die Idee. Es geht um eine Schlüsselfrage, wie es die Zeitung «Welt» formulierte: «Soll der Staat die gesellschaftliche Realität durch neue Anreize beeinflussen oder sich raushalten?»

Zweifelhaftes Vorbild der deutschen Linke

In ihrem Antrag im Berliner Bundestag verweisen die Linken prominent auf die Schweiz. «Mit gutem Beispiel» sei sie vorangegangen. Konkret nennen sie den zweiwöchigen bezahlten Vaterschaftsurlaub, der nach einer Volksabstimmung im September 2020 eingeführt worden ist.

Allein deswegen, finden wiederum die Arbeitgeber, tauge die Schweiz noch lange nicht als Vorbild. Die BDA spricht sich in ihrem Positionspapier gegen zehn Extratage für Väter aus. Ihrer Ansicht nach ist die Forderung nicht geeignet, um die Aufteilung von Arbeit und Kinderbetreuung zwischen den Partnern zu fördern. «Allein durch die Multiplizierung von Ansprüchen werden keine neuen Anreize für ein bestimmtes Verhalten gesetzt», hält der Verband fest.

Als Oppositionspartei dürften es die Linken mit ihrer Forderung ohnehin schwer haben. Aus Schweizer Warte zeigt die Affiche zumindest, wie schnell man auf dem Präsentierteller landet – und wieder runterfliegt.

Elternzeit in der Schweiz?

Von einer Elternzeit will die Sozialkommission des Nationalrats direkt nichts wissen. Sie hat einen entsprechenden GLP-Vorschlag deutlich abgelehnt. Im Kern forderte Nationalrätin Kathrin Bertschy einen Elternurlaub mit der Mutterschaftsentschädigung von 14 Wochen und einer Vaterschaftsentschädigung von maximal 14 Wochen. Immerhin: Per Postulat verlangt die Kommission, dass der Bundesrat die «gesamtwirtschaftlichen Kosten und Nutzen» der Elternzeitmodelle prüft. Der Entscheid fiel knapp. (chm)