Nach dem heftigen Unwetter vom Donnerstag über dem Gelände des Eidgenössischen Turnfests in Biel verteidigt Turnfest-Direktor Fränk Hofer das Vorgehen der Organisatoren. Eine vorzeitige Evakuierung des Geländes hätte grosse Risiken geborgen, so Hofer.

Er und sein Team bewegten sich in einem Spannungsfeld, gab der Turnfest-Direktor gestern vor den Medien zu bedenken. 15 000 Menschen, die bei viel Sonnenschein Wettkämpfe bestritten und feierten, auf Vorrat und ohne erkennbaren Grund zu evakuieren, hätte leicht zu Eskalationen führen können.

Die Organisatoren seien bereits am Mittwochabend von den Meteorologen über eine drohende Gewitterfront informiert worden, sagte Hofer. Meteo Schweiz habe eine Gewitterwarnung der Stufe drei herausgegeben.

Wetter war besser als Prognose

«Doch das sind Prognosen, die sich im Verlaufe eines Tages noch ändern können», sagte Hofer. Und tatsächlich habe sich das Wetter im Verlauf des Donnerstags auch zunehmend besser präsentiert als vorhergesagt. Gegen 17.30 Uhr sei dann die Meldung eingegangen, dass es in Neuenburg Hagel gebe und heftig stürme.

Die Warnstufe sei auf drei verblieben, sagte Franklin Cooper, Co-Leiter Polizei und Sicherheit. Von da an sei das Führungsteam zusammen mit der Polizei permanent im Führungszentrum gewesen und habe die letzten Wetterdaten analysiert.

Bei Meteo Schweiz habe man sich proaktiv erkundigt. «Wir wollten gerade die Evakuierung auslösen, da ging es auch schon mit den ersten Notrufen los», schilderte Hofer die dramatischen Minuten.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Der Gewittersturm, der über die Bielerseeregion zog, forderte am Turnfest nach ersten Erkenntnissen der Polizei total 76 Verletzte, schreibt die Berner Kantonspolizei in einer Mitteilung. Ein Mann und eine Frau trugen schwere Verletzungen davon.

Viele Verletzte hätten sich selber in Kliniken begeben können. Die meisten Patienten konnten die Spitäler bereits wieder verlassen. Gestern befanden sich nach Angaben der Polizei noch 15 Personen in fünf verschiedenen Spitälern in Pflege.

Die Berner Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht. Um den Hergang der Ereignisse möglichst genau rekonstruieren zu können, setzten die Ermittler unter anderem auch einen Mini-Helikopter ein.

Ausserdem wurden mehrere Personen befragt, weitere Befragungen sollen folgen. Die Veranstalter dürften auch mit Haftungsfragen konfrontiert werden, wie Turnfest-Direktor Hofer sagte. Das Turnfest sei entsprechend versichert.

Vom Wetterpech verfolgt

Der Sturm vom Donnerstag war bereits der zweite, der das «Eidgenössische» der Turner überschattet. Schon vor einer Woche musste das Gelände kurz vor der offiziellen Eröffnungsfeier evakuiert werden («Die Nordwestschweiz» berichtete). Damals wurden lediglich drei Personen leicht verletzt.

Den vom Wetterpech verfolgten Turnern schlägt viel Sympathie und Mitgefühl entgegen. Der Bundesrat wünschte den Verletzten gute Genesung, wie Bundesratssprecher André Simonazzi vor den Medien sagte. Nationalratspräsidentin Maya Graf drückte ihr Bedauern über die Folgen des Unwetters am Turnfest aus. Die Berner Kantonsregierung zeigte sich am Freitag in einer Mitteilung betroffen von den Vorfällen.

Schlussfest nicht garantiert

Auf Social-Media-Plattformen wie Twitter warfen viele die Frage auf, warum die Organisatoren das Gelände nicht vorzeitig evakuiert hatten. Daneben demonstrierte die Twitter- und Facebook-Gemeinde aber auch ihre Solidarität. «Wer, wenn nicht die Turner sagen sich: aufstehen, Krone richten und weitergehen», war etwa zu lesen.

Das Turnfest ging gestern weiter. Ob es am Sonntag unter den gegebenen Umständen auch eine Schlussfeier gibt, liessen die Organisatoren vorderhand noch offen.